Syrien
Die Terrormiliz in der Krise: Tod seines Propaganda-Chefs trifft den IS schwer

Abu Mohammed al-Adnani ist tot – er war verantwortlich für die Schock-Videos von Enthauptungen. Bereits zuvor waren hohe Kommandeure der Terrormiliz durch Luftangriffe gestorben. Experten sehen darin ein Indiz dafür, dass der IS nicht einmal mehr seine Führungsspitze schützen kann.

Martin Gehlen (Kairo) und Dagmar Heuberger
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Abu Mohammed al-Adnani war Propaganda-Chef und Chefplaner des IS. Keystone

Abu Mohammed al-Adnani war Propaganda-Chef und Chefplaner des IS. Keystone

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Wer hat Abu Mohammed al-Adnani getötet? Zunächst hiess es, der Propaganda-Chef der Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) sei bei einem «Präzisionsschlag» der US-geführten Anti-IS-Allianz in der Stadt al-Bab in der syrischen Provinz Aleppo ums Leben gekommen. Sein Wagen sei von der Rakete einer amerikanischen Drohne getroffen worden.

Später beanspruchten die russischen Streitkräfte die Tötung al-Adnanis für sich. Das Führungsmitglied des IS habe zu einer Gruppe von bis zu 40 IS-Mitgliedern gehört, die russischen Luftangriffen in der Region Aleppo zum Opfer gefallen seien. Mehrere «Geheimdienstkanäle» hätten dies bestätigt.

Die IS-nahe Agentur Amaq meldete den Tod von Adnani, der auch direkt an der Planung der Terroranschläge in Brüssel und Paris beteiligt gewesen sein soll. «Er starb als Märtyrer, während er Operationen inspizierte, mit denen Militärangriffe gegen Aleppo zurückgeschlagen werden sollten», schrieb Amaq und kündigte Rache an.

Das Pentagon dagegen gab sich zunächst zurückhaltend. Es bestätigte zwar, dass Adnani ins Visier genommen worden sei, nicht aber dessen Tod. Die Wirkung des Präzisionsschlages werde noch ausgewertet, erklärte ein Sprecher.

Fünf Millionen Dollar Kopfgeld

Al-Adnani war einer der meistgesuchtesten Terroristen der Welt. Die USA hatten ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt. Sein Tod dürfte als gewiss gelten, da alle bisher über offizielle IS-Kanäle bekannt gegebenen Tode von Führungskadern der Wahrheit entsprachen.

Zuvor waren bereits die Nummer zwei, Finanzchef Abd ar-Rahman Mustafa al-Qaduli, und einer der besten Kommandeure, der Tschetschene Omar al-Shishani, durch Luftangriffe gestorben. Experten sehen darin ein Indiz dafür, dass der IS nicht einmal mehr seine Führungsspitze schützen kann.

Auch wenn al-Adnani schnell durch einen Nachfolger ersetzt werden wird, ist sein Tod ein weiterer schwerer Schlag für die Extremisten. Der IS steht von allen Seiten unter Druck: von den USA und Russland, von Iran, Saudi-Arabien und der Türkei sowie von der irakischen Armee, syrischen Rebellen und kurdischen Milizen.

Al-Adnani, der mit bürgerlichem Namen angeblich Taha Sobhi Falaha hiess, wurde 1977 im Städtchen Binnish in der nordsyrischen Provinz Idlib geboren. Nach Angaben ehemaliger Nachbarn waren seine Eltern extrem arm, die Kinder mussten zum Lebensunterhalt in Olivenhainen reicher Bauern die Bäume wässern.

Al-Adnani ging 2003 in den Irak, wo er dem Chef von al-Kaida im Irak, Abu Mussab al-Sarkawi, die Treue schwor und von Anfang an mit al-Kaida gegen die US-Invasion kämpfte. Dort soll er zeitweise auch im südirakischen Camp Bucca gewesen sein, wo 24'000 Iraker eingesperrt waren. Radikale Prediger, entlassene Soldaten und Geheimdienstler wohnten Zelle an Zelle. Viele aus der heutigen Führung des Islamischen Staates lernten sich in diesem Hochsicherheitskomplex kennen.

2011 kehrte al-Adnani nach Syrien zurück und schloss sich zunächst der Al-Nusra-Front an. Drei Jahre später gehörte er zu den Mitbegründern des Islamischen Staates, nachdem sich der selbst ernannte IS-Kalif Abu Bakr al-Baghdadi mit der Al-Kaida-Führung in Afghanistan überworfen hatte. Im IS stieg er schnell zum Propaganda-Chef auf und war verantwortlich für die schockierenden Videos von Enthauptungen und Massakern, die in der Hochphase des IS Abertausende Rekruten aus mehr als 80 Staaten der Welt anlockten.

Gleichzeitig war al-Adnani Chef der hochkonspirativen IS-Abteilung für Auslandseinsätze, wie verhaftete Gesinnungsgenossen aussagten. Diese Spezialzentrale soll vor allem in Europa Attentate organisieren oder Sympathisanten vor Ort zu Bluttaten anstacheln.

«Tötet sie, wo immer ihr könnt»

Schon im September 2014 rief der Drahtzieher des Terrors in einer 42 Minuten langen Tirade alle Muslime der westlichen Länder auf, Europäer und Amerikaner zu töten, vor allem die «dreckigen Franzosen, wo immer und wie immer ihr könnt.

Schlagt ihnen mit einem Stein den Schädel ein, stecht sie mit einem Messer ab, überfahrt sie mit eurem Auto, werft sie von einem hohen Ort, erwürgt sie oder vergiftet sie», hetzte er – eine hasserfüllte Saat, die dann bei den Massakern in Paris und Brüssel, in Nizza und der Normandie, in Orlando und Istanbul sowie in Würzburg und Ansbach aufging.