Reise des Grauens
Die Hoffnung auf Erholung führte mich vom Massaker von Las Vegas – direkt ins Inferno von Kalifornien

AZ-Sportredaktor Rainer Sommerhalder wird die USA-Herbstferien mit den Zwillingstöchtern nie vergessen. Selbst die Hoffnung auf Durchatmen im idyllischen Norden Kaliforniens nach dem hautnah miterlebten Massenmord in Las Vegas erweist sich als falsch – es kommt zum nächsten Schock. Ein Erlebnisbericht.

Rainer Sommerhalder
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Wie die Ferien zu einem Schicksals-Tripp wurden.
7 Bilder
Vom Feuer zerstörte Häuser und Fahrzeuge in Santa Rosa.
In Kalifornien versucht ein Feuerwehrmann Herr der Lage zu werden. Zehntausende verliessen letzte Woche ihre Häuser vor dem Feuer.
Gedenken an die Toten. "Nordwestschweiz"-Sportredaktor Rainer Sommerhalder war in Las Vegas in den Ferien, als er das Massaker miterlebte.
Trauerbekundungen nach dem Attentat des US-Amerikaners.
Ermittler stellen in einem Haus des Todesschützen von Las Vegas, Stephen Paddock, jede Menge Sprengstoff sicher.
Es geschah am 1.Oktober in Las Vegas: 58 Tote, Hunderte Verwundete - der Todesschütze hiess Stephen Paddock.

Wie die Ferien zu einem Schicksals-Tripp wurden.

KEY/NCH

Las Vegas liegt fern jeglicher Realität. Vielleicht ist das der Grund, wieso wir uns so schwer tun, das aus nächster Nähe miterlebte Massaker an unschuldigen Besuchern eines Country-Festival durch einen offensichtlich geisteskranken Todesschützen in unserer Gefühlswelt einzuordnen.

Fünf Minuten, bevor Stephen Paddock 58 Menschen mit einer automatischen Waffe in den Tod schickte, befinde ich mich mit meiner Tochter Samira noch in der direkten Schusslinie. Ihre Zwillingsschwester Nina ist während der Schiesserei draussen in unmittelbarer Nähe des Tatorts, ohne dass wir ihren genauen Aufenthaltsort kennen. Später erzählt sie uns, dass ein Polizist sie und ihren amerikanischen Freund aus der Gefahrenzone in ein angrenzendes Casino trieb.

Auf eine Katastrophe folgt die nächste

Verschiedene Medien wollen von mir noch in der Tatnacht wissen, wie wir das Unvorstellbare erlebten. Und immer wieder die Frage: "Und nun, reist ihr vorzeitig nach Hause?" Ich weiss nicht, ob es angesichts des Ereignisses pietätlos erscheint, dass wir die Ferien nach dieser schlaflosen Nacht planmässig fortsetzen. Wobei sich der Wunsch nach Normalität auch im Anschluss nicht wie erhofft erfüllt.

Ganz im Gegenteil.

Dass wir in dieser verrückten Welt in der Wüste Nevadas keine Normalität finden würden, war irgendwie klar. In den Tagen nach dem Attentat markiert die örtliche Polizei zwar Präsenz, in dem sie vor jedem Casino am Strip zwei Einsatzfahrzeuge wirksam mit angestelltem Blaulicht postiert und mehrere schwer bewaffnete Gesetzeshüter patrouillieren lässt.

Diese Machtdemonstration soll den Hunderttausenden von Besuchern in der Glücksspielmetropole Sicherheit vermitteln. Sie animiert aber vor allem zu unzähligen Selfies von Touristen mit den beeindruckenden Cops. Die normalerweise für diese fotografischen Erinnerungen zuständigen Superhelden werden von der Realität ausgebootet. Die als Batman, Superman, Ironman oder Captain America verkleideten Strassenkünstler sind für Tage praktisch arbeitslos.

Schiesserei in Las Vegas
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Kind mit Vater an der NRA-Jahresversammlung in den USA (Symbolbild)
75 Minuten hat es gedauert, bis die Polizei in Las Vegas das Zimmer stürmte, von dem aus Stephen Paddock das Feuer auf die 22'000 Konzertbesucher eröffnet hatte.
Die «LA Times» hat einen Grundriss von Paddocks Suite veröffentlicht. Links unten der zweite Raum, den die Polizei am Schluss stürmte.
Auch am Tag 3 nach dem Amoklauf legten Menschen in Las Vegas Kerzen nieder.
US-Präsident Donald Trump hat in Las Vegas verletzte Opfer des Massakers besucht
Die britische "Daily Mail" hat die Polizeifotos aus dem Hotelzimmer als erstes Medium öffentlich gemacht.
Las Vegas: Nach dem Anschlag auf ein Konzert in den USA läuft die Suche nach den Ursachen auf Hochtouren.
Menschen gedenken den Opfern des Amoklaufs von Stephen Paddock.
Eine Frau legt eine Kerze nieder in Gedenken an die Opfer der Schiesserei.
Sie hat überlebt: Natalie Vanderstay wurde im Kugelhagel im Bauch getroffen. Ausserdem hat sie eine Beinverletzung.
Mike Kordich führte lebensrettende Massnahmen bei einem Opfer der Schiesserei durch, als er selbst von einer Kugel getroffen wurde.
Waffen des Schützen: Die Fotos zeigen Gewehre im Hotelzimmer, aus welchem Stephen Paddock in die Menschenmenge schoss.
Die Bilder wurden im Inneren des Zimmers des Attentäters im Mandalay Bay Ressorts aufgenommen, der Teppichboden ist übersät mit Patronenhülsen.
Waffen des Schützen: Die Fotos zeigen Gewehre im Hotelzimmer, aus welchem Stephen Paddock in die Menschenmenge schoss.
"Bump" Stock Mit wenigen Handgriffen kann aus einer halbautomatischen Waffen eine vollautomatische werden. Es handelt sich um einen Zusatz, der den Abzug offen hält und Serienfeuer ermöglicht. Das hat auch der Attentäter von Las Vegas getan.
An der Universität von Nevada Las Vegas (UNLV) halten Studenten eine Mahnwache ab.
Die Trauer ist gross.
Mindestens 59 Menschen kamen bei der Schiesserei in Las Vegas ums Leben. Über 500 wurden verletzt.
"Betet für Las Vegas": Das Football-Spiel zwischen den Washington Redskins und Kansas City begann mit einer Schweigeminute für die Opfer der Schiesserei in der Glücksspielstadt.
Mit Trauermitteilungen versuchen sie, das Geschehene zu verarbeiten.
Die US-Flagge weht vielerorts im Land auf Halbmast.
Ermittler stellen in einem Haus des Todesschützen von Las Vegas, Stephen Paddock, jede Menge Sprengstoff sicher.
US-Regierung gedenkt den Opfern – Schweigeminute vor dem Weissen Haus.
Das Festival-Gelände am Morgen danach
Israel trauert mit den USA: Aus Solidarität mit den Opfern von Las Vegas leuchtet das Rathaus in Tel Aviv in den Farben der amerikanischen Flagge.
Durch diese Fenster im 32. Stock der Mandalay Bay Ressorts dürfte Stephen Paddock geschossen haben
Als die Schüsse auf das «Las Vegas Village» niederprasselten, flohen die Besucher vom Konzertgelände.
Sanitäter leisten Notversorgung, wo Hilfe noch möglich ist.
Polizisten rücken aus.
Verletzte und unversehrte Touristen harren in Sicherheit aus.
Mit dem Schrecken davongekommen.
Attacke bei Open-Air-Konzert in Las Vegas
In der Nacht auf Montag (Ortszeit) ist es in Las Vegas zu einer Schiesserei gekommen.
Medizinische Rettungskräfte behandeln Verwundete.
Der Schütze hatte am späten Sonntagabend (Ortszeit) auf die Besucher eines Konzerts des Country-Music-Festivals Route 91 Harvest geschossen.
Die Polizei durchsucht Gäste des Hotels Tropicana Las Vegas.
Marilou Danley, die Freundin Paddocks, weilte während des Attentats auf den Philippinen.
Die Polizei von Las Vegas im Einsatz.
Schauplatz des Verbrechens war ein Konzert vor dem Mandalay Bay Resort.
Der Schütze hatte am späten Sonntagabend (Ortszeit) auf die Besucher eines Konzerts des Country-Music-Festivals Route 91 Harvest geschossen.
Die Polizei riegelte das Gebiet ab.
Bilder vom Ort des Geschehens.
Menschen suchten Schutz, während die Schiesserei noch im Gang war.
Eine verletzte Frau erhält Hilfe.
Mit einem Grossaufgebot versuchte die Polizei, der Situation Herr zu werden.
Im Fokus des Polizeieinsatzes: das Casino des Resorts Mandalay Bay.
Polizisten rücken aus.
Sie rieten Zivilisten, Schutz zu suchen.
Wie viele Schützen an der Schiesserei beteiligt waren, war zunächst unklar.

Schiesserei in Las Vegas

Keystone

Der "Strip", diese sieben Kilometer lange Traumwelt entlang der gigantischen Casinos, unterstreicht aber auch, wie verlogen Las Vegas sein kann. Einerseits überall US-Flaggen auf Halbmast und Aufrufe auf Grossbildschirm, für die Familien der Opfer zu beten. Andererseits eine fahrbare Werbetafel auf der Strasse mit der bezeichnenden Botschaft: "Schon mal mit einem Maschinengewehr geschossen: Real Fun!" Dazu der Hinweis auf die "Shooting Ranch", auf welcher dieses "einmalige" Erlebnis möglich sei. Und dies am Tag nach dem Massaker weniger als einen Kilometer vom Ort des Grauens entfernt!

Der Rauch nimmt einem die Luft

Die Normalität sollte zwei Tage später Einzug halten. Der Besuch bei Onkel Urs ist angesagt, einem vor beinahe 40 Jahren in den Westen der USA ausgewanderten Aargauers. Er wohnt äusserst idyllisch in einem Wald inmitten von mächtigen Redwoods, in unmittelbarer Nähe der Kleinstadt Santa Rosa. Ein Ort, in dem eigentlich nie etwas los ist.

Zumindest bis vor einer Woche nicht.

In Kalifornien versucht ein Feuerwehrmann Herr der Lage zu werden. Zehntausende verliessen letzte Woche ihre Häuser vor dem Feuer.
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Ein Löschflugzeug über brennenden Wäldern
Ein ausgebranntes Auto in Santa Rosa
Zerstörte Häuser.
Die Feuerwehrmänner löschen einen Brand bei Calistoga, Californien.
Ein Farmer rettet seine Pferde vor dem Feuer in Napa Californien
Ein zerstörtes Wohnviertel in Santa Rosa. Mindestens 29 Personen sind bei den Bränden ums Leben gekommen
Rauch über Oakville, Californien
Rauch und Flammen bei einem Rebberg in Santa Rosa
Ein frischer Blumenstraus wurde zum Gedenken in ein völlig zerstörtes Wohnviertel in Santa Rosa gestellt

In Kalifornien versucht ein Feuerwehrmann Herr der Lage zu werden. Zehntausende verliessen letzte Woche ihre Häuser vor dem Feuer.

KEYSTONE

Am Montagmorgen werde ich von der Lebenspartnerin meines Onkels unsanft aus den Träumen gerissen. Ich müsse sofort Nina und Samira aus dem nahe gelegenen Motel holen und sofort verschwinden, sagt sie mir aufgeregt. Am besten auf der Nebenstrasse in Richtung Küste. Sie selber werde von ihrem Enkel abgeholt. Urs sei auf dem Weg zur Arbeit am südlichen Ende der Stadt stecken geblieben und habe angerufen: "Überall Feuer und Rauch, alles brennt!" Je nach Wind könne sich das gigantische Feuer in Richtung ihres Hauses bewegen.

Tatsächlich, der Blick in den Himmel verrät Ungemütliches. Da, wo seit zwei Wochen uneingeschränktes Blau herrscht, dominiert auf einmal die Farbe Dunkelgrau. Hinter einer besorgniserregenden Rauchschicht leuchtet die Sonne blutrot. Man erhält den Eindruck, das Feuer lauere gleich hinter dem nächsten Hügelzug.

"Sofort aufstehen, Koffer packen und weg!"

Auch die Fahrt ins Motel befeuert meine Nervosität. Dutzende von Autos kommen mir auf der ansonsten wenig befahrenen Strasse entgegen. Aber kaum eines bewegt sich in meine Richtung. Alle flüchten vor dem Feuer. Mehr als 25'000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen.

Beim Motel angekommen, haste ich aus dem Auto, klopfe an die Zimmertür meiner Kinder und schreie das schlaftrunkene Gesicht, das mir öffnet, förmlich an: "Sofort aufstehen, Koffer packen und weg!"

Auf verwunschenen Nebenstrassen inmitten der mächtigen kalifornischen Bäume flüchten wir in Richtung San Francisco, weg von dem beissenden Rauch, der einem die Luft zum Atmen nimmt. Doch selbst 150 Kilometer südlich können wir dem grauen Himmel noch nicht entkommen. An den entfernten Berghängen zwischen den Weinanbaugebieten von Sonoma und Napa lodern gigantische Feuer.

Später sehen wir am Fernseher Bilder vom abgebrannten Restaurant, in dem wir eigentlich an diesem Montag Essen gehen wollten.

Auch noch ein Erdbeben

Beim Mittagessen in San Francisco sagt Cooper, der Freund meiner Tochter: "Jetzt fehlt eigentlich nur noch das Erdbeben!"

Kein Witz: Am Montagabend um 17.31 Uhr liege auf dem Bett in unserem Hotelzimmer, schaue mir die Berichterstattung über das Jahrhundertfeuer in Santa Rosa an. Und dann geschieht es: Kurz geht das Licht aus und der Fernseher auf der Kommode vibriert.

Minuten später berichtet der TV-Sender als "Breaking News" tatsächlich von einem Erdbeben 100 Kilometer südlich von San Francisco. Ein Beben mit der Stärke 4,4 auf der Richterskala. Zum Glück nur 4.4! Es gibt Schlimmeres! Ich spreche aus Erfahrung.