Deutschland
Die Ära nach Merkel: Dieser Konservative wollte schon vor 20 Jahren Kanzler werden

Die CDU bereitet sich allmählich auf die Ära nach Merkel vor. In Stellung bringt sich Jens Spahn. Der Konservative wagt es immer öfter, sich gegen seine Chefin zu stellen.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Schon jetzt ein einflussreicher CDUler, doch Jens Spahns Ziele sind höher. Imago

Schon jetzt ein einflussreicher CDUler, doch Jens Spahns Ziele sind höher. Imago

imago/photothek

Bei den nun schon seit Wochen andauernden Sondierungsgesprächen für die neue deutsche Regierung sitzt Jens Spahn als Unterhändler für Finanzen mit am Tisch. Der 37-Jährige ist Präsidiumsmitglied der CDU, er ist parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium, er ist seit 15 Jahren Mitglied des Bundestages. Und als Dauergast in deutschen Talkshows eines der bekanntesten Gesichter der Union. Für einige in der Partei ist er aber auch ein Hoffnungsträger.

Zeitungen sehen in Spahn die kommende Figur in einer Partei, die für die Ära nach Merkel nicht gewappnet ist. Merkel sitzt nach den Wahlverlusten im September nicht mehr unangefochten an der Parteispitze wie in den Jahren zuvor, viele in der Union blicken mit Sorge auf die Zeit nach Merkel, da es die Partei versäumt hat, valable Nachfolger aufzubauen.

Anti-Merkel-Haltung

Der ehrgeizige Spahn empfiehlt sich seit einiger Zeit selbst für höhere Aufgaben in der Partei. Das tut er, indem er die konservative Klientel, welche die Union in den letzten Jahren teilweise verloren hat, zurückzugewinnen versucht. Spahn wirbt offen und ohne Absprache mit der Partei für ein Burka-Verbot, er formuliert Anforderungen an Migranten, die flott klingen, aber wenig durchdacht sind, wenn er sagt: Migranten sollten in Deutschland nicht als Erstes fragen, «wo kann ich einen Antrag stellen?», sondern «wo kann ich anpacken?».

Zudem kritisiert er angebliche Denk- und Redeverbote in der deutschen Gesellschaft. Wer auf Probleme in Bezirken mit hohem Migrantenanteil hinweise, «ist nicht gleich ausländerfeindlich. Wer die Ehe Mann und Frau vorbehalten möchte, ist nicht gleich ein Homo-Hasser».

Spahn notabene lebt mit einem Mann in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft in einem Berliner Szenebezirk. Er sieht keinen Widerspruch darin, sich für Minderheiten-Rechte starkzumachen und trotzdem das Konservative zu betonen. «Ich bin liberaler Konservativer», sagt er über sich selbst. Wer bei den Christdemokraten ein Problem hat mit seiner Homosexualität, dem entgegnet der Katholik Jens Spahn schlagfertig: «Ich wurde so geboren. Der liebe Gott wird sich wohl etwas dabei gedacht haben.»

Der politisch begabte Spahn hat es innerhalb weniger Jahre zu einem der einflussreichsten CDU-Politiker geschafft. Auf seinem Weg nach oben hat er es mehrmals gewagt, sich gegen die mächtige Kanzlerin und Parteivorsitzende Angela Merkel zu stellen. In der Flüchtlingskrise warf er Merkel «eine Art Staatsversagen» vor, was ihm eine heftige parteiinterne Rüge eintrug. Auch sonst scheut Spahn die Konfrontation mit der Kanzlerin nicht. Auf dem CDU-Parteitag vor einem Jahr in Essen gelang es ihm mit knapper Mehrheit, der Partei eine restriktivere Haltung zur Doppelpass-Regelung aufzudrücken – entgegen dem ausdrücklichen Rat der Kanzlerin.

Party mit Sebastian Kurz

Zwar betont der Hoffnungsträger der konservativen Unions-Wähler bei jeder Gelegenheit seine Loyalität zur Kanzlerin, dennoch provoziert er die Parteivorsitzende munter weiter. Mitte Oktober tauchte Spahn an der Wahlparty des wohl künftigen österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz in Wien auf und twitterte ein Foto mit dem Wahlsieger. Das Bild fand flugs den Weg in die Medien, die Botschaft dahinter war klar: Präsidiumsmitglied Spahn sucht den Schulterschluss mit dem junge ÖVP-Politiker, der sich in der Flüchtlingskrise gegen Merkel gestellt und seine ÖVP klar rechts positioniert hatte. Merkel dürfte das als indirekte Kritik an ihrer Politik gewertet haben. Die Kanzlerin hat ihre Partei in den letzten Jahren immer stärker in der politischen Mitte positioniert.

Dass Spahn in der künftigen «Jamaika»-Regierung aus CDU, CSU, Grünen und FDP einen Ministerposten erhalten wird, gilt als eher unwahrscheinlich. Ebenso wenig wahrscheinlich ist, dass ihn Merkel zu ihrem Generalsekretär macht – dafür, so heisst es, sei Merkels Misstrauen in den 1,91-Meter-Hünen zu gross. Doch Merkel wird Spahn nicht einfach aus dem Weg räumen können, wie sie das mit unliebsamen Gegnern in der Vergangenheit bisweilen getan hat – dafür hat Spahn inzwischen eine zu grosse Fan-Gemeinde, gerade bei jüngeren Parteimitgliedern.

Spahns Chance liegt darin, dass er schon jetzt für die Generation in der CDU nach der Ära Merkel steht. Gut möglich, dass er vorderhand im Finanzministerium bleiben wird. Der Ehrgeiz für höhere Aufgaben in der Partei jedenfalls scheint ihm angeboren. Als er vor 20 Jahren von seiner Lehrerin im Gymnasium nach seinem Berufswunsch gefragt worden war, soll der heutige Bankkaufmann und Politologe keck zur Antwort gegeben haben: «Bundeskanzler.»

Ob das nur eine Legende ist, ist unbekannt. Spahn jedenfalls hat das nie dementiert.

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