Deutschland
Markus Söder sucht den Machtkampf mit der Schwesterpartei

Die CDU stellt sich hinter ihren Parteichef Armin Laschet. Er soll Kanzler werden. Doch anders als erwartet gibt CSU-Chef Markus Söder nicht klein bei. Er verweist auf Umfragen, die ihn an der Spitze sehen. Der Union stehen unruhige Tage bevor.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Will Kanzler werden und riskiert damit offenen Streit mit der CDU: Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder.

Will Kanzler werden und riskiert damit offenen Streit mit der CDU: Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder.

Lukas Barth-Tuttas / Pool / EPA POOL

Als CDU-Chef Armin Laschet am frühen Nachmittag in Berlin vor die Presse trat, wirkte er aufgeräumt und holte aus zu einer Ansprache, die so klang, als spräche hier der Kanzlerkandidat der Union. Der 60-jährige sinnierte über ein «modernes Deutschland», in dem Aufstieg durch Bildung gelingen könne und Klimaschutz und Industrieförderung nicht im Widerspruch zueinander stehen müssten.

Dabei waren die Medienvertreter ja eigentlich wegen der «K»-Frage zur Pressekonferenz gekommen. Doch Laschet war sich nach dem Montagvormittag seiner Sache derart sicher, dass er darauf erst nach Minuten einging. Denn sowohl CDU-Vorstand als auch CDU-Präsidium stellten sich am Morgen deutlich hinter die Kandidatur von Armin Laschet.

Ein deutliches Signal des Vorstands

Der Regierungschef von Nordrhein-Westfalen verwies also auf das Versprechen von CSU-Chef Markus Söder vom Sonntag, wonach dieser seine Kanzlerambitionen zurückstellen werde, sofern er nicht die volle Unterstützung von der CDU erhalte. Und welches Signal kann deutlicher sein als das des CDU-Vorstands. «Ich werde recht bald am heutigen Tag mit Söder das Gespräch suchen», sagte Laschet.

In seinen Worten schwang die Überzeugung mit, dass Söder den Bettel angesichts der aussichtslosen Ausgangslage noch am Montag hinwerfen und sich hinter den CDU-Chef als Kanzlerkandidaten stellen werde - so, wie es Söder am Sonntag versprochen hatte. Nicht zuletzt zugunsten des Landes, das angesichts von Corona eine kräftezehrende Kanzlerdebatte bei der grössten Regierungspartei nicht auch noch gebrauchen kann.

«Es geht um die zentrale Führungsrolle
in der Union, in einem der schwersten Wahlkämpfe überhaupt.»

Allerdings hat Laschet die Rechnung ohne den 54-jährigen Franken gemacht. Der trat zweieinhalb Stunden später in München vor die Presse. Dort machte er seinem Ruf, mit aller Kraft nach der Macht zu streben und Niederlagen nur schwer ertragen zu können, alle Ehre. Söder verkündete, dass er nicht daran denke, sich nach dem CDU-Votum einfach so zurückzuziehen. «Es geht um die zentrale Führungsrolle in der Union, in einem der schwersten Wahlkämpfe überhaupt», sagte Söder.

Anders gedeutet: Söder traut Laschet nur eingeschränkt zu, wofür er sich selbst am geeignetsten hält: Die Union nach der Ära Merkel im Kanzleramt zu halten. Es solle, so Söder, in den nächsten Tagen eine Entscheidung geben. Nach Konsultation von Fraktion und Parteiverbänden. Dort erwartet Söder mehr Unterstützung für seine Person.

56 Prozent wollen Söder als Kanzler

In der CDU-Parteizentrale von Berlin dürften sie den selbstbewussten Presseauftritt Söders mit einigem Schrecken mitverfolgt haben. Noch am Sonntag sagte der Bayer, er würde antreten, wenn ihn die CDU unbedingt wolle. «Wenn die CDU es nicht will, bleibt ohne Groll eine gute Zusammenarbeit», sagte er versöhnlich.

Doch tags darauf war er wieder da, der unerbittliche Machtmensch Söder, der schon 2018 fast die Fraktionsgemeinschaft der Union zum Platz gebracht hatte, als er Kanzlerin Merkel und die CDU in der Asylfrage bis zum Äussersten reizte. Wie ausgetauscht zu jenem versöhnlichen Söder der letzten Jahre, der - wann immer möglich - Merkel, sich selbst und die Zusammenarbeit mit der CDU lobte.

Doch in der Politik geht es ums Überleben, Posten und Ämter, selten um Nettigkeiten. Der Blick auf die Statistiken macht deutlich, warum Söder nicht wegen des Votums der CDU-Chefetage aufgeben und stattdessen die Stimmung an der Basis ausloten will. 56 Prozent der Deutschen sehen in dem in der Coronakrise so resolut und entschlossen auftretenden CSU-Chef den nächsten Kanzler, nur 23 Prozent attestieren dieses Amt hingegen Armin Laschet.

Selbst bei Unionsanhängern ist Söder weit beliebter als CDU-Chef Laschet. Und weil die Bundestagswahlen nahen und die Union in Umfragen kein gutes Bild abgibt, wächst bei Abgeordneten die Nervosität. Mangelhaftes Coronakrisenmanagement und Korruptionsaffären einzelner Abgeordneter haben CDU und CSU auf unter 30 Prozent abrutschen lassen.

«Deutliche Mehrheitsmeinung»

Dass sich die Union nach Merkels Abgang an der Macht wird halten könne, ist nicht mehr so sicher. Die Grünen sind der Union auf der Lauer, die Ökopartei könnte erstmals den Kanzler oder die Kanzlerin in Deutschland stellen - im Verbund mit SPD und FDP zum Beispiel. Und Wahlen haben stets gezeigt, dass die Menschen nicht nur Inhalt, sondern vor allem auch Personen wählen. Und hier hat Söder momentan eindeutig die Nase vorn. «Es gibt eine deutliche Mehrheitsmeinung in der deutschen Bevölkerung», spielte CSU-Fraktionschef Markus Blume auf diesen Umstand an. Auch Markus Söder ging auf seine hohe Beliebtheit ein. «Umfragen sind nicht alles, aber sie sind ein deutlicher Hinweis darauf, was die Bevölkerung denkt».

Freilich wurde auch CDU-Chef Laschet Stunden zuvor auf den Umstand hingewiesen, dass seine Zustimmungswerte im Keller sind. «Umfragen können sich innert kürzester Zeit auch verändern», sagte er gelassen. Und fügte mit Blick auf die „K“-Frage hinzu: «Alle wollen eine schnelle Entscheidung. Die Fakten liegen auf dem Tisch». Dann merkte er an: «Sie kennen die Erklärung von Markus Söder vom gestrigen Tag». Die Erklärung war tatsächlich bekannt. Nur nicht, wie man sie zu interpretieren hat.