Deutschland
«Dann werden Geimpfte anders behandelt» - für Nichtgeimpfte wird es teuer

Kostenlose Tests fallen weg, in die Kneipe oder ins Kino geht es nur getestet. Und: Lockdown-Massnahmen soll es in Deutschland nicht mehr geben. Jedenfalls nicht für Geimpfte.

Christoph Reichmuth, Berlin
Drucken
Teilen
Appelliert an die Bevölkerung, sich impfen zu lassen: Kanzlerin Angela Merkel am Dienstag in Berlin.

Appelliert an die Bevölkerung, sich impfen zu lassen: Kanzlerin Angela Merkel am Dienstag in Berlin.

Clemens Bilan /
10. August 2021

Es war vor allem ein eindringlicher Appell, den Kanzlerin Angela Merkel am Dienstag an die Bevölkerung richtete. Der Appell, sich dringend impfen zu lassen. «Wir sind im europäischen Vergleich nicht mehr spitze», sagte Merkel mit Blick auf das abgeflaute Impftempo. Sie bitte alle Bürgerinnen und Bürger, in ihrem Freundes- und Familienkreis, im Sport- oder Freizeitverein für das Impfen zu werben. In Deutschland sind etwa 55 Prozent der Bevölkerung doppelt geimpft. Laut Merkel müssten etwa 75 Prozent der Gesamtbevölkerung geimpft sein, um die Pandemie unter Kontrolle zu bringen.

Um das Impftempo zu erhöhen, greift die Regierung zu Druckmitteln. Betroffen davon sind Ungeimpfte, die sich impfen lassen könnten, dies aber nicht getan haben oder nicht tun wollen. Denn Impfstoff wäre in ausreichendem Mass vorhanden. Ab einer Inzidenz von 35 Infizierten innerhalb von sieben Tagen auf 100'000 Einwohner braucht es nun bereits ab dem 23. August für Veranstaltungen im Innenbereich - also Gastronomie, Kino, Theater, Sport in einer Turnhalle, Besuch im Pflegeheim - einen negativen Corona-Test.

Derzeit liegt die bundesweite Inzidenz bei etwas über 20, in grösseren Städten allerdings ist die 35er-Marke bereits überschritten. Vor allem in der Altersklasse der 15 bis 25-Jährigen ist das Infektionsgeschehen hoch. Die Massnahme gilt auch für Touristen aus der Schweiz, die etwa einen Städtetrip nach Berlin planen.

Druck auf die Ungeimpften soll auch über den Geldbeutel erzeugt werden. Die Coronatests werden noch bis 11. Oktober vom Staat gratis zur Verfügung gestellt. Danach müssen Ungeimpfte die Schnell- und PCR-Tests aus der eigenen Tasche bezahlen. «Man kann alle diese Erfordernisse umgehen durch eine Impfung», sagte Berlins Regierender Bürgermeister (SPD), Vorsitzender der Bund-Länder-Konferenz. Und fügte hinzu:

«Wer dieses Angebot nicht wahrnimmt, kann nicht dauerhaft damit rechnen, dass ihm die Solidargemeinschaft das finanziert».

Vom Tisch ist zumindest vorerst der umstrittene Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der in der letzten Woche die Idee eingebracht hatte, Ungeimpfte quasi vom öffentlichen Leben auszuschliessen, wenn gewisse Faktoren erfüllt sind. Dazu zählen etwa ein besonders hohes Infektionsgeschehen, eine starke Belastung des Gesundheitswesens und eine geringe Impfquote. Bei einem solchen Szenario hätten demnach jene Ungeimpften nicht mehr in Restaurants, Kinos oder Theater gehen dürfen, die sich nicht impfen lassen wollen, obwohl sie dies tun könnten.

«Lockdown wird es nicht mehr geben»

Völlig auszuschliessen ist indes nicht, dass Deutschland bei einer stark wütenden vierten Welle zu drastischen Mitteln gegen Ungeimpfte greift. «Einen Lockdown wird es nicht mehr geben, auf keinen Fall für Geimpfte», sagte Söder vielsagend. Auch Merkel machte Andeutungen in diese Richtung. Die Kanzlerin sagte, dass für Geimpfte und Genesene keine so harten Massnahmen mehr ergriffen werden könnten, wie dies während der vergangenen Lockdowns für die gesamte Bevölkerung der Fall gewesen war - also etwa Kontaktbeschränkungen. Bei einem höheren Infektionsgeschehen und einer hohen Auslastung der Spitäler würden in einem solchen Fall «die Geimpften dann sicherlich auch anders behandelt als die Nichtgeimpften.»

Aktuelle Nachrichten