Interview
«Der IS ist auf Dauer zum Scheitern verurteilt»

Dominique Moïsi (69) ist einer bekanntesten Politologen Frankreichs. Im Interview spricht er über die Konsequenzen des Charlie-Hebdo-Massakers, über die Lage in den Banlieues und den Aufstieg des Front National.

Stefan Brändle, Paris
Merken
Drucken
Teilen
Dominique Moïsi neben einem der ersten Charlie Hebdo-Covers nach den Anschlägen.

Dominique Moïsi neben einem der ersten Charlie Hebdo-Covers nach den Anschlägen.

HO/Key
Dominique Moïsi (69) ist einer bekanntesten Politologen Frankreichs. Der Spezialberater des französischen Institutes für internationale Beziehungen (IFRI) und Ex-Assistent des französischen Philosophen Raymond Aron war Professor an der Pariser Elite-Uni Sciences Po sowie in Harvard. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt „Kampf der Emotionen: Wie Kulturen der Angst, Demütigung und Hoffnung die Weltpolitik bestimmen“.

Dominique Moïsi (69) ist einer bekanntesten Politologen Frankreichs. Der Spezialberater des französischen Institutes für internationale Beziehungen (IFRI) und Ex-Assistent des französischen Philosophen Raymond Aron war Professor an der Pariser Elite-Uni Sciences Po sowie in Harvard. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt „Kampf der Emotionen: Wie Kulturen der Angst, Demütigung und Hoffnung die Weltpolitik bestimmen“.

Zur Verfügung gestellt
Regierungsvertreter aus aller Welt nahmen am Trauermarsch am 11 Januar 2015 teil. Das Foto sorgte für Kritik, weil die Strasse, wo die Politiker entlang gingen, grossräumig abgesperrt wurde.
12 Bilder
Präsident François Hollande vor der Gedenktafel vor dem ehemaligen Sitz der Charlie Hebdo Redaktion in Paris.
Die Gedenktafel beim ehemaligen Sitz der Charlie Hebdo Redaktion in Paris.
Die Gedenktafel auf dem Gehsteig, wo der Polizist Ahmed Merabet von einem der Charlie Hebdo-Attentäter erschossen wurde.
Der jüdische Supermarkt.
Präsident François Hollande bei der Enthüllungszeremonie für die Gedenktafel des getöteten Polizisten Ahmet Merabet.
"Je suis Ahmed" - Solidariät mit dem getöteten Polizisten Ahmed Merabet.
Die Gedenktafel beim jüdischen Supermarkt, wo ein Attentäter vier Menschen tötete und mehrere verletzte.
Gedenken an die Opfer des Charlie Hebdo-Massaker am Place de la Republique.
Die Sonderausgabe von Charlie Hebdo mit Gott als Terroristen auf dem Cover.
Gedenken am Place de la Republique.

Regierungsvertreter aus aller Welt nahmen am Trauermarsch am 11 Januar 2015 teil. Das Foto sorgte für Kritik, weil die Strasse, wo die Politiker entlang gingen, grossräumig abgesperrt wurde.

Keystone

Die explosive Lage in den Pariser Vorstädten wird aber andauern. Was ist dagegen zu tun?
In einer ersten Phase ist auf jeden Fall mehr Entschiedenheit und Autorität nötig. Der Staat muss alle Zonen dem Drogenhandel und anderen Kriminellen entreissen und unter seine Kontrolle bringen. Mittelfristig muss der Staat aber auch dem Gebot der Brüderlichkeit nachleben, die Schulen fördern, um diesen Territorien wieder eine Zukunft zu geben – und die massive Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, die in Frankreich ein regelrechtes Krebsgeschwür ist.
Und die auch den Front National nährt?
Auf jeden Fall. Gerade bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sagen sich heute viele Franzosen, sie hätten es schon mit der Linken wie mit der Rechten versucht; jetzt wollen sie Marine Le Pen eine Chance geben. Obwohl sie meist nur abstruse Rezepte hat.

Das erste Cover nach den Attentaten.
8 Bilder
Die Ausgabe am Tag des Attentats. Darauf zu sehen: Der Schriftsteller Michel Houellebecq.
Das Cover vom Februar 2015.
Dieses Cover sorgte 2006 für Aufruhr.
Das Plakat zum Film über die Charlie Hebdo-Anschläge.
Die Sonderausgabe kurz nach dem Anschlag.
Das Cover ein Jahr nach den Anschlägen.
Das Cover zu den Wahlen in Frankreich.

Das erste Cover nach den Attentaten.

HO
«Was ist das nur für eine kleine Waffe, dass sie uns so verletzen kann?»
11 Bilder
«Er hat zuerst gezeichnet.»
Zeichner solidarisieren sich weltweit mit dem Satiremagazin «Charlie Hebdo»
Schlagzeile: «Cabu, Wolinski, Tignous, Charb - barbarischer und brutaler Tod.» Kommentar von Gott: «Cabu? Für einmal seid ihr mir voraus.»
«Pump Gun?» «Kalaschnikow?» «Granate?»
#JeSuisCharlie - «Ich bin Charlie« – mit diesem Hashtag solidarisierten sich die Menschen auf Twitter.
«Massenerschaffungswaffen»

«Was ist das nur für eine kleine Waffe, dass sie uns so verletzen kann?»

Twitter

Wie weit können sich der Front National und seine Ideologie in Frankreich noch ausbreiten?
Ich denke, die Mehrheit der Franzosen wird widerstehen. Einzelne Politiker etablierter Parteien versuchen zwar, diese Ideen zu übernehmen, so etwa Nicolas Sarkozy. Mit diesem Kurs wird er aber heute ausserhalb und zum Teil auch innerhalb seiner Partei immer unpopulärer. Ganz anders sein konservativer Parteifreund Alain Juppé, der sich gegenüber den Ideen des Front National viel resistenter und reservierter zeigt. Nicht von ungefähr kommt er in Frankreich auf die höchsten Beliebtheitsquote.
Wird Juppé 2017 der nächste Präsident Frankreichs?
Er hat reelle Chancen wegen der allgemeinen Angst vor Marine Le Pen und wegen der Enttäuschung über Nicolas Sarkozy und François Hollande. Eine solche Negativwahl hat aber in Frankreich noch nie zum Sieg gereicht; Juppé wird in diesem Jahr beweisen müssen, dass er trotz seines hohen Alters (70, die Red.) und seines kühlen Temperamentes in der Lage ist, die Franzosen zu begeistern. Wenn es ihm nicht gelingen sollte, bei den Primärwahlen der „Republikaner“ Sarkozy auszustechen, ist aber auch Hollandes Wiederwahl nicht auszuschliessen. Nachdem ich die Delegation von Angela Merkel auf ihrer letzten China-Reise begleitet habe, weiss ich jedenfalls, dass die deutsche Regierung von einem Präsidenten Juppé begeistert wäre.