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Der Held der Armenviertel von Baltimore

Nach den Unruhen im April rafft sich die Stadt wieder auf – eine wichtige Rolle spielt dabei Pastor Jamal Bryant.

Renzo Ruf, Baltimore
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In den Armenvierteln von West Baltimore aber ist Pastor James Bryant ein Volksheld.

In den Armenvierteln von West Baltimore aber ist Pastor James Bryant ein Volksheld.

Keystone

Als wäre die Zeit stehen geblieben: An der Ecke Pennsylvania Avenue und North Avenue in Baltimore erinnern ausgebrannte Geschäfte und zugenagelte Häuser immer noch an die Ausschreitungen vor drei Monaten, bei denen sich der Frust vieler Afroamerikaner über ihre Lebensbedingungen in nackter Zerstörungswut niederschlug. Der Platz vor der U-Bahn-Station «Penn-North» war das Epizentrum der unruhigen Tage und Nächte; hier wurde die Filiale der Drogeriekette CVS in Brand gesteckt, dem einzigen Supermarkt im Stadtviertel. Die überforderte Polizei schaute bloss zu.

Gewaltwelle nach Freddie Grays Tod

Dieses Jahr wurden in Baltimore bereits 171 Menschen ermordet – bloss eine Handvoll weniger als in New York City, einer Stadt, in der fast 8 Millionen mehr Menschen wohnen. Gegenüber dem Vorjahr ist die Mordrate in Baltimore um 50 Prozent gestiegen. Auch die Zahl der Schiessereien und Einbrüche steigt. Ein Grund für diese besorgniserregende Entwicklung: Die Stadtpolizei von Baltimore wirkt nach den Ausschreitungen Ende April demoralisiert. Vor einigen Tagen entliess die Stadtpräsidentin den Polizeichef, der die Konflikte zwischen der schwarzen Führungsriege der Stadt und dem 2800 Mitglieder zählenden Polizeikorps nicht länger übertünchen konnte. (rr)

Szenenwechsel: Eine Meile entfernt, am Rande des Problemviertels Druid Heights, haben sich auf dem Trottoir einer Quartierstrasse vielleicht 150 Afroamerikaner versammelt. Auch hier dröhnt fetzige Musik aus Lautsprechern. Die Texte der Lieder allerdings sind jugendfrei. Denn der Gastgeber dieser Zusammenkunft ist Pastor Jamal Bryant – einer der einflussreichsten, aber auch umstrittensten Geistlichen in Baltimore.

Zuerst waren es nur 47 Gläubige

Bryant ist 44 Jahre alt, Vater von fünf Kindern, geschieden und stets piekfein gekleidet. Er besitzt die seltene Gabe, Menschen jeglicher Herkunft in seinen Bann zu ziehen. Im Jahr 2000 gründete der Sohn eines Pastors, «nach einer Eingabe Gottes», in Baltimore seine eigene Kirche. Anfänglich zählte die «Empowerment Temple Church», die der traditionell afroamerikanischen «African Methodist Episcopal Church» angehört, bloss 47 Gläubige. Heute pilgern an einem Sonntag mehr als 10 000 Menschen in einen Zweckbau im Norden Baltimores, um Bryants Gottesdienste – drei an der Zahl – zu hören. In einer Stadt, die angeblich mehr als 2000 Kirchgemeinden zählt, fiel dieser Erfolg natürlich auf. Der Pastor aber gab sich damit nicht zufrieden. Seit dem Tod des 17-jährigen Trayvon Martin, der im Februar 2012 in Sanford (Florida) durch einen selbst ernannten Hilfssheriff erschossen wurde, mischt sich Bryant immer wieder in schlagzeilenträchtige Fälle der Polizeigewalt ein.

Deshalb war es nur folgerichtig, dass Bryant in diesem Frühjahr zum Vertrauenspfarrer der Familie Gray aufstieg. Nach dem brutalen Tod des 25-jährigen Freddie Gray in Polizeigewahrsam war es Bryant, der an seiner Beerdigung sprach. Und es war Bryant, der in den chaotischen Stunden nach dem Begräbnis versuchte, die Lage in seiner Stadt wieder zu beruhigen. Dabei griff der Pastor auch auf unkonventionelle Mittel zurück: Um die Strassen zu befrieden, bildete er eine Allianz mit den Strassenbanden «Bloods» und «Crips» sowie der antisemitischen Organisation «Nation of Islam». Weil Bryant dabei auch gegen die Politikerkaste keilte, und kein gutes Haar an der Stadtpolizei liess, stieg der Pastor zum Feindbild Nummer eins des weissen und schwarzen Establishments der Stadt auf.

In den Armenvierteln von West Baltimore aber ist Bryant ein Volksheld. Ein Mann der Tat. Und an diesem Sommertag will er den Beweis erbringen, dass es sich dabei nicht bloss um leere Worte handelt. Denn heute eröffnet der Pastor das «Freddie Gray Empowerment Center»: ein Gemeinschaftszentrum für ein darbendes Stadtviertel. 100 000 Dollar habe der Umbau des Gebäudes gekostet, sagt Bryant im Gespräch mit der «Nordwestschweiz». Und jeder Dollar sei von Mitgliedern der Kirchgemeinde beigesteuert worden. «Wir haben bewusst darauf verzichtet, die Behörden anzupumpen.»

Zuerst Essen, dann Kurse

Das Zentrum soll dazu dienen, die exponiertesten Mitglieder der Gemeinschaft von der Strasse zu holen: Kinder und Jugendliche. Jeden Tag wird im grossen Speisesaal im Untergeschoss Frühstück und Mittagessen für 300 Kinder im Alter von 8 bis 17 Jahren serviert. Dann können die jungen Afroamerikaner aus einer grossen Palette von Kursen auswählen. Das Angebot reicht von Mathematik über Computer-Grundkenntnisse bis hin zu Basketball oder Hallen-Fussball in der Turnhalle. «Unsere Warteliste umfasst 100 Namen», sagt Bryant – was zeige, welch grosses Bedürfnis ein solches Angebot gerade in den schulfreien Sommermonaten erfülle.

Der Pastor ist aber auch ein Realist. Er sagt, sein Gemeinschaftszentrum werde «nicht alle Probleme lösen». Aber er habe einen ersten Schritt machen wollen, weil auch «meine Brüder und Schwestern», die afroamerikanische Bevölkerungsmehrheit von Baltimore, eine Verantwortung für die Entwicklung der Stadt tragen. «Wir möchten Vorbild sein» für die Hunderten von religiösen Gemeinschaften in Baltimore. «Stellen Sie sich vor, wenn alle Kirchgemeinden ein solches Projekt auf die Beine stellen würden», sagt Bryant.

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