Gorbatschow
Der Gorbatschow-Faktor

1989 rauschte eine politische Revolution durch Osteuropa. Wegbereiter war der Sowjetführer Michail Gorbatschow.

Christian Nünlist
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Keystone

Der Kalte Krieg endete 1989 ohne grossen Knall, dafür mit vielen kleinen Wundern: Mit Hammer und Meissel zerschlugen Berliner ihre Mauer in Souvenirsteine, während im Hintergrund Beethovens «Ode an die Freude» durchs Brandenburger Tor dröhnte.

Ein Demonstrant verteilte bewaffneten Polizisten Blumen vor einem Schild mit der Aufschrift «Havel ins Schloss» -- wenige Tage später wurde der Dissident tschechoslowakischer Präsident. Der blutige Schauprozess gegen den letzten verbliebenen Stalinisten Nikolae Ceausçescu in Rumänien war die Ausnahme, welche die Regel der friedlichen Revolutionen von 1989 bestätigte.

Ein unerwartetes Happy End

Dass der Kalte Krieg mit einem Happy End aufhören würde, hatte kaum jemand zu träumen gewagt. Auch Experten wurden von den Ereignissen in Osteuropa völlig überrumpelt. Historiker sind sich heute einig, dass der «Ausnahmepolitiker» Gorbatschow die ausschlaggebende Rolle spielte, dass der Kalte Krieg so endete, wie er endete › mit wenig Blutvergiessen. In Russland wird Gorbatschow zwar heute von vielen Russen Unfähigkeit und Hochverrat vorgeworfen, denn er habe Osteuropa «verloren».

Aber in der Wissenschaft ist sein Beitrag zum friedlichen Ende des Kalten Krieges inzwischen unbestritten. Für die nach 1989 vor allem in Amerika weit verbreitete These, Reagans Wiederankurbelung der Rüstungsspirale habe den Kommunismus besiegt, gibt es keine Beweise. Nicht westlicher Druck hat die kommunistische Herrschaft im Ostblock unterhöhlt, sondern Gorbatschows Reformen. Die UdSSR kollabierte aufgrund von inneren Spannungen und Widersprüchen.

Für den kanadischen Politologen Jacques Lévesque, der das «grosse Rätsel von 1989» analysierte, hat Gorbatschow die Machtverhältnisse transformiert und den Kalten Krieg in Europa beendet. Der britische Historiker Archie Brown nannte sein Buch über 1989 schlicht: «Der Gorbatschow-Faktor». Und tatsächlich: Vor dem Hintergrund der enormen Wirtschaftsprobleme im Sowjetimperium beendete der Reformer das Wettrüsten mit den USA und erlaubt es den osteuropäischen Staaten, nichtkommunistische Regierungen zu wählen.

Für den russischen Historiker Wladislaw Zubok ist aber klar, dass Gorbatschow und sein alter Freund Edward Schewardnadse ab 1985 keine neue kohärente Osteuropapolitik formuliert haben. Gorbatschow habe Osteuropa schlicht vernachlässigt, weil er stattdessen lieber auf der grossen Diplomatiebühne mit westlichen Politikern brillierte. Die strikte sowjetische Nicht-Interventions-Politik trotz der wachsenden Unruhe in Osteuropa bedeutete für die dortigen Oppositionellen eine günstige, unerhoffte Gelegenheit.

Im Dezember 1988 hielt Gorbatschow vor der UNO-Generalversammlung in New York seine wohl wichtigste Rede. Er kündigte einseitige Abrüstungsmassnahmen an und erklärte den Verzicht auf das marxistische Konzept des internationalen Klassenkampfs. Sein denkwürdigster Satz lautete: «Wir sind weit davon entfernt, zu beanspruchen, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein.» Eine erstaunliche Kapitulation im ideologischen Wettstreit mit den USA.

Misstrauen im Westen

Der Westen tat sich allerdings schwer, über seinen eigenen Schatten zu springen. Kanzler Helmut Kohl verglich Gorbatschow 1986 mit dem Nazi-Propagandisten Goebbels. Auch US-Präsident Ronald Reagan änderte seine Meinung über den neuen Kreml-Chef erst nach der «Revolution von Reykjavik» (Henry Kissinger). Das Treffen von Ende 1986 war einer der zentralen Wendepunkte im Kalten Krieg: Von diesem Moment an vertrauten Reagan und Gorbatschow einander fast blind. Als Reagan 1988 in Moskau gefragt wurde, ob er die Sowjetunion immer noch › wie 1983 › als «Reich des Bösen» betrachte, antwortete er: «Nein, das war in einer anderen Zeit, in einer anderen Ära.»

Einen Dämpfer gab es aber, als Reagan im Januar 1989 von George H. W. Bush abgelöst wurde. Die Bush-Regierung misstraute Gorbatschow und legte den Dialog mit Moskau auf Eis. Zum ersten Treffen mit Bush kam Gorbatschow erst im Dezember in Malta. Sein Topberater Anatoli Tschernjajew nannte 1989 deshalb «das verlorene Jahr». Gleichzeitig war Gorbatschow im «Wunderjahr» stark absorbiert von den wachsenden Wirtschaftsproblemen im Innern und der volatilen Situation in den baltischen Staaten und im Kaukasus. Bereits im Mai erklärte Gorbatschow jedoch während einer Politbüro-Sitzung klipp und klar: «Wir werden keine Gewalt einsetzen, weder im Innern noch in der Aussenpolitik.» Daran hielt er fest, auch als der Ostblock kurz darauf aus den Fugen geriet.

Das Ende von Stalins Erbe

Die Osteuropäer hingegen nutzten 1989 das Vakuum in den Supermächte-Beziehungen. Oppositionelle zogen mutig und in immer grösseren Massen auf die Strasse. Den Anfang machten, wie immer, die Polen: Der spektakuläre Erdrutschsieg von Solidarnosc im Juni war das erste politische Erdbeben. Danach überschlugen sich die Ereignisse. Im September öffneten die ungarischen Reformer die Grenzen, worauf eine wahre Flut an Ostdeutschen nach Ungarn strömte. Hinter den Kulissen übten die Sowjets grossen Druck auf die DDR-Regierung aus, nicht mit Gewalt gegen die Demonstranten vorzugehen.

Das grosse Finale des Kalten Krieges war der Mauerfall in Berlin am 9. November. Tschernjajews Tagebuchnotiz reflektiert die historische Nacht mit erstaunlicher Nüchternheit: «Das ist das Ende von Jalta, das Ende von Stalins Erbe und dem Sieg über Hitler-Deutschland. Das ist alles Gorbatschows Verdienst.» Seither wehrt sich Gorbatschow vehement gegen den Vorwurf, die Sowjetunion habe den Kalten Krieg «verloren». Er argumentiert, die ganze Welt habe vom Ende der Ost-West-Konfrontation profitiert, auch die Sowjetunion. Auch Reagan schrieb in seinen Memoiren, dass 1989 nicht ein Land ein anderes besiegt habe, sondern eine Idee eine andere.

Genau das geschah, als Gorbatschow ab 1985 die «Idee» reformierte, auf der sein Land basierte. So befreite er die UdSSR und den Ostblock von den Fesseln eines totalitären politischen Systems. Für seine konstruktive Rolle in der Endphase des Kalten Krieges erhielt Gorbatschow 1991 den Friedensnobelpreis.

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