Muslimische Minderheit
China hält eine Million Uiguren gefangen – dies ist der Spion, der die Gefangenenlager entdeckte und publik machte

China hält eine Million Angehörige der muslimischen Minderheit gefangen. Nathan Ruser ist es zu verdanken, dass die Welt das weiss.

Urs Wälterlin aus Canberra
Merken
Drucken
Teilen
Angehörige der muslimischen Minderheit der Uiguren in einem Gefangenenlager in der Provinz Xinjiang im Nordwesten Chinas.

Angehörige der muslimischen Minderheit der Uiguren in einem Gefangenenlager in der Provinz Xinjiang im Nordwesten Chinas.

Human Rights Watch

Am Anfang waren es dünne Striche in der Wüste. Pfade, die zeigen, wo Nutzer der bekannten Fitness-App Strava rennen. Nathan Ruser, Student der Sicherheitspolitik in Canberra, begann sie zu sammeln. Schicht um Schicht legte er die Streckenberechnungen übereinander, und bald ergab sich ein Bild.

Ruser, damals fast noch ein Teenager, hatte anhand der Daten verschwitzter Elitesoldaten die geheimen Stützpunkte amerikanischer Truppen in Syrien und Afghanistan identifiziert. Das Pentagon war nicht begeistert. Es verbot den Kämpfern die Nutzung des Programms. «Viele andere Leute nutzen sie immer noch», sagt Ruser im Gespräch mit CH Media. «Und sie ist noch immer eine wichtige Quelle von Informationen».

Er enttarnte viele der Lager: Der Australier Nathan Ruser.

Er enttarnte viele der Lager: Der Australier Nathan Ruser.

Zvg / zvg

Inzwischen ist der Australier 23 Jahre alt. Doch er sieht jünger aus – mit blasser Haut, dunklen Haaren und Seitenscheitel. Dabei ist er schon einer der vielleicht einflussreichsten Spione der Welt. Sein Hobby von damals ist heute Beruf: für die Denkfabrik Australian Strategic Policy Institute analysiert er Satellitenbilder. Seinem langjährigen Interesse am Schutz der Menschenrechte ist es zu verdanken, dass die Welt bis ins Detail erfahren kann, wie China hunderttausende Uiguren in Internierungslagern einsperrt, wie Peking in der Provinz Xinjiang die muslimische Minderheit systematisch unterdrückt.

«Seit 2017 sind mindestens 300 Internierungslager errichtet oder ausgebaut worden», erzählt Ruser. Auch seien zwei Drittel der Moscheen in der Provinz beschädigt worden. «Das bedeutet Entislamisierung, oder komplette Zerstörung».

Die Situation im Nordwesten Chinas wird von Kritikern mit der in Tibet verglichen, wo durch den Massenzuzug von Han-Chinesen die lokale Bevölkerung zur machtlosen Minderheit geworden worden sei. In den Umerziehungslagern in Xinjiang, oder «Indoktrinierungslagern», wie Ruser sie nennt, sollen bis zu eine Million Uiguren gefangen gehalten sein. Eine Zahl, die China bestreitet.

Mit Google Earth und Google Maps

Für seine Recherchen arbeitet Ruser fast nur mit frei verfügbaren Informationsquellen. Vor allem Google Earth und Google Maps. Auf den von Satelliten oder Flugzeugen aufgenommenen Bildern sucht er akribisch nach Veränderungen der Landschaft, nach Neubauten, nach Umbauten bestehender Gebäude. Neue, grosse Anlagen mit Wachtürmen seien typisch für Lager. Er und sein Team sichten auch Nachtbilder.

Scheinwerfer, die hohe Mauern und Zäune beleuchten, seien ein anderes Indiz. Er glaube zwar der chinesischen Regierung, wenn sie behauptet, in jüngster Zeit Uiguren aus der Internierung entlassen zu haben. Trotzdem habe er eine Verschärfung festgestellt. «Leute aus Niedrigsicherheitsgefängnissen sind in Hochsicherheitsanlagen umgesiedelt worden».

Ruser nutzt auch andere Quellen. Bilder, die von europäischen Satelliten aufgenommen worden waren, oder sogar von chinesischen.

Australien im Clinch mit der Regierung in Peking

Der Analyst sieht sich nicht als Instrument des immer lauter werdenden Verbalkrieges zwischen dem Westen und China. Gerade sein Heimatland Australien steht seit Monaten in einem eskalierenden Streit mit Peking. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, war Canberras Forderung nach einer Untersuchung des Ursprungs des Covid-19-Virus. Peking fühlte sich brüskiert, beschuldigt. Es folgten Handelsboykotte und scharfe diplomatische Notizen. «Ich liefere nur die Informationen», sagt Ruser. «Was die Politiker damit machen, ist nicht mehr meine Sorge».

Er anerkennt aber, dass seine Arbeit schon dazu genutzt wurde, «um die Situation in Xinjiang zu politisieren, und um China zu treten». Die Verletzung der Menschenrechte aber würde ihre eigene Sprache sprechen. «Sie muss nicht Teil einer grösseren Geschichte sein», sagt Ruser. Bald will er seine Arbeit ausdehnen – von seiner Leidenschaft Menschenrechte auf den Schutz der Umwelt. Über Satelliten will er entdecken, wo Ökosysteme geschändet und die Natur durch Unternehmen oder Regierungen vandalisiert wird.

Sie haben nie einen Fehler gefunden

Es ist eine weitere Aufgabe, die ihm bestimmt nicht nur Freunde bringen wird. Zwar sei er von China nie bedroht worden. «Sie haben zwar meine Beobachtungen analysiert, aber nie einen Fehler gefunden». Das bestätige ihm die Qualität seiner Arbeit. Er sehe jedenfalls keinen Grund, in den Untergrund zu gehen und verdeckt zu arbeiten.

Zum Erstaunen vieler Beobachter nutzt Ruser ein mit dem Betriebssystem Android betriebenes, vergleichsweise unsicheres Mobiltelefon. Auch ist er auf Facebook und auf Twitter aktiv. Zwar denke er darüber nach, sich wenigstens in der digitalen Welt etwas besser zu schützen. «Aber ich bin halt noch immer der Meinung, dass sich nicht verstecken muss, wer nichts verbrochen hat».