Myanmar
Brutale Rohingya-Vertreibung: «Mich erstaunt das Ausmass der Gewalt»

Der Schweizer Ex-Mediator Léon de Riedmatten erklärt, warum rund 600'000 Rohingya aus Myanmar fliehen mussten.

Annika Bangerter, Yangon
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Léon de Riedmatten kennt Myanmar bestens.

Léon de Riedmatten kennt Myanmar bestens.

Zur Verfügung gestellt

Kaum ein Schweizer kennt Myanmar so gut wie Léon de Riedmatten: Ende der 90er-Jahre leitete der Walliser die Delegation des Internationalen Roten Kreuzes im südostasiatischen Land und verhandelte mit der damaligen Militärdiktatur den Zugang zu den politischen Gefangenen. Als Mediator vermittelte er zudem in den frühen 2000er-Jahren zwischen dem Regime und der Opposition. Regelmässig besuchte er in dieser Zeit Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, als sie unter Hausarrest stand. Nachdem ihn die Militärjunta auch auf die schwarze Liste setzte, musste de Riedmatten 2006 das Land verlassen. Heute lebt er wieder in Yangon.

Herr de Riedmatten, Sie verfolgen die politische Lage in Myanmar seit über 20 Jahren. Überrascht Sie der jüngste Gewaltausbruch?

Léon de Riedmatten: Mich erstaunt das Ausmass der Gewalt. Die Problematik rund um die muslimische Gemeinschaft der Rohingya ist nicht neu. Als ich 1993 in Myanmar zu arbeiten begann, waren die Spannungen bereits spürbar. Wir wussten, dass es für jede künftige Regierung äusserst schwierig wird, den Konflikt zu lösen. Die instabile Lage, in der sich das Land nun befindet, besorgt mich zutiefst. Alle geplanten Reformen und der Wille zur Aussöhnung sind durch die Situation in Rakhine gefährdet.

Was sind die Ursachen des Konflikts?

Das ist schwer zu sagen. Bis heute habe ich niemanden getroffen, der mir erklären konnte, weshalb diese muslimische Gemeinschaft seit Jahren derart diskriminiert wird. Die Mehrheit der Bevölkerung Myanmars reagiert ihr gegenüber extrem irrational und emotional.

Wie zeigt sich das?

Wenn beispielsweise Mönche predigen, dass Muslime eine Gefahr für das Land sind und die Buddhisten – also die Mehrheit der Bevölkerung – ihnen glauben. Hinter den religiösen Würdeträgern stehen jedoch Menschen, die manipulieren. Ihnen geht es darum, das Land zu destabilisieren – abhängend davon, wer es gerade regiert. Davon abgesehen, wurden die Rohingya zu lange innerhalb des Landes isoliert. Werden Gettos kreiert, entstehen Probleme, das ist überall so.

Heikler Besuch: Franziskus als erster Papst in Myanmar

Als erster Papst überhaupt besucht Franziskus das vorwiegend buddhistische Land Myanmar. Gestern Nachmittag ist er in Yangon angekommen. Im Vorfeld seines Besuches haben ihn lokale Kirchenführer aufgefordert, den Begriff «Rohingya» nicht zu verwenden. Ob Franziskus sich an die Bitte hält, ist unklar. Der Papst verurteilte bereits früher die Gewalt an den Rohingya durch das Militär. Heute Dienstag trifft Franziskus die stark kritisierte Friedensnobelpreisträgerin und De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi. Am Donnerstag fliegt der Papst weiter nach Bangladesch. (ABA)

Die Gewalt, von der die Flüchtlinge in Bangladesch berichten, schockiert. Warum wird im Land keine Kritik gegenüber den Sicherheitskräften laut?

Viele Menschen in Myanmar befürchten, dass sich die Muslime im Land radikalisieren und dass die muslimische Gemeinde rascher wächst als der Rest der Bevölkerung. Dieselben Ängste kennen wir auch in Europa und in der Schweiz. Zudem fürchten sich viele in Myanmar vor den Konsequenzen des Klimawandels in Bangladesch. Dieser Nachbarstaat ist bereits heute überbevölkert. Was geschieht also, wenn die Küste überflutet wird? Solche Fragen stimulieren die hiesigen Ängste.

Werden bald alle in Myanmar lebenden Muslime in den Konflikt rund um die Rohingya verwickelt?

Die angesprochenen Ängste richten sich bereits heute gegen die gesamte muslimische Bevölkerung Myanmars. Das sollte uns zu Denken geben. Davon abgesehen, sehe ich noch keine Probleme. Schauen Sie sich Yangon an. Sie finden hier verschiedene Quartiere, in denen Menschen unterschiedlicher Religionen seit Jahrzehnten friedlich zusammenleben. Doch es gibt immer Schwierigkeiten, wenn es einer Gruppe gelingt, die Bevölkerung mit Ängsten zu beeinflussen.

Sie kennen die De-facto-Staatschefin Aung San Suu Kyi persönlich. Haben Sie noch Kontakt zu ihr?

Selten. In den Jahren zwischen 2000 und 2004 habe ich den politischen Dialog zwischen ihr und dem Militär vorangetrieben und koordiniert. Zwei Jahre später war ich selber gezwungen, das Land zu verlassen, und zog nach Bangkok. Seitdem hatte ich nur wenige Gelegenheiten, mit ihr zu sprechen.

Was für eine Frau trafen Sie in den frühen Nuller-Jahren?

Ich war sehr beeindruckt von Aung San Suu Kyi. Sie war freundlich und humorvoll. Für mich war es ein Privileg, ihr nahe zu sein. Sie war willens alles zu tun, um den Dialog mit dem Militär aufzunehmen. Daran änderte sich auch nichts, als sie bei einer Reise nach Mandalay von einer regierungsnahen Organisation attackiert wurde.

Hat sie sich verändert, seit sie De-facto-Regierungschefin ist?

Dazu kann ich nur sagen, dass ich es noch immer bedauere, dass unsere gute Beziehung der Vergangenheit angehört.

Auch ausserhalb von Myanmar sind viele von ihr enttäuscht. Einige fordern, ihr den Friedensnobelpreis abzusprechen.

Nach einer langen Zeit unter der Militärdiktatur befindet sich das Land in einer Übergangsphase. Mit all den notwendigen Reformen steht die Regierung vor einer gewaltigen Aufgabe. Sicher ist, dass dies eine Einzelperson nicht alleine schafft. Für die Regierung, und insbesondere für Aung San Suu Kyi, ist es zudem schwierig zu erklären, welche Reformen es braucht, und das Verständnis dafür zu schaffen. Viele Menschen in Myanmar verstehen nicht, was Demokratie bedeutet. Sie entstand ja nicht aus der Mitte der Gesellschaft heraus, sondern wurde vom Militär durchgesetzt.

Die Verfassung garantiert der Armee bis heute die Macht. Kann Suu Kyi die Militärs überhaupt öffentlich kritisieren?

Sie ist die De-facto-Staatschefin. Wenn sie denkt, dass die Dinge falsch laufen, hat sie das Recht, das zu sagen. Im Moment macht sie aber den Eindruck, dass sie alles selber regeln kann.

Hätte sie die Möglichkeit gehabt, die Rakhine-Krise zu verhindern?

Aung San Suu Kyi hätte bereits im vergangenen Jahr erklären können, dass die muslimische Gemeinschaft im nordwestlichen Rakhine-Staat keine ethnisch anerkannte Minderheit ist, deren Angehörige aber Einwanderer sind wie die hier lebenden Inder, Chinesen oder Portugiesen. Die Spannungen hätte sie drastisch entschärft mit einer Aussage wie: Wer seit Generationen in Myanmar lebt, verdient die Staatsbürgerschaft, für die anderen gibt es eine Probezeit.

Wie reagiert die internationale Gemeinschaft auf den Konflikt?

Die Situation in Rakhine ist nicht schwarz-weiss. Auf beiden Seiten kam es zu Taten, die zu verurteilen sind. Es ist aber ein grosses Problem, dass bis heute keine unparteiischen Zeugen vor Ort zugelassen werden. Es herrscht Desinformation. Vor diesem Hintergrund ist es ratsam, die Lage gegenwärtig nicht als Genozid oder ethnische Säuberung zu qualifizieren. Es braucht vielmehr eine Sprache, die weder die eine noch die andere Seite reizt. Die Situation wird noch lange anhalten und es wird schwierig sein, einen Ausweg zu finden.