Kampf der Systeme
Bleiben Xi und Joe Freunde? Das Verhältnis der beiden Supermächte bleibt auch unter dem neuen US-Präsidenten kompliziert

China verabschiedete Trump mit viel Hohn. Doch Biden wird für Peking ein harter Brocken.

Fabian Kretschmer aus Peking
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2013 in Peking haben sich der damalige US-Vizepräsident Joe Biden und Chinas Regierungschef Xi Jinping bestens verstanden.

2013 in Peking haben sich der damalige US-Vizepräsident Joe Biden und Chinas Regierungschef Xi Jinping bestens verstanden.

Keystone

China war der perfekte Sündenbock für Donald Trump: Die Coronapandemie, die Cyberangriffe auf amerikanische Institutionen, die wirtschaftliche Misere: Für all das machte der Ex-Präsident das Regime in Peking verantwortlich – teilweise zurecht. Der Handelskrieg mit den Chinesen drohte immer wieder aufs Neue zu eskalieren. Beide Seiten haben die Zölle für Importwaren scharf nach oben korrigiert.

Kein Wunder also, dass die Chinesen – nach den Amerikanern inzwischen die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt – sich über Trumps Abgang freuten. «Gut, dass wir Sie los sind!», titelte Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua am Mittwoch an die Adresse des Republikaners. Wenige Minuten nach Ablauf von Trumps Amtszeit verhängte China Sanktionen gegen den abgetretenen US-Aussenminister Mike Pompeo und 27 andere Politiker aus Trumps Umfeld.

An die Adresse von Joe Biden hingegen liess das Reich der Mitte herzliche Gratulationen ausrichten und begrüsste insbesondere die von Biden in die Wege geleitete Rückkehr der USA in die Weltgesundheitsorganisation WHO. Trump ging zuletzt auf klare Distanz zu dem vermeintlich allzu China-freundlichen Verbund.

Doch die Hoffnung auf eine schnelle Entspannung zwischen den Weltmächten ist verfrüht. Chinas staatlich kontrollierte Medien begegnen dem neuen Präsidenten mit einer Mischung aus Skepsis und Zurückhaltung. China harrt in seiner geopolitischen Lauerstellung aus. Man rechnet nicht mit rascher Besserung, hält sich aber bereit, um notfalls schnell die Hand ausstrecken zu können.

Die persönliche Basis dafür wäre immerhin gegeben. Joe Biden und Chinas Präsident Xi Jinping kennen sich von früheren Treffen. Bereits 2013 bezeichnete der damalige US-Vizepräsident Biden den chinesischen Staatslenker bei einem Besuch in Peking als «Freund». Xi Jinping ist sich aber bewusst, dass Biden seine China Politik deutlich stärker als sein Vorgänger mit den Europäern absprechen will. Dass das Pekings wirtschaftlicher Umarmung der EU – ein grosses Investitionsabkommen steht laut den Chinesen unmittelbar bevor – im Weg stehen könnte, ist die tiefste Urangst der Volksrepublik.

Gefährliche Bewunderung für Chinas System

Die grosse Hoffnung der Chinesen ist es, dass sich Amerika nicht mehr in die «inneren Angelegenheiten» Chinas einmischen wird. Peking spricht damit etwa die zuletzt scharfe Kritik der Trump-Regierung an den Gefangenenlagern an, in denen das Regime noch immer Hunderttausende Angehörige der muslimischen Minderheit der Uiguren festhält. Doch auch Bidens designierter Aussenminister Antony Blinken hat die Unterdrückung der Uiguren zuletzt als «Genozid» bezeichnet. Ähnlich deutlich dürfte Bidens Regierung auch das brutale Vorgehen der Chinesen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong verurteilen. Kurz: Pekings Hoffnung auf ein wegschauendes Amerika wird nicht in Erfüllung gehen.

Mit Kritik und Verurteilungen alleine wird sich Amerika aber nicht zufrieden geben können. Insbesondere viele Entwicklungsländer schauen derzeit mit viel Bewunderung auf China, das die Coronapandemie wirtschaftlich deutlich besser überstanden hat als das demokratieversessene Amerika. Und: Die chinesische Führung ist noch so gern bereit, ihr Mischsystem aus kapitalistischem Maximierungsstreben und autoritärem Politistil zu exportieren. In Zeiten, wo Amerikas Regierungsgebäude von zehntausenden Soldaten bewacht werden müssen, um einen weiteren Angriff bewaffneter Wahnsinniger abzuwehren, ist das einfacher als auch schon.