«Blade Runner»
Der ehemalige Sprint-Star Oscar Pistorius könnte bald schon freikommen - unter einer Bedingung

2013 erschoss Oscar Pistorius seine Lebensgefährtin. Jetzt könnte der beinamputierte Sportler aus dem Gefängnis entlassen werden. Doch vorher muss er zum Gespräch mit Reeva Steenkamps Eltern.

Markus Schönherr, Pretoria
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Oscar Pistorius nach dem Mord an seiner Lebensgefährtin vor Gericht: 2013 erschoss er seine Partnerin, jetzt könnte er freikommen.

Oscar Pistorius nach dem Mord an seiner Lebensgefährtin vor Gericht: 2013 erschoss er seine Partnerin, jetzt könnte er freikommen.

Shiraaz Mohamed / AP

Wie kann es sein, dass ein verurteilter Mörder nach kaum mehr als sieben Jahren freikommt? Das fragen sich dieser Tage viele Südafrikaner, nachdem bekannt wurde, dass der gefallene Sportheld Oscar Pistorius bald aus der Haft entlassen werden könnte. Der beidseitig beinamputierte Läufer sorgte 2013 weltweit für Schlagzeilen mit dem Mord an seiner damaligen Freundin Reeva Steenkamp.

Der Vorort Silver Lakes: weisse Villen mit Pools, Fitnesscenter an jeder Ecke und lila blühende Jacaranda-Bäume. Mit seinen Luxus-Anwesen ist der Bezirk im Osten der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria das genaue Gegenteil von Atteridgeville, dem Township am anderen Ende der Stadt. Oscar Pistorius kennt beide Stadtteile. In dem einen lebte er, als er am Valentinstag 2013 seine Lebensgefährtin Steenkamp erschoss, im anderen sitzt er heute seine Haftstrafe ab.

Oscar Pistorius mit Reeva Steenkamp.

Oscar Pistorius mit Reeva Steenkamp.

Lucky Nxumalo / AP

Eigentlich sollte der Paralympics-Star mehr als 13 Jahre einsitzen. Wie für jeden Gefangenen gelte laut Singabakho Nxumalo, Sprecher von Südafrikas Justiz, aber auch für Pistorius:

«Gefangene müssen die Mindestzeit im Gefängnis verbringen, also die Hälfte ihrer Haftstrafe, danach werden sie für eine bedingte Strafaussetzung in Betracht gezogen.»

Auch die Eltern des getöteten Models, June und Barry Steenkamp, waren sich darüber im Klaren. «Ich habe sie darauf vorbereitet, dass Oscar irgendwann für eine Haftentlassung infrage kommt», erklärte ihre Anwältin, Tania Koen, zu Wochenbeginn in einem Radiointerview. Für Schock habe allerdings der Zeitpunkt gesorgt. Die meisten rechneten damit, dass Pistorius frühestens 2023 freikommt. Da sein Haftantritt unter Berücksichtigung der Untersuchungshaft auf 2013 rückdatiert wurde, starte jedoch der Prozess schon jetzt.

Zuvor steht ein Treffen mit Steenkamps Eltern an

«Reevas Leben war also bloss sieben Jahre wert? Okay, ich hoffe, ihre Eltern finden darin Trost», bemerkt eine zynische Beobachterin. Viele Südafrikanerinnen und Südafrikaner reagierten verblüfft auf die Nachricht einer möglichen Entlassung. «Wir haben nicht vergessen, wie grausam er Reeva ermordete und log», «Er ist gefährlich», «Das gibt jedem Kriminellen Hoffnung», lauteten am Dienstag einige Kommentare in Sozialen Medien. Andere wiederum sind überzeugt: «Der Junge hat seine Lektion gelernt» und «Er ist jetzt demütig und hat Reue gezeigt».

Der beinamputierte Sportler Oscar Pistorius beim Gerichtsprozess.

Der beinamputierte Sportler Oscar Pistorius beim Gerichtsprozess.

Siphiwe Sibeko / AP

Auf Pistorius, der bei den Paralympics 2004 Gold im 200-Meter-Lauf holte, ruhte einst die Hoffnung einer ganzen Nation. Südafrika feierte seinen «Blade Runner». Zumindest bis 2013, als der Sportheld mehrere Schüsse durch eine geschlossene Toilettentür feuerte und seine Freundin tötete. Seinen Einwand, er habe Steenkamp für einen Einbrecher gehalten, kauften ihm die Richter nicht ab.

Ein Entlassungsgremium soll nun darüber entscheiden, ob Pistorius den Rest seiner Haft im Hausarrest verbüsst. Doch bevor es soweit kommt, steht ein Treffen zwischen ihm und Steenkamps Eltern an: Der «Opfer-Täter-Dialog» sei Voraussetzung für eine frühzeitige Haftentlassung, betont der Verantwortliche für den Prozess: Eine Entschuldigung oder eine Versöhnung zwischen Täter und Hinterblieben sei zwar nicht das Ziel des Gesprächs, aber eine Option. «Solche Programme müssen eine ausgleichende Justiz beinhalten, bei der Schuldige ihre Taten anerkennen und Verantwortung dafür übernehmen», so Strafvollzugs-Sprecher Nxumalo.

Steenkamps Anwältin kritisierte zuletzt Südafrikas Behörden. Bereits Ende Oktober sei ein Treffen geplant gewesen, aber in letzter Minute abgesagt worden. «Es ist, als habe man das Pflaster abgerissen, welches die Steenkamps über ihre Wunden legen konnten.» Nichtsdestotrotz seien ihre Klienten bereit, Pistorius gegenüberzutreten: «Ganz gleich was passiert, es wird Barry und June ihre Tochter nicht zurückbringen.»

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