Asien
Überwachungsstaat China: Jetzt nimmt Peking sogar die Hobby-Bierbrauer ins Visier

Die Partei möchte alle Gesellschaftsbereiche im Blick haben, ganz gleich wie unpolitisch. Eine Geschichte über «illegale» Bierbrauer, Hobby-Blockwarte und Spitzel-Apps.

Fabian Kretschmer, Peking
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Staatspräsident Xi Jinping nimmt einen Schluck aus dem Bierglas - den Verband der Craft-Bier-Brauer im Land hat seine Regierung dagegen zur «illegalen NGO» erklärt.

Staatspräsident Xi Jinping nimmt einen Schluck aus dem Bierglas - den Verband der Craft-Bier-Brauer im Land hat seine Regierung dagegen zur «illegalen NGO» erklärt.

AP/key

Seit neun Jahren trifft sich die «Beijing Homebrewer's Society» (BHS) bereits regelmässig in Pekinger Pubs, wo die zahlreichen Mitglieder über neue Craft Beer Sorten fachsimpeln und Tipps zum richtigen Bierbrauen austauschen. Die BHS ist eine lose organisierte Truppe junger Menschen, die vor allem eins verbindet: die Liebe zum kühlen Blonden.

Eigentlich recht harmlos, oder? In Chinas Hauptstadt sieht die Staatsmacht dies jedoch anders: Seit dem Wochenende nämlich wird die BHS als «illegale NGO» geführt und ist mit einem zehnjährigen Verbot belegt. Zuvor hatte ein Hobby-Blockwart – mutmasslich ein konkurrierender Wirt – die Gruppe bei den Behörden angeschwärzt. Diese fanden schliesslich heraus, dass die Bierbrauer-Gemeinschaft keine offizielle Regierungsgenehmigung führte – eine Lizenz, die so schwer zu bekommen ist, dass die Gruppe es nach Jahren vergebener Mühe irgendwann aufgegeben hatte.

Auf sozialen Medien sorgt der – auch für chinesische Verhältnisse absurde – Fall für eine Mischung aus Verwirrung, Spott und Trauer. «Wir entfernen uns immer weiter von einer Zivilisation», kommentiert ein User auf der Online-Plattform Weibo.

Kafkaesker Auswuchs - oder steckt mehr dahinter?

Man könnte den Vorfall als rein kafkaesken Auswuchs der Pekinger Bürokratie abbuchen. Doch er lässt sich auch als Parabel lesen über das hochpolitisierte Gesellschaftsklima in der chinesischen Hauptstadt, das keinen Platz mehr lässt für soziale Freiräume abseits staatlicher Kontrolle. Ein Klima voll Paranoia, in dem unbescholtene Durchschnittsbürger rasch unter Verdacht geraten und andere zu übereifrigen Blockwarts mutieren.

Überwachungskameras sind in China allgegenwärtig - genau wie die privaten Blockwarte.

Überwachungskameras sind in China allgegenwärtig - genau wie die privaten Blockwarte.

AP/key

Für das Auge ersichtlich manifestiert sich jenes Klima nirgendwo so deutlich wie in der Pekinger Stadtplanung. Chinas Hauptstadt hat sich zunehmend abgeschottet: Der Universitätscampus – früher beliebte Tagesausflüge – bleiben Besuchern versperrt, staatliche Museen lassen sich ausschliesslich nach vorheriger Registrierung inklusive Sicherheitscheckpoint betreten und praktisch jeder Quadratkilometer wird von Überwachungskameras durchleuchtet.

Praktisch alle Wohnanlagen werden zudem von hohen Mauern umzäunt und von Nachbarschaftskomitees in schwarzen Uniformen bewacht. Vor über drei Jahrzehnten waren es ebenjene Nachbarschaftskomitees, die den Behörden beim Aufspüren der Studentenaktivisten vom Tiananmen-Platz halfen.

Grenzenlose digitale Möglichkeiten der Überwachung

Doch die technologische Entwicklung hat die Stasi-Mentalität noch weiter beflügelt. Allein in Chaoyang, dem mit 3,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern bevölkerungsreichsten Stadtteilt Pekings, gibt es laut Medienberichten 130'000 registrierte Mitglieder einer Bürgerwehr, die sich als freiwillige Polizei-Helferinnen und -Helfer verstehen – und beim Finden von Dieben, Drogendealern und «verdächtigen Personen» helfen. Die lokale Polizeibehörde vom Bezirk Chaoyang hat für ihre Unterstützer bereits vor vier Jahren eine eigene App programmiert, auf der sie jedes Jahr Tausende Hinweise erhält.

Erst Ende letzter Woche sorgten die zivilen Ordnungshüter für ihren prominentesten Fang: Sie meldeten der Polizei «Verdacht auf Prostitution» in einem Wohnkomplex, in dem die hergeeilten Polizisten schliesslich den 39-jährigen Star-Pianisten Li Yundi mit einer zehn Jahre jüngeren Prostituierten fanden.

Zum Verhör wegen der Browser-Historie

Das chinesische Büro für öffentliche Sicherheit hat erst im März dieses Jahres eine «Anti-Betrugs-App» veröffentlicht, um gegen Phishing-Anrufe und andere Hochstapelei vorzugehen. Doch die App, die unter anderem Anrufe und Textnachrichten in Echtzeit aufzeichnet, hat auch dazu geführt, dass chinesische Nutzer von lokalen Polizeibeamten zum Verhör gebeten wurden, weil sie bestimmte ausländische Nachrichtenseiten auf ihrem Handy aufgerufen haben.

Erst vor wenigen Tagen, erzählt ein Bewohner aus dem südchinesischen Guangdong, sei er beim Besuch der örtlichen Polizeiwache dazu aufgefordert worden, die umstrittene App auf seinem Smartphone zu installieren. «Wenn nicht, können wir Ihnen bei Ihrem Anliegen nicht helfen», sagte einer der Beamten. Erst nach einer langwierigen Diskussionen liessen sie den Bürger auch ohne App auf die Wache.

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