Sturm auf Kapitol
Trump-Schamane zu mehrjähriger Haftstrafe verdonnert – jetzt will er sein wie Jesus und Gandhi

Am 6. Januar stürmte Jacob Chansley als Schamane verkleidet zusammen mit Hunderten von Anhängern des abgewählten Präsidenten Donald Trump das Parlamentsgebäude in Washington. Nun wurde er zu einer Gefängnisstrafe von insgesamt 41 Monaten verurteilt.

Renzo Ruf, Washington
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Jacob Chansley, der selbsternannte Schamane, am 6. Januar 2021 im Kapitol in Washington.

Jacob Chansley, der selbsternannte Schamane, am 6. Januar 2021 im Kapitol in Washington.

Manuel Balce Ceneta / AP

Er hat schon viel erlebt, schliesslich wirkt Royce Lamberth seit mehr als drei Jahrzehnten als Bundesrichter in Washington. Die Rede allerdings, die Jacob Chansley am Mittwoch im Saal 15 des Gerichtsgebäudes in der amerikanischen Hauptstadt schwang, fand Lamberth ganz aussergewöhnlich. In seiner langen Karriere habe er nichts Vergleichbares gehört, sagte der 78-jährige Bundesrichter. Er glaube, dass Chansley ehrliche Reue für seine Tat empfinde.

In der Tat hatte der 34 Jahre alte ehemalige Anhänger von Donald Trump, dessen Bild nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar um die Welt ging, während seines Auftrittes vor Richter Lamberth alle Register gezogen. So zog Chansley während 30 Minuten Parallelen zu Jesus und Gandhi und stellte die rhetorische Frage, was seine beiden Vorbilder denn in ähnlichen Situationen getan hätten. (Weder Jesus noch Gandhi beteiligten sich, soweit bekannt, jemals an einem gewalttätigen Protest, der das Ziel hatte, die Beglaubigung des Siegers einer amerikanischen Präsidentenwahl zu stoppen.) Er wolle Charakterstärke zeigen, wie einst Jesus und Gandhi, dem Vater der indischen Unabhängigkeit von Grossbritannien, sagte Chansley.

Dann entschuldigte sich der Mann, der sich als Anhänger der QAnon-Sekte ausgegeben hatte und trotz kalter Temperaturen am 6. Januar eine absonderliche Verkleidung trug, für sein Verhalten. Es sei falsch gewesen, das abgesperrte Kapitol zu betreten. Und: Er könne sich nicht mit gutem Glauben für seine Tat verteidigen. «Ich habe wirklich einen riesigen Fehler gemacht.» Nun hoffe er, sagte Chansley an Richter Lamberth gewandt, dass er seinen Wunsch ernst nehme, künftig ein Leben wie Jesus oder Gandhi zu führen.

Sturm aufs Kapitol: Diese Bilder gingen um die Welt

Als die Meute eindrang, wurden die Kongressabgeordneten in Sicherheit gebracht.
28 Bilder
Die Proteste aufgebrachter Anhänger des abgewählten US-Präsidenten Donald Trump in der Hauptstadt Washington sind am Mittwoch ausgeartet ...
... und haben für Chaos und Gewalt im politischen Zentrum der USA gesorgt.
Nach einer einheizenden Rede des Republikaners marschierten Trump-Unterstützer vor dem Kapitol auf, ...
... um gegen die Zertifizierung der Präsidentschaftswahlergebnisse zu protestieren.
Bei dem Ansturm auf das Kongressgebäude drangen Demonstranten ins Innere des Kapitols ein.
Die Meute wütete im Innern des Kapitols.
Die beiden Kongresskammern mussten ihre Sitzungen abrupt unterbrechen, die Parlamentssäle wurden geräumt.
Ein Trump-Anhänger liess sich im Büro von Nancy Pelosi fotografieren.
Joe Biden trat am Abend live vor die Kameras: «Ich rufe Donald Trump dazu auf, jetzt im Fernsehen aufzutreten und die Verfassung zu verteidigen und das Ende dieses Ansturms auf das Kapitol zu verlangen.»
Weitere Bilder von den Protesten und dem gewaltsamen Eindringen von Trump-Anhängern ins US-Kapitol.
Weitere Bilder von den Protesten und dem gewaltsamen Eindringen von Trump-Anhängern ins US-Kapitol.
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Weitere Bilder von den Protesten und dem gewaltsamen Eindringen von Trump-Anhängern ins US-Kapitol.
Weitere Bilder von den Protesten und dem gewaltsamen Eindringen von Trump-Anhängern ins US-Kapitol.
Aufräumarbeiten nach dem Sturm.
Zerschlagene Scheiben: Die Demonstranten hatten sich gewaltsam Zutritt zum Kapitol verschafft.

Als die Meute eindrang, wurden die Kongressabgeordneten in Sicherheit gebracht.

AP

Richter sagt: «Was Sie taten, war furchtbar»

Der Richter zeigte sich zwar, wie erwähnt, ehrlich beeindruckt. «Einige Ihrer Aussagen klingen ähnlich wie Dinge, die Martin Luther King» – der 1968 ermordete afroamerikanische Bürgerrechtler – «hätte sagen können.» Lamberth sagte aber auch: Die Straftat, die Chansley begangen habe, sei derart schwerwiegend, dass er keine Möglichkeit sehe, stark vom empfohlenen Strafmass abzuweichen. «Was Sie taten, war furchtbar.» Also verurteilte Lamberth den 34-Jährigen wegen Behinderung einer offiziellen Sitzung des amerikanischen Parlaments zu einer Gefängnisstrafe von 41 Monaten, Die 10 Monate, die Chansley seit seiner Verhaftung am 9. Januar bereits hinter Gittern verbrachte, werden ihm angerechnet. Die Anklage hatte 51 Monaten Gefängnis gefordert, während sein Anwalt um Nachsicht bat, auch weil Chansley angeblich mit psychischen Problemen kämpfe.

Mit 41 Monaten kassierte Chansley die bisherige Rekordstrafe in den zahlreichen Verfahren gegen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Sturms auf das Kapitols. Ebenso schwer bestraft wurde bisher einzig ein Demonstrant, der einen Polizisten der Capitol Police attackiert hatte.

Der QAnon-Schamane, wie sich Chansley auch nannte, hatte am 6. Januar an der Spitze eines Demonstrationszugs die Sitzung des Kongresses gestört, die den Wahlsieg des Demokraten Joe Biden bestätigen wollte. Chansley verschaffte sich dabei Zutritt zum Versammlungssaal des Senats, ohne allerdings Gewalt anzuwenden. Dort nahm er auf dem Stuhl Platz, auf dem wenige Minuten zuvor noch Vizepräsident Mike Pence eine Sitzung geleitet hatte. «Sie zogen ihren Schwanz ein und sind gerannt», prahlte Chansley, der in Arizona wohnte, nach vollbrachter Tat im Gespräch mit einem Journalisten.

Chaos in Washington: So kam es zum Sturm auf das Kapitol

Video vom 7. Januar 2021.

CH Media Video Unit

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