Altersfrage
Die Jungen wollens wagen, die Alten müssens richten: Doch wer stellt die besseren Regierungschefs?

62 Jahre alt sind die Regierungschefs der Welt im Durchschnitt. Zu reden geben werden 2022 aber primär die jungen Staatslenker.

Samuel Schumacher
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Die Finnin Sanna Marin, 36, war 2019 die jüngste Regierungschefin der Welt.

Die Finnin Sanna Marin, 36, war 2019 die jüngste Regierungschefin der Welt.

AP

«Charakterlich instabil» seien sie und deshalb zwingend von der politischen Verantwortung fernzuhalten, schrieb der spätere US-Präsident James Madison (1751 bis 1836) einst über die Unter-35-Jährigen. Sein Wort hat Gewicht – bis heute: Wer sich in Amerika um das höchste politische Amt bewerben will, muss mindestens 35 Jahre alt sein.

Die USA sind bei weitem nicht das einzige Land mit Altershürden für politische Würdenträger. In China muss man als Präsidentschaftskandidat mindestens 45, in Italien sogar 50 Jahre alt sein. Zum Vergleich: In der Schweiz darf sich theoretisch jede und jeder ab 18 in den Bundesrat wählen lassen.

CH Media

Machen diese Gesetze in unserer Zeit noch Sinn? Können wirklich nur ältere Semester einen Staat führen? Schaut man sich die jüngsten Entwicklungen auf der globalen Bühne an, dann findet man diverse Beispiele, die das zumindest andeuten. In Italien hat der 74-jährige Mario Draghi das Land aus der Krise geführt, statt sich in die wohlverdiente Ruhephase auf seinem Landgut in Umbrien zurückzuziehen.

Diese Jungen haben die Welt unsicherer gemacht

In den USA hat der 78-jährige Joe Biden das Zepter in die Hand genommen, um das Land vom Kurs seines immerhin vier Jahre jüngeren Vorgängers abzubringen. Und in Deutschland hätten sich nicht wenige gewünscht, die 67-jährige Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel würde den Übertritt in die politische Pensionierung um ein paar Jahre nach hinten verschieben.

Feiert am Samstag seinen 39. Geburtstag: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-Un.

Feiert am Samstag seinen 39. Geburtstag: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-Un.

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Kommt hinzu, dass eine ganze Reihe jugendlicher Staatslenker im vergangenen Jahr nicht eben überzeugend aufgetreten sind. Österreichs Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz, 35, musste seine politische Karriere wegen Korruptionsvorwürfen vorzeitig beenden. Kim Jong-Un, der morgen seinen 39. Geburtstag feiert, versetzte die Welt mit provokativen Raketentests in Angst und Schrecken. Und Sanna Marin, die 2019 als damals 34-Jährige die finnische Regentschaft übernahm, tanzte trotz Kontakt zu ihrem positiv auf Covid getesteten Aussenminister maskenlos und mit «Corona»-Bier in einer Disco in Helsinki.

Die riskante Wette des 40-jährigen Regierungschefs

Vielleicht ist also was dran an der These, dass man erst einmal ein paar Jahrzehnte Erfahrung sammeln sollte, bevor man sich anschickt, ein Land zu führen. Schon die alten Römer kannten schliesslich die «Lex Villia Annalis», die festhielt, dass mindestens 37 sein müsse, wer ein hohes Staatsamt bekleiden wolle. Zum Vergleich: Im Jahr 2021 betrug das Durchschnittsalter aller Regierungschefinnen und -chefs der Welt 62 Jahre. Die Römer wären zufrieden gewesen.

Neue Erkenntnisse ziehen die These der weisen, alten Führenden allerdings in Frage. Das Magazin «Forbes» hat jüngst eine Untersuchung veröffentlicht, die zeigt, dass die Effizienz von Führungspersonen mit wachsendem Alter signifikant abnimmt. Je älter Verantwortungsträger seien, umso verschlossener seien sie gegenüber neuen Ideen, so die Erkenntnis der Untersuchung.

Ein Beispiel gefällig? Während der 67-jährige türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und der um ein Jahr ältere chinesische Staatschef Xi Jinping den aufkommenden Kryptowährungen den Krieg erklärt haben, hat der 40-jährige salvadorianische Regierungschef Nayib Bukele den Bitcoin jüngst zur offiziellen Landeswährung in El Salvador erklärt. Vier von fünf Salvadorianern stimmen dem riskanten Kurs ihres Präsidenten zu. Ob er sich auszahlen wird, bleibt abzuwarten.

Nayib Bukele führt in El Salvador gerade ein weltweit einzigartiges Wirtschaftsexperiment durch.

Nayib Bukele führt in El Salvador gerade ein weltweit einzigartiges Wirtschaftsexperiment durch.

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Die Frage, wie alt Staatslenker mindestens sein sollten oder maximal sein dürfen (eine Altersobergrenze für Premierminister gibt es nirgendwo auf der Welt), wird spätestens im Jahr 2024 wieder intensiv debattiert werden. Dann stehen in der grössten Volkswirtschaft der Welt die nächsten Präsidentschaftswahlen an. Joe Biden, dann 81, will als demokratischer Kandidat erneut ins Rennen steigen. Sein aus derzeitiger Sicht wahrscheinlichster Opponent wäre der dann 78-jährige Donald Trump. (sas)