Waterloo
5000 Darsteller und 300 Pferde stellen Schlacht bei Waterloo nach – wieso?

Während mehrerer Tagen stellt das belgische Städtchen Waterloo die Ereignisse vom 18. Juni 1815 mit viel Aufwand nach. 5000 uniformierte Laiendarsteller mit 300 Pferden und 100 Kanonen gehen in Stellung – und was soll das ganze Spektakel?

Stefan Brändle, Waterloo
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Napoleon Bonaparte (auf dem ersten Schimmel von links) flieht vom Schlachtfeld in Waterloo.

Napoleon Bonaparte (auf dem ersten Schimmel von links) flieht vom Schlachtfeld in Waterloo.

akg-images / De Agostini Picture

Historisches Déjà-vu-Erlebnis in Europa: Aus allen Richtungen ziehen noch einmal Zehntausende ins heute belgische Städtchen Waterloo, zur Schlacht aller Schlachten. Die 200 000 Sitzplätze sind ausverkauft für die mehrtägige historische Nachstellung, die grösste, die Europa je gesehen hat. Auf den Feldern zwischen den Tribünen werden am kommenden Freitag und Samstag 5000 uniformierte Laiendarsteller mit 300 Pferden und 100 Kanonen in Stellung gehen und Tonnen von Schwarzpulver verpulvern. Alles soll so authentisch wie möglich sein – bis hin zum speziellen Eau de Cologne, das Napoleon Bonaparte an jenem schicksalhaften 18. Juni 1815 trug.

Und was soll das ganze Spektakel? «Erinnerungskultur», nennt es Martin Klöffler, der den Generalstabschef der preussischen Truppen spielt und das Schlachtfeld gerade zum letzten Mal inspiziert. Der 60-jährige Kartograf aus Düsseldorf interessierte sich schon immer für die napoleonischen Kriege. Waterloo sei eine spektakuläre Schlacht gewesen, die lange auf des Messers Schneide gestanden habe und den alten Kontinent bis heute geprägt habe. Blutig war sie auch, nebenbei gesagt: 50 000 Mann verliessen das Schlachtfeld verletzt oder gar nicht mehr.

200 Jahre sind immerhin lang genug, damit «keine moralischen Bedenken» aufkommen, meint Klöffler mit Verweis auf die späteren Weltkriege, die mit Giftgas und Genozid endeten. Heute gedenken sogar die Verlierer mit: Beim Aussenquartier Belle-Alliance pützeln drei Arbeiter gerade am Monument des gefallenen napoleonischen Adlers. Mit Goldpapier verschönern sie sorgfältig das «N» im Eisenzaun.

Champagner-Bar Victor Hugo

Dass eine Grosse Nation Gefühle wie Schuld oder auch nur Zerknirschtheit nicht kennt, zeigt sich ein paar Schritte weiter: Eine «Champagner-Bar» namens Victor Hugo lädt zum Anstossen auf den französischen Feldherrn ein. Napoleon mag die Schlacht verloren haben, aber der «Star» von Waterloo bleibt er allemal, wie sogar der britische Historiker Stephen Clarke zugeben muss. Im lokalen Souvenirshop ist nur der kleine Kaiser aus Korsika in Gipsbüsten verewigt. Auch in den Londoner Auktionen siegt Napoleon haushoch über seine Bezwinger: Während eine Haarlocke des Duke of Wellington im April mickrige 1000 Pfund löste, liegt der Marktwert napoleonischer Reliquien – ob echt oder nicht – zehnmal höher. Wie sang doch die schwedische Popgruppe Abba in ihrem Song «Waterloo»: Wenn ich verliere, fühle ich mich, als ob ich gewinne.

«Seine schönste Niederlage»

Deshalb auch konnte Frankreich nur sein Veto einlegen, als Belgien zum 200-Jahr-Gedenken an Waterloo eine spezielle Zwei-Euro-Münze prägen wollte. Beim Beobachtungsposten, den Napoleon während der Schlacht «ab 16 Uhr» (so das Hinweisschild) einnahm, schwärmt ein Rentnerpaar von dem «französischen Genie», das Europa das Zivilrecht und andere Errungenschaften der Revolution gebracht habe. Wenn Bonaparte bei Waterloo gewonnen hätte, wäre Europa nicht der Restauration durch die Monarchisten anheimgefallen, mutmassen die frankophonen Belgier. Und so richtig verloren habe Napoleon gar nicht, findet die Frau: «Waterloo war seine schönste Niederlage.» Champagner!