Concepcion Picciotto
35 Jahre Mahnwache: Die ewige Demonstrantin ist tot

35 Jahre lang warnte Concepcion Picciotto beim Weissen Haus vor einem Atomkrieg. Am Montag ist die wohl dienstälteste Demonstrantin gestorben.

Renzo Ruf, Washington
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Nach drei Jahrzehnten Protest für immer verstummt: Concepcion Picciotto hat seit 1981 in Washington gegen die atomare Aufrüstung demonstriert.Charles Dharapak/AP/KEY

Nach drei Jahrzehnten Protest für immer verstummt: Concepcion Picciotto hat seit 1981 in Washington gegen die atomare Aufrüstung demonstriert.Charles Dharapak/AP/KEY

KEYSTONE

Connie liess sich nicht beirren. In ihrem kleinen Zelt am Lafayette Square, direkt vor dem Weissen Haus in Washington, hielt die zierliche Frau mit dem wettergegerbten Gesicht Mahnwache – ob es nun drückend heiss war, wie es in der amerikanischen Hauptstadt im Sommer oft der Fall ist, oder beissend kalt wie dieser Tage. «Wer mit der Bombe lebt, wird mit der Bombe sterben», stand auf einem der handgemalten Plakate, die sie neugierigen Touristen und gelangweilt wirkenden Bürokraten entgegenstreckte. «Verbannt alle Nuklearwaffen», forderte ein anderes. Dies wirkte – vorab in Zeiten des asymmetrischen Kriegs gegen terroristische Milizen – wie eine Botschaft aus längst vergangener Zeit.

Immer wieder zurück

Doch Connie war eine Figur aus längst vergangener Zeit. Seit der Präsidentschaft von Ronald Reagan – genau genommen seit dem 3. Juni 1981 – warnte die gebürtige Chilenin (oder war sie Spanierin?), die nur gebrochen Englisch sprach, die Welt vor den Gefahren des Atomkriegs. «Wir müssen versuchen, die Welt vor der Zerstörung zu retten», pflegte sie zu sagen. Dafür sei sie auch bereit, einen hohen Preis zu bezahlen. In der Tat: 35 Jahre lang harrte Connie aus, mit einigen wenigen Unterbrüchen. Jedes Mal, wenn die Bundespolizei sie aus der Fussgängerzone verscheuchte, kam sie wieder zurück. Sie liess sich nicht beirren.

Wie die «Washington Post» vor drei Jahren in einem höchst lesenswerten Artikel berichtete, trug Connie den bürgerlichen Namen Concepcion Picciotto. Sie hatte einst für spanische Diplomaten in New York gearbeitet, und war in den späten Siebzigerjahren nach Washington gereist, weil sie sich in einer Familientragödie Hilfe von den nationalen Behörden erhoffte. In der Hauptstadt traf sie den einsamen Demonstranten William Thomas, der vor dem Weissen Haus auf all das Unrecht in dieser Welt aufmerksam machte. Connie schloss sich ihm an – und blieb ihm auch treu, als (der vermögende) Thomas eine Aktivistin heiratete. Zusammen gehörten die drei ein Vierteljahrhundert zu Washington wie das Weisse Haus oder das Lincoln-Denkmal.

Aktivisten übernehmen

William Thomas starb 2009 und Gattin Ellen ging das Geld aus, den Aktivismus der Pazifisten zu unterstützen. Und Connie kämpfte mit gesundheitlichen Problemen. In den vergangenen Jahren sah sie sich gezwungen, kürzerzutreten. Junge Aktivisten hielten statt ihrer Mahnwachen. Am Montag nun ist Concepcion Picciotto in einem Heim für obdachlose Frauen in Washington gestorben, wie die «Post» berichtete. Sie war gegen 80 Jahre alt. Ihr genaues Alter blieb bis zuletzt ein Geheimnis.