13. August 1961
Mauerbau vor 60 Jahren: Der Tag, der aus Hartmut Richter einen Staatsfeind machte

Als in Berlin die Mauer hochgezogen wurde, verlor Hartmut Richter den Glauben an den Sozialismus. Später flüchtete er in den Westen und kam als Fluchthelfer zurück. Es folgten Torturen im Knast. Heute tritt er als Mahner auf.

Christoph Reichmuth, Berlin
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13. August 1961: DDR-Grenzer ziehen an der Sektoren-Grenze Stacheldrahtzäune hoch. Dass die Trennung 28 Jahre dauern wird, konnte niemand ahnen.

13. August 1961: DDR-Grenzer ziehen an der Sektoren-Grenze Stacheldrahtzäune hoch. Dass die Trennung 28 Jahre dauern wird, konnte niemand ahnen.

Keystone

Der 13. August 1961 ist ein heisser Sonntag. Hartmut Richter, 13 Jahre alt, ist zu Besuch bei Verwandten im Westberliner Bezirk Wedding, der just angrenzt an den von der Sowjetunion kontrollierten östlichen Sektor. Hartmut, ein engagierter DDR-Jung-Pionier, der - politisch indoktriniert - an die gute Sache des Sozialismus glaubt, will mit seiner Cousine zum See fahren, als der Onkel an diesem heissen Sommertag in die Küche tritt und aufgeregt ruft: «Die machen die Grenzen dicht!»

«Ich bin dann zur Grenze gelaufen», erinnert sich Hartmut Richter heute. Wir treffen den 73-Jährigen bei der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Strasse, wenige hundert Meter von jener Stelle entfernt, an der der damalige Teenager Zeuge wurde, wie die Sowjets den östlichen Teil Berlins in einer gut koordinierten und offenkundig von langer Hand geplanten Aktion abgeriegelt hatten. Noch heute steht hier, neben Gedenktafeln und einem Museum, ein Teil der alten Berliner Mauer.

Richter beobachtet, wie die DDR-Grenzer die Sektorengrenze mit Stacheldraht sichern. Es herrscht Aufregung bei den Menschen auf beiden Seiten. Polizisten versuchen die aufgebrachten Leute zu beruhigen. Die Situation soll hier auf keinen Fall eskalieren. «Verbrecher», schreit einer der Erwachsenen in Richtung DDR-Grenzer. Richter beobachtet die Szenerie gebannt, doch die Tragweite dessen, was hier vor sich geht, erfasst er wie eigentlich alle hier nicht.

«Ich war der Meinung, dass der Stacheldraht bis zum Abend
wieder weg sein wird»

erzählt Richter, dem man heute noch ansieht, dass er ein Leben lang Sport getrieben hat. «Auch mein Onkel sagte mir: Die Amis werden das schon richten. Danach sind wir wie geplant zum See gefahren.»

Hartmut Richter: «Die Aufarbeitung der DDR ist längst nicht abgeschlossen».

Hartmut Richter: «Die Aufarbeitung der DDR ist längst nicht abgeschlossen».

zvg

Richter kommt an diesem Abend nicht zu seinen Eltern nach Werder in der Nähe von Potsdam zurück, auch nicht an den darauffolgenden Tagen. Die DDR, wo die Eltern und Hartmut leben, ist abgeriegelt. Nach einiger Zeit wird der 13-Jährige von einem Bus des Roten Kreuzes abgeholt und nach Hause in den Osten gebracht. Ein Abschied ohne Pathos, Richter glaubt, in den Herbstferien wieder zurückzukehren.

Niemand konnte damals ahnen, dass dem Stacheldraht bald eine steinerne Mauer folgen wird, dass Ost-Berlin und die DDR 28 Jahre lang abgeriegelt bleiben werden. Dass bis 1989 über 600 Menschen ihr Leben beim Versuch verlieren würden, die DDR in Richtung Westen zu verlassen. «Die Idee des Sozialismus», sagt Richter, «wurde mir zum ersten Mal in diesen Tagen im August 1961 genommen».

Schikaniert durch Volkspolizisten

Richter macht in den nächsten Monaten und Jahren einen Wandel durch, die Skepsis gegenüber dem SED-Regime wächst. Die Lehrer wollen von dem Jung-Pionier wissen, welche seiner Klassenkameraden Westfernsehen gucken. Richter weigert sich, die Kameraden zu verpfeifen. «Ich hab ja selbst lieber Lassie und Bonanza geschaut als den blöden Märchenonkel aus dem Osten». Der junge Mann spürt, dass in dem Staat, der anscheinend das bessere Deutschland ist, etwas nicht stimmt. In der Schule verteidigen sie den Bau der Mauer als Notwendigkeit, das Märchen vom antifaschistischen Schutzwall.

Richter hört lieber Beatles und die Stones als die Kampflieder der Freien Deutschen Jugend FDJ, er hat nun eine Pilzfrisur wie Paul McCartney und läuft wie ein Westler in Jeans durch die Gegend. Den Volkspolizisten ist der junge Mann längst suspekt. Vor hohen sozialistischen Feiertagen sammeln sie den Teenager auf der Strasse ein, schneiden ihm ungefragt die Haare. Leute wie er sollen das Bild der DDR am hohen Feiertag nicht beschmutzen. «Lange Haare, kurzer Verstand!», herrschen sie ihn an.

Richter ist ein guter Schüler, strebt das Abitur an, macht eine Ausbildung bei der Reichsbahn. Eines Tages erhält er eine Postkarte aus Hamburg, Freunden ist die Flucht über Österreich geglückt. Hartmut will auch «rüber machen». Der erste Versuch im Januar 1966, Richter ist gerade 18 geworden, scheitert an seiner Naivität. Im Zug nach Prag nehmen ihn DDR-Volkspolizisten raus, finden in seinem Gepäck eine Karte mit eingezeichnetem Fluchtweg. Es folgen Verhöre, Haft in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, Tage im Stasi-Knast in Hohenschönhausen.

«Im Sozialismus steht der Mensch im Mittelpunkt, sagten sie uns immer. Hier lernte ich, wie der Staat gegen die eigenen Leute wirklich vorging.»

Richter hat Glück, kriegt - auch weil er Reue vorspielt - eine Bewährungsstrafe von 10 Monaten und darf weiter bei der Reichsbahn arbeiten. «Bewährung hiess: Ich hätte die Stiefel, die mich treten, bis zu meiner Rente küssen müssen. Das kam für mich nicht in Frage».

Wenig später gelingt die Flucht. Ende August 1966, vor den Toren Berlins. Hartmut schwimmt durch den Teltow-Kanal, einen Kilometer. Mitten in der Nacht. Die Scheinwerfer-Kegel der Wachtürme schwenken über den Kanal, Richter taucht immer wieder ab. Am Ufer Hundegebell, er sieht Grenzer auf Patrouille, Kalaschnikow im Anschlag. Alles oder nichts, Freiheit oder Tod. Niemand erblickt ihn. «Über mir war eine schützende Hand», sagt er.

In den folgenden Tagen im August 1961 zieht die DDR eine Mauer hoch. Wie hier an der Bernauer Strasse, wo Hartmut Richter Zeuge des Mauerbaus am 13. August 1961 wurde.

In den folgenden Tagen im August 1961 zieht die DDR eine Mauer hoch. Wie hier an der Bernauer Strasse, wo Hartmut Richter Zeuge des Mauerbaus am 13. August 1961 wurde.

Keystone

Die Geschichte wühlt ihn noch heute auf, man spürt das im Gespräch. Morgens um vier, der 27. August 1966, nach vier Stunden Tauchen und Schwimmen, überwindet er den Stacheldrahtzaun. Schnittwunden überall. Er schleppt sich ans Ufer, «You are leaving the American Sector», liest er auf einem Schild und weiss, dass er es geschafft hat. Richter kommt unterkühlt und mit Lungenentzündung ins Krankenhaus. Freude? Stolz? Trauer, sagt Richter. Er hat seine Schwester, seine Familie, seine Freunde zurückgelassen. Für lange Zeit, vielleicht für immer.

33 Menschen in den Westen geschleust

Richter lebt in Westberlin, geht als Steward zur See. Es folgt in den 1970er Jahren die Zeit von «Wandel durch Annäherung», angestossen durch Bundeskanzler Willy Brandt (SPD). Die DDR und die BRD unterzeichnen das Transitabkommen. Richter darf wieder rüber in die DDR. Weihnachten 1972 in der Stadt seiner Kindheit, Werder bei Potsdam. Tränen, Umarmungen. «Wir haben alle geweint».

1973 schleust Richter eine DDR-Bürgerin im Kofferraum seines Autos über die Transitautobahn in die BRD. Das Herz klopft wie wild, doch es klappt reibungslos. «Ich hab mich in dem Moment immer selbst im Teltow-Kanal gesehen, das gab mir Kraft». Richter macht weiter, obwohl er jedes Mal «vor Angst fast in die Hosen» macht. 33 Menschen verhilft er in knapp zwei Jahren in die Freiheit, immer auf die gleiche Weise.

Die letzten, die er rüberbringen will, sind seine Schwester und ihr Verlobter. 4. März 1975. Der Versuch misslingt, die DDR-Grenzer hegen längst Verdacht gegen ihren ehemaligen Staatsbürger, der heute Staatsfeind ist. Verdachtskontrolle. 10 NVA-Soldaten mit Maschinengewehren. Die Hunde beschnuppern das Auto, schlagen an beim Kofferraum. Lautes Gebell. Er überlegt sich kurz, aufs Gaspedal zu treten. Es wäre sein sicherer Tod gewesen.

Höchststrafe: 15 Jahre Zuchthaus

Es folgen Monate der Untersuchungshaft, Hohenschönhausen, Stasi-Knast, Richters schlimmste Zeit. Schläge, Isolation, Desinformation, Tritte mit Stiefeln und Gummiknüppeln gegen die Stahltüre, mitten in der Nacht. Im Dezember 1975 wird er zur Höchststrafe verurteilt, 15 Jahre Zuchthaus wegen «staatsfeindlichen Menschenhandels». Es folgt Haft in Berlin und Bautzen II. Wenn er einen Zellengenossen bekommt, ist der ein Stasi-Spitzel. Das Regime fürchtet Leute wie Richter. Die Stasi will ihn brechen, aber Richter biegen sie nicht. Die Schwester wird nach zwei Jahren Haft in die DDR zurückgebracht, ihr Verlobter sitzt bis 1981 in DDR-Haft.

Das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen ist heute eine Gedenkstätte. Auch Hartmut Richter führt Besuchergruppen durch den ehemaligen Stasi-Knast.

Das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen ist heute eine Gedenkstätte. Auch Hartmut Richter führt Besuchergruppen durch den ehemaligen Stasi-Knast.

Bild: Erich Aschwanden

Richter wird 1980 von der BRD freigekauft. Fast sechs Jahre Haft. Er ist geschwächt durch psychische Folter, durch Hungerstreik. Bei der Haftentlassung droht ihm die Stasi: «Wir haben dich weiterhin im Visier». Es gibt, das findet Richter später in den Stasi-Unterlagen heraus, Pläne des Regimes, ihn umzubringen. Richter lässt sich zum Industriekaufmann ausbilden, ist in der Gastronomie tätig. Vor allem aber führt er als Zeitzeuge Besucher durch Gedenkstätten in Bautzen und Höhenschönhausen, hält Vorträge in Schulen. Er will die Erinnerung wachhalten an das SED-Verbrecherregime.

«Wir dürfen die Deutungshoheit über die DDR nicht den Schönrednern und Weichzeichnern überlassen.»

Richter engagiert sich für die Opfer des Regimes, für Entschädigungszahlungen und Rentengerechtigkeit ehemaliger DDR-Bürger. «Die Aufarbeitung der DDR ist längst nicht abgeschlossen».

An diesem Freitag ist er Gast bei einer Veranstaltung zum 60. Gedenktag des Mauerbaus. Er hat eine Botschaft, wenn er von damals erzählt. «Dass die Demokratie, wie wir sie heute haben, nicht so selbstverständlich ist, wie viele meinen». Er will mithelfen, diese Demokratie zu verteidigen. Denn Richter weiss, wie sich die Alternative anfühlt.

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