Pandemie
100'000 Coronatote in Frankreich: Ist Präsident Emmanuel Macron daran schuld?

Als drittes Land in Europa hat Frankreich die traurige Grenze überschritten. Die Franzosen machen ihren Präsidenten verantwortlich – aus drei Gründen.

Stefan Brändle aus Paris
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Kommt nicht gut weg in seinem Land: 61 Prozent der Franzosen sagen, Emmanuel Macron habe die Krise nicht im Griff.

Kommt nicht gut weg in seinem Land: 61 Prozent der Franzosen sagen, Emmanuel Macron habe die Krise nicht im Griff.

Ludovic Marin/AP

Die USA, Brasilien, Mexiko, Indien, Grossbritannien, Italien, Russland – und seit gestern auch Frankreich: Acht Länder auf der Welt haben bislang mehr als 100'000 Coronatote zu verzeichnen. Während aber in London die Pubs wieder aufgehen, bleiben die Aussichten in Paris düster und die Ansteckungszahlen hoch. Der Höhepunkt der dritten Viruswelle ist noch nicht erreicht. Regierungssprecher Gabriel Attal erklärte, dem Land stünden noch «sehr schwierige Stunden» bevor.

Verantwortlich für die ernste Lage ist in den Augen der meisten Franzosen Emmanuel Macron. 61 Prozent bescheinigen dem Präsidenten ein schlechtes Krisenmanagement. Dafür gibt es drei Hauptgründe:

Präsidiale Selbstüberschätzung

Macron weigerte sich im Januar, auf den Rat seiner Covid-19-Berater zu hören. Sie hatten durchs Band vor der Wucht einer dritten Welle im April gewarnt. Der Präsident hörte nicht darauf und liess über seine Sprecher sogar verlauten, er habe sich «genug in die Problematik eingelesen, um selber entscheiden zu können». Und da er vor den Präsidentschaftswahlen von 2022 alles versucht, um sich nicht weiter unbeliebt zu machen, verzichtete er wochenlang auf einen neuen Lockdown.

Wütend macht die Franzosen, wie sich Macron im Nachhinein herauszureden versucht. Wider besseren Wissens behauptete er, seine Virologen seien zuerst selber von günstigeren Prognosen ausgegangen; deshalb habe er zweifellos «richtig gehandelt». Ein Fehlereingeständnis wie von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel kommt für Macron nicht in Frage. Lieber erklärte er seinen Landsleuten im März aufs Geratewohl: «Wir müssen noch vier bis sechs Wochen durchhalten.» Das sei vor sechs Wochen gewesen, erinnerte ihn die Zeitung «Le Parisien» am vergangenen Donnerstag lapidar.

Grosse Worte, kleine Taten

Dass die dritte Welle Frankreich jetzt umso härter trifft, ist das Resultat einer ganzen Serie präsidialer Fehlentscheide. Zu Beginn der Pandemie vor gut einem Jahr hatten Macrons Mitarbeiter verlauten lassen, Schutzmasken «nützten nichts». Wie sich später zeigte, versuchten die Behörden damit bloss, den eklatanten Mangel an Maskenreserven zu verbergen. Bei der Beschaffung von Tests hapert es bis heute.

Chronisch überlastet: das französische Gesundheitssystem, hier ein Covid-Patient in Mulhouse.

Chronisch überlastet: das französische Gesundheitssystem, hier ein Covid-Patient in Mulhouse.

AP

Und auch aus Macrons vollmundiger Ankündigung, er werde die Zahl der Notfallbetten auf 10'000 verdoppeln, ist bis heute nichts geworden. Die Spitäler müssen zudem weiterhin mit 5000 Beatmungsstationen – bei 6000 Notfallpatienten – jonglieren.

Angst vor der Volksmeinung

Während sich weltweit die Einsicht durchsetzt, dass nur Massenimpfungen gegen die Pandemie wirksam sind, zauderte Macron noch im Januar. Statt im Fernsehen aufzutreten und einen eindringlichen Impfappell an die Nation zu richten, verschleppte er den Beginn der Impfkampagne aus Angst vor der Skepsis einer Bevölkerungsminderheit. Auch deshalb hat Frankreich nach wie vor verhältnismässig deutlich höhere Fallzahlen als etwa die Schweiz.

Macron-Berater verteidigen ihren Präsidenten, er könne nicht haftbar gemacht werden für die strategischen Fehler der EU-Kommission oder für die Schwerfälligkeit des französischen Staatsapparates. Doch der Politologe Sébastien Leblet fragt: «Wer trägt in einer quasi-monarchischen Demokratie, in der alle Macht in der Hand eines Einzigen vereinigt ist, die Verantwortung, wenn nicht der Präsident?»