Auf einen Kaffee mit...

«Noch näher zum Kunden»

In Sachen Kaffee richtet sich Alex Glanzmann nach den Italienern: Morgens mit Milch, nach Mittag nur noch Espresso.

In Sachen Kaffee richtet sich Alex Glanzmann nach den Italienern: Morgens mit Milch, nach Mittag nur noch Espresso.

«Auf einen Kaffee mit ...» Alex Glanzmann, Finanzchef der Schweizerischen Post

Wer ihn nicht persönlich kennt, wird kaum wissen, dass der Solothurner Alex Glanzmann Finanzchef und Mitglied der Konzernleitung der Post ist. Darum konnte er bislang auch unbehelligt über den Markt in der Altstadt schlendern oder an der Aare joggen, obwohl die Stadt und der ganze Kanton in heller Aufruhr über die Pläne zur Umstrukturierung des Poststellennetzes zu sein scheinen. Nach Erscheinen der heutigen «Schweiz am Wochenende» werde sich das wohl ändern, scherzt Glanzmann, aber auch wenn: Er trägt das mit Fassung und erklärt in stoischer Ruhe, warum die Schliessung zahlreicher Poststellen richtig ist, dass damit ja nicht die Dienstleistungen der Post aus den Dörfern verschwänden, sondern im Gegenteil die Alternativlösungen mit den Postagenturen für die Kunden meist sogar einen besseren Service böten als die herkömmlichen Poststellen. «Ich kenne kein einziges Dorf mit einer Agenturlösung, in dem man wieder zum alten System zurück möchte», so Glanzmann. Man kann ihn also ruhig «anhauen», um eine Antwort wird er nicht verlegen sein. Aber nicht heute, der heutige Tag gehört der Familie, der Sohn feiert den 10. Geburtstag.

Protest ist auch ein Kompliment

Aufgewachsen ist Alex Glanzmann in Mümliswil. Auch die Post in Mümliswil gehört zu den 21 von heute noch 44 Filialen im Kanton, deren Tage gezählt sein dürften. Als vor dem Rathaus in Solothurn gegen die Pläne der Post protestiert wurde und er auf einem Plakat «Mümliswil ohne Poststelle ist wie Solothurn ohne Weissenstein» las, habe er über den Vergleich zunächst schmunzeln müssen, sagt Glanzmann. Er schien ihm dann doch etwas vermessen. Dann sei er aber nachdenklich geworden. Es sei schon erstaunlich, wie identitätsstiftend die Post für eine Gemeinde sein kann, wie die Post als Teil des Schweizer Kulturguts betrachtet wird. Man muss Glanzmann recht geben: So gesehen ist der wilde Protest gegen den Abbau auch ein Kompliment für das Unternehmen, für das er seit 12 Jahren tätig ist. Ein Grund, an der Notwendigkeit und Richtigkeit des Umbaus des Poststellennetzes zu zweifeln, das ist es für ihn aber ganz und gar nicht: «Ich bin überzeugt, dass wir mit dem Umbau noch näher zum Kunden kommen.»

Ob man das in seiner Heimatgemeinde Mümliswil auch so sieht? Beim letzten Besuch habe ihm seine Mutter schon einen der Unterschriftenbögen vor die Nase gehalten, mit denen gegen die Schliessungspläne demonstriert wird, erzählt Glanzmann. Aber auch seine Eltern würden inzwischen Einzahlungen online am PC erledigen und nicht mehr am Postschalter. «Es kann keine Lösung für die Zukunft sein, an Infrastrukturen festzuhalten, die immer weniger nutzen», sagt Glanzmann. Wenn man sich die Zeit für eine Diskussion mit den Leuten nehme, würden sie das eigentlich auch immer verstehen. Kürzlich habe er sich mit dem Gemeindeschreiber eines Dorfs unterhalten, wo die Poststelle bereits in eine Agentur umgewandelt wurde: «Er hat sich zwar zuerst über die Post beschwert, aber dann auch anerkannt, dass das Angebot bezüglich Öffnungszeiten heute besser ist.»

«Solothurn ist ein Super-Ort»

Mit Solothurn wurde der heute 47-jährige Thaler durch den Besuch der Kantonsschule vertraut, hier startete auch seine berufliche Laufbahn nach dem Wirtschaftsstudium beim kantonalen Amt für Informatik und Organisation, und er ist der Stadt treu geblieben: «Es ist ein Super-Ort, mit allen Vorteilen einer städtischen Infrastruktur und ländlichem Charakter zugleich», schwärmt Glanzmann beim Treffen im schattigen Garten der «Cantinetta». Zur Post kam er 2005 durch Kontakte zum späteren Konzernchef Michel Kunz. Damals war er als Vizedirektor bei BDO Visura tätig und ihn reizte das Angebot, in Tochtergesellschaften der Post selber Strategien umzusetzen statt «nur» beratend tätig zu sein. Wobei: Er habe gezögert, da er sich die ehemalige Bundesanstalt eher etwas verstaubt vorgestellt hatte, gesteht Glanzmann. «Ich war dann überrascht, in ein höchst innovatives und kreatives Unternehmen zu kommen.»

An diesem Punkt kommt die Diskussion unweigerlich auf das Poststellennetz zurück: Um dieses innovative und kreative Unternehmen zu bleiben, müsse die Post in neue Dienstleistungen und Technologien investieren können, so der Finanzchef. Vielen Leuten sei wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass kein einziger Steuerfranken in die Post fliesst, sondern sie die Mittel dafür vollständig selber erarbeiten muss. Den Hinweis auf immerhin nach wie vor stattliche Gewinne, die wohl kaum zur Schliessung selbst gut frequentierter Poststellen zwingen würden, kontert der ehemalige Fussballer umgehend: Noch sind die Gewinne da, aber aus dem Geschäft in den Poststelen resultiert ein Verlust von rund 200 Millionen und die Entwicklung zeigt in allen Kernbereichen nach unten, Briefversand, Schaltergeschäft wie Zinsgeschäft von Postfinance. Darum sei die Umstrukturierung zwingend. Und zwar eben jetzt, sagt Glanzmann, solange man noch mit Augenmass vorgehen kann. Dazu könne eben die Aufhebung einer an sich gut frequentierten Poststelle gehören, wenn sich eine Ersatzlösung anbietet. «Dafür betreiben wir in kleinen Dörfern auch Poststellen weiter, obwohl es aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen nicht gerechtfertigt wäre – weil es regional betrachtet Sinn macht.»

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