Nach dem Schock macht sich Hoffnung breit: «Es haben sich bereits viele Firmen gemeldet, die interessiert sind, unsere Lernenden zu übernehmen», sagt Senta Gruskovnjak, Leiterin Personal und Kommunikation bei der Stahl Gerlafingen AG. Erst am vergangenen Donnerstag wurden die Lernenden und ihre Eltern informiert, dass das Stahlwerk die Lehrwerkstatt Ende Juli schliessen wird.

«Realistische Zielsetzung»
Davon sind zwölf Lernende betroffen, deren Ausbildungszeit über den Schliessungszeitpunkt hinaus dauert. Nach Angaben von Patrick Seiler, Berufsinspektor und stellvertretender Leiter der Abteilung Berufslehren im kantonalen Amt für Berufsbildung, Mittel- und Hochschulen, geht es um fünf angehende Produktionsmechaniker, drei Polymechaniker, zwei Automatiker sowie je einen Mechanikpraktiker und Elektroinstallateur. Die Lernenden würden firmenintern gecoacht, bis eine Anschlusslösung gefunden sei.

«Auch wir vom Kanton begleiten die Betroffenen eng mit Beratung und Unterstützung», so Seiler. Hauptziel sei, dass alle Lernenden ihre berufliche Grundausbildung adäquat fortsetzen können. «Das ist eine realistische Zielsetzung.» Im Hinblick auf den Fachkräftemangel seien Lernende in den technischen Berufen gesucht. Aktuell sind, so Seiler, auf der Plattform Lena (Lehrstellennachweis) im Kanton Solothurn 52 offene Lehrstellen als Polymechaniker und 43 als Produktionsmechaniker mit Lehrbeginn August 2016 ausgeschrieben.

Auch die Wirtschaftsverbände – Solothurner Handelskammer und Industrieverband Inveso – zeigen sich sehr optimistisch für die Zukunft der betroffenen Lernenden. Man habe der Firma und den Betroffenen die volle Unterstützung zugesagt, erklärt Handelskammer-Direktor Daniel Probst. Aufgrund eines Aufrufes unter den Mitgliedsfirmen habe man bereits Rückmeldungen erhalten. «Es gibt genug Ausbildungsfirmen, um den Betroffenen die Fortsetzung der Berufsausbildung zu ermöglichen.»

Unschön, aber nachvollziehbar

 Natürlich sei die Schliessung der Ausbildungsstätte «eine unschöne Massnahme». Andererseits habe man, so Probst, auch Verständnis dafür. Das Unternehmen stehe unter Druck und es müsse alles unternehmen, um die Herausforderungen im harten Konkurrenzkampf zu meistern.

«Wir bedauern die Schliessung sehr», sagt seinerseits Inveso-Präsident Josef Maushart. Das Stahlwerk sei aber in dreifacher Hinsicht gefordert. Maushart nennt hohe Überkapazitäten im Stahlmarkt und damit ein enormer Preisdruck, die Frankenstärke und die im europäischen Vergleich hohen Energiekosten. Angesichts dieser Sondersituation und der Ertragslage sei die Massnahme nachvollziehbar.

Das Werk müsse wohl so hart kämpfen, dass selbst Sparmassnahmen bei der Berufsbildung nicht tabu seien. Maushart sieht im Schliessungsentscheid kein Signal für andere Ausbildungsfirmen, das Angebot an Lehrstellen zurückzufahren. Im Gegenteil. «Gelernte Berufskräfte sind gefragt. Die Firmen werden ihre Bemühungen bei der Rekrutierung des beruflichen Nachwuchses erhöhen.»

Die Stahl Gerlafingen AG begründet die Einstellung der Lehrwerkstatt mit den hohen Kosten. Die jährlichen Betriebskosten beliefen sich auf eine Million Franken. Zudem wären Ersatzinvestitionen in den Maschinenpark der Lehrwerkstatt dringend nötig. «Diese sind aufgrund der Ertragssituation nicht möglich.»