Theater

Im Wiener Milieu suchen die Protagonisten nach Liebesglück

Marianne (Johanna Zaugg) verzweifelt am Schicksal beim ungeliebten Metzger Oskar (Stephan Hottenberg).

Marianne (Johanna Zaugg) verzweifelt am Schicksal beim ungeliebten Metzger Oskar (Stephan Hottenberg).

«Die Bühne Lyssach» führt das Horvath-Stück «Geschichten aus dem Wiener Wald» auf.

Seit über 30 Jahren präsentiert «Die Bühne Lyssach» immer wieder hochstehende Produktionen aus dem Sprech- und Musiktheater. In elf Aufführungen bis 15. Mai widmet sie sich mit 21 Mitwirkenden dem 1931 uraufgeführten Stück des Deutsch schreibenden österreichisch-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horvath (1901–1938). In Nachfolge von Kurt Frauchiger, der neun beachtete Aufführungen verantwortete, hat nun der 22-jährige Simon Burkhalter das Regie-Zepter übernommen. Bereits bewährt in mehreren Theateraufgaben, wurde er mit dem Förderpreis der Bürgergemeinde Bern ausgezeichnet.

Im Horvath-Stück, das die Zwanzigerjahre im Wiener Milieu nach dem Ersten Weltkrieg, nach dem Zusammenbruch des Vielvölkerstaats inmitten von Verunsicherung und Arbeitslosigkeit als von Strauss’scher Musik inspirierte Kulisse aufnimmt, sucht jeder der Protagonisten nach etwas Lebensglück.

Eintönigen Alltag symbolisieren

Der Blick in den Bühnenraum zeigt einen zweistöckigen, mit Fensteröffnungen ausgeformten weissen Hintergrund, der als unverändertes Bühnenbild reichlich klinisch wirkt. Nichts zu spüren ist von bunter Vorstadtgemütlichkeit. Die Musik des Akkordeons (Udo Auch) und den Gesang der Mitwirkenden empfindet der Zuschauer gelegentlich sogar als Fremdkörper in dieser «cleanen» Atmosphäre. Dazu passend sind alle Handlungsträger farblich zurückhaltend entsprechend dem Regiekonzept ausgestattet (Kostüme Eveline Rinaldi). Selbst Metzger und Gehilfe tragen blütenweisse Schürzen und zeigen wenig von ihrer angeblich so abstossenden Brutalität. Burkhalter will nach eigenen Worten mit der Farbwahl den eintönigen Alltag dieser von Horvath beschriebenen Personen symbolisieren. Das liebenswürdige Schweizerdeutsch (Textübertragung durch den Regisseur), das nur manchmal mit groben Ausdrücken aufwartet, nivelliert und «vervolkstümlicht» die Horvath’sche Sprache, die im Original häufig so phrasenhaft daherkommt und als Ausdrucksmittel zur Gesellschaftskritik eingesetzt wird.

Solo-Lied geht zu Herzen

Überdeckt wird in dieser Fassung die Intention des Stücks, das Schein- und Doppelmoral geisseln will. Warum Erich, der preussische Neffe des Zauberkönigs, der mit den Nazis sympathisiert, statt Mundart ein schnarrendes Hochdeutsch spricht, bleibt in diesem Panoptikum der Personen eigentlich unverständlich. Deren Konturierung ist teils nur schwach ausgebildet. Wie gerne sähe man einen zackigen Hauptmann als Vertreter des alten Regimes, und nicht nur die eine, überdrehte, Violine spielende Komtesse und deren zwielichtige Schwester. Zu Herzen allerdings geht das romantische Solo-Lied von Marianne (Johanna Zaugg), mit dem sie sich für das Nachtlokal bewirbt. Wie sie verkörpern Claire Eberhart als Grossmutter, Thomas Käser als Alfred, Hanspeter Riesen als Zauberkönig und Andrea Flückiger als schillernde, ihre jungen Liebhaber aushaltende Valerie mit unter die Haut gehender Intensität ihre Rollen. Packend gelungen ist auch die Kirchenszene. Viel improvisatorische Freiheit für seinen Auftritt erhält René Strauss als Conférencier im Nachtclub. Insgesamt gewürdigt ist dies ein Bühnenspiel, das für angeregte wie auch kontroverse Diskussionen im Publikum sorgen kann.

Vorverkauf: www.buehne-lyssach.ch

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