Es sind turbulente Tage in Griechenland: Renten bleiben aus. Täglich können nur noch 60 Euro bezogen werden – wenn die Banken überhaupt noch Bargeld haben. Und am Sonntag lehnte das Stimmvolk vehementer als erwartet die Sparvorlagen der internationalen Gläubiger ab.

Die Griechen stärken damit ihrer Regierung den Rücken für neue Verhandlungen mit der EU. Dennoch trat Finanzminister Gianis Varoufakis am Montag zurück. Die EU wolle nicht länger mit ihm verhandeln.

Die politischen Wirren Griechenlands, die bereits lange andauernde Krise, ist auch hierzulande derzeit ein dominantes Thema. Bei den hier lebenden Griechen sowieso. Obwohl sie teilweise viele Jahre in der Schweiz sind, verfolgen sie jede Entwicklung in ihrer alten Heimat. Drei von ihnen schildern ihre Befürchtungen, Hoffnungen und Wünsche.

Gianni Drakopulos

Gianni Drakopulos

«Sie haben genug Essen und Trinken»

Gianni Drakopulos kam als Jugendlicher aus Athen in die Schweiz – um zu kämpfen. Er war Ringer im Griechischen Nationalteam und reiste in den 60er Jahren an für einen Wettkampf. Es war April, als er in einem Zürcher Hotel aus dem Fenster schaute und Blumen und Schnee sah. Er dachte, er sei im Paradies. Höchstens zwei Jahre wollte er bleiben – unterdessen sind bereits über fünfzig vergangen. Heute besitzt der 67-jährige ein Restaurant und ein Fitnesscenter. Bis zu seiner Pension betrieb er in Niedergösgen eine Schreinerei.

Am Nachmittag sitzt er auf der Terrasse seines griechischen Restaurants Athena, ebenfalls in Niedergösgen. Gäste sind keine da. «Zu heiss», sagt Drakopulos. Er aber bleibt, auch wenn die Küche Pause macht; dann liest er Zeitungen, liest auf seinem Smartphone. Vor allem über Griechenland. Die Krise beschäftigt ihn. Obwohl, eines sei klar: «Mein Reich ist hier und nicht in Griechenland. Hier habe ich mein Geld verdient.» Drakopulos besitzt denn auch kein Haus in seiner alten Heimat. Doch ab und an gehe er zurück für Ferien; zuletzt vor vier Monaten. Das Leben dort sei schwieriger geworden, sagt er. «Alle klagen.» Seinen Verwandten aber ginge es vergleichsweise gut. «Sie haben genug Essen und Trinken.» Ansonsten würde er ihnen freilich helfen.

Dass die Griechen am Sonntag deutlich gegen das Sparprogramm der Geldgeber stimmten, freut Drakopulos. Es zeige, mit seiner Meinung sei er nicht allein. Und diese steht schon lange fest: «Die Krise ist nicht selbst verschuldet», sagt er. Die EU müsse endlich den Sparkurs stoppen. Um seine These zu belegen, zeigt er griechische Artikel, die auf seiner Facebook-Seite erscheinen. Nur: Sie sind halt alle auf griechisch.

Stelios Philadetakis

Stelios Philadetakis

«Das wäre nicht gut für die Idee der EU»

Stelios Philadetakis hat Glück. Seine Verwandten in Griechenland sind nicht direkt betroffen von der Krise. Schmerzhaft sei sie für ihn dennoch. Auch wenn er seit 45 Jahren in der Schweiz lebt.Das politische Geschehen verfolgt er intensiv, und für manche Abstimmungen geht der pensionierte Psychiater sogar nach Griechenland. Auch mit seiner Lebenspartnerin, der grünen Politikerin Brigit Wyss, reise er mindestens zweimal jährlich von Solothurn nach Athen. Dort diskutiert Philadetakis gerne mit den Leuten. «In Griechenland haben viele den Eindruck, dass andere Europäer sie nicht mögen», sagt er. Auch wenn das nicht stimme.

Am Sonntag hoffte er, dass die Griechen Ja stimmen, für Europa. Es sei wohl ein Fehler gewesen, dass Griechenland einst den Euro einführte. Doch eine Rückkehr zur Drachme wäre problematisch. Die Ärmeren würden durch die Abwertung noch mehr Geld verlieren. Allerdings glaubt er nicht, dass die EU Griechenland tatsächlich aus dem Euro haben möchte, auch wenn dieses Szenario nun realistischer geworden ist. «Das wäre nicht gut für die Idee der EU.» Er habe den Zweiten Weltkrieg und den griechischen Bürgerkrieg erlebt. «Ich schätze Europa als Friedensprojekt.»

Maria Kalogirou

Maria Kalogirou

«Die Griechen müssen wieder atmen können»

Seit diesem Jahr ist Maria Kalogirou, 42, Präsidentin des Griechischen Vereins «Ipiros Souli» aus Schönenwerd. Gegründet haben ihn griechische Einwanderer in den 80er Jahren. Viele der heute gut 75 Mitglieder sind in der Schweiz geboren.Bei den Treffs sprechen sie Griechisch, aber nicht über Politik. Was die Doppelbürgerin am Sonntag gestimmt hätte, könne sie nicht genau sagen – obwohl sie mit Informationen überhäuft worden sei. «Es ist schwierig von hier aus, für Griechenland zu entscheiden.»Vor allem hofft Kalogirou, dass sich endlich etwas ändert. «Die Griechen müssen wieder atmen können», sagt sie.

Vielen gehe es schlecht. Auch Verwandte von ihr hätten die Arbeit verloren: «Sie wissen nicht, wie sie die Stromrechnung bezahlen sollen». Andere arbeiten in Hilfsjobs, trotz Universitäts-Abschluss. Und dennoch, es reiche nicht.Ein grosses Problem sieht Kalogirou jedoch in der Abwanderung. Gut Ausgebildete, etwa Ärzte und Ingenieure, verliessen das Land. Zurück bleiben Rentner und Kinder. Diese Entwicklung hat sie während ihrer Arbeit festgestellt. Als Versicherungsberaterin betreue sie immer mehr griechische Kunden, die hier eine gute Stelle gefunden hätten.