Wenn gegen Abend die Schatten länger werden, sieht er aus wie der Schlund eines Ungeheuers, dieser Tunnel am Ende des «Bärengrabens». So nannten die Mitarbeiter der Cellulose Attisholz den Gleisgraben zwischen Sulzer- und Steinmüllerkessel zur Linken und Lagerhaus und Kocherei zur Rechten.

Einst fuhren hier die Züge ein. Auf den Wägen das Holz, aus dem hier, auf der Nordseite der Aare, die Zellulose rausgelöst wurde. Zug um Zug, Wagen um Wagen karrten sie die aufgeweichten Stämme rüber vom Südufer des Flusses.

In den Verwaltungsgebäuden tippten die Sekretärinnen. Stakkato auf den Hermès-Schreibmaschinen. Nebenan die Chemiker und Industriearbeiter. Zu Spitzenzeiten arbeiteten auf dem Gelände über 1200 Menschen. Ein Treiben wie in einem Ameisenhaufen.

Jetzt fliegen ein paar Tauben hoch über dem rotbraunen Kamin des Kesselhauses. Sie ziehen Kreise in den Himmel. Zerschlagene Fenster zieren die Aussenwände. Grau geht in Braun über. Rost frisst sich ins Metall, ergiesst sich über den nackten Beton.

In den Pfützen spiegeln sich die Wolken. Schutt liegt in den Räumen. Staub überall. Löcher in den Wänden, Spuren rausgerissener Anlagen. Eine Fabrik ausgenommen wie ein Tier. Der Rückbau ist noch immer im Gang. In den letzten Zügen. Das Gelände abgesperrt, ein Gitterzaun hält die Leute fern.

Der Geist des Gründers

Doch da tut sich etwas. Was macht der da? Offensichtlich fotografieren. Doch worauf richtet er sein Objektiv? Was verbirgt sich hinter dieser Tür. Das nächste Lebenszeichen. «Wir sind hier», tönts von rechts oben.

Aus einem Fenster schaut ein bärtiger Glatzkopf, David Kammerer (49), wie er sich später vorstellen wird. Ich solle einfach durch das Gitter hindurch und rauf zu ihm kommen. Also ab durchs Gitter. Kurz schweift der Blick nach links. Zum weisshaarigen Fotografen. Weiter in die geöffnete Tür. Und da steht sie, eine junge Frau, knappe 20 Jahre, blond. In schwarzer Unterwäsche räkelt sie sich im Rahmen.

«So ein Shooting machen die hier mindestens einmal pro Woche», sagt Kammerer, der zur Begrüssung runtergeeilt ist. Er grinst unter seiner Kapuze hervor. Graffiti ist seine Leidenschaft. In der Urban-Art-Szene kennt man ihn als Dave Cemnoz, in Deutschland als ersten und bisher einzigen Graffiti-Sachbearbeiter.

In München damals, seiner Heimat, wo er an der Akademie der Künste studierte. Sein Abgang aus der Stadtverwaltung nach wenigen Monaten von Nebengeräuschen begleitet. Vorwürfe von beiden Seiten. Das ist Vergangenheit. Er hat sich befreit vom Staub der Verwaltung, um hier auf dem Areal der einstigen Cellulose Attisholz im Staub zu wühlen.

«Irgendwie ist er auch abweisend, dieser graue Klotz, fast ein bisschen beängstigend, findest du nicht auch?», fragt er beim Treppensteigen. Seit einem Monat stöbert er durch das Attisholz-Areal, bis Ende Oktober wird er sich hier verwirklichen. Er führt uns durch die Ruine.

Dann schaut da plötzlich Dr. phil. Benjamin Sieber auf uns herab. 1839 in der Region Heidelberg geboren, studierte er in den 1850er-Jahren unter Robert Wilhelm Bunsen, dem Erfinder des nach ihm benannten Brenners, und gründete 1881 in Riedholz die erste und einzige Zellulose-Fabrik der Schweiz.

Als wir am Bild des deutschen Dosen-Künstlers Helge W. Steinmann, auch bekannt als Bomber, vorbeigehen, sagt Kammerer: «Wir wollen irgendwo in den Räumen hier auch sein Büro nachbauen.» Und dann erzählt er, wie nur eine Woche nach Entstehung des Wandgemäldes plötzlich der Urenkel des Gründers und weitere Verwandte auf der Matte standen.

Sie haben ein Familienfest auf dem Areal genutzt, um das Bild spontan bewundern zu können. Später hätten sie sich auch das Areal angeschaut. Siebers Urenkel aber sei nie in die Räume eingetreten, habe sich alles nur von aussen angeschaut.

Zu belastend war dies wohl alles für ihn. Vier Generationen haben in diesen Mauern gearbeitet und gelebt. «Da hängt ein ganzer Rattenschwanz von Erinnerungen mit drin», sagt Kammerer.

Die beklemmenden Erinnerungen

Diese Beklemmung befällt, in Anbetracht gewichtiger Vergangenheit, auch viele Menschen in der Region, wenn sie den Koloss sehen. Hier war ihr Lebensmittelpunkt, jetzt ist es eine der grössten Industrie-Brachen Europas.

Die Geschichte fordert ihren Tribut. Einfach etwas Neues hinstellen, das funktioniert hier nicht. Weil hier mit Chemie hantiert wurde. Aber eben auch, weil in diesen Mauern viele Erinnerungen hängen.

Deshalb wird das Areal sanft geöffnet. Schritt um Schritt. «Irgendwann soll dies hier eine normale Lebensumgebung sein. Das geht nicht, wenn die Türen immer verschlossen sind. Also haben wir zunehmend versucht, gewisse Aktivitäten zuzulassen», sagt Lothar Kind, Geschäftsführer der Attisholz Infra, die für die Entwicklung des Geländes verantwortlich ist.

Und so wurde das Areal in den letzten Jahren langsam belebt. Man kann Büroräume mieten, diesen Winter tanzten die Nachtschwärmer zu elektronischer Musik im Zellstoff, unlängst eröffnete eine Tapas-Bar am Eingang des Industriekomplexes auf der Nordseite der Aare. Videoclips und Kino-Filme wurden hier gedreht, halbnackte Mädchen abgelichtet und Werbefotos geschossen oder Häuserkampf geübt.

Jetzt also der nächste Schritt. Kettenreaktion. Ein Kunstprojekt. Initiiert vom Solothurner Ausstellungsmacher und Prozesskünstler Werner Feller (44) und dem Frankfurter Grafiker und Kreativkopf Tom Lauterberg (43).

Zusammen hatten die beiden das Konzept in Frankfurt ausgearbeitet. Im Januar dann der erste Kontakt zwischen Feller und Kind. Die Chemie zwischen Künstler und Chemiker stimmte. Und so ging es schnell. Seit Anfang August läuft das Projekt. Kammerer lebt hier, während der ganzen drei Monate, die das Projekt dauern soll. Feller weibelt. Hier und da. Schon mehr als 300 Stunden Arbeit hat er in dieses Vorhaben gesteckt. Aber eigentlich ist es das Resultat eines ganzen Lebens. Mit dem Verein «Beneath the Surface» engagiert sich Feller schon seit Jahren für Kunst und Kultur im öffentlichen Raum.

Wir gehen durch den Teil des Geländes, den die Künstler ab September bespielen werden. Durch den Bärengraben bis zum Säureturm. «Hier will PAM ein Auto runterstürzen lassen», sagt Kammerer und lacht. PAM, das ist Pierre-Alain Münger, die SRF-Tagesschau nannte ihn Mitte Juli einen Crash-Künstler.

Er fährt Autos gegen die Wand, das heisst gegen eine Stahlplatte, verewigt so die «Gesichter» der Autos. Er ist einer von über 50 Künstlern, die während der nächsten zwei Monate Industriegelände bespielen werden. Aus der ganzen Schweiz werden sie kommen. Vereinzelt auch aus dem Ausland. Aus allen Bereichen der Kunst. Von Urban Art bis Design, vom Installationskünstler über die Tänzerin zur Skulpturistin bis hin zum Performance-Künstler.

Von der Mokka zum Café

Wo das alles hinführt? Das weiss keiner so genau. Es geht Feller und seinen Leuten um den schöpferischen Prozess – nicht um ein spezifisches Resultat. So soll im Gebäude-Komplex ein Café entstehen. Wie das geht? Es beginnt mit einem kleinen Bistro-Tisch, einer Elektro-Platte und einer Mokka.

Danach ist alles offen, alles in den Händen der Innenarchitekten von des Schweizer Design-Unternehmens Teo Jakob. Sie werden den Raum bespielen. Auf ähnliche Weise soll auch eine Bibliothek entstehen. Und so wird der Industrie-Koloss zum Spielplatz für Menschen mit Ideen, für Künstlerinnen und Künstler.

Es geht die Treppe hoch aufs Dach der Kocherei. Ein paar Kilometer westlich hustet die Kehrichtverbrennungsanlage ihren Rauch in den Himmel, kaum hundert Meter südlich brechen ein gutes halbes Dutzend Kräne den Horizont.

Biogen baut für rund eine Milliarde. Der nächste Industriekoloss wächst hier aus dem Boden. Wer weiss, vielleicht in ein paar Jahrzehnten die nächste Ruine. Das ist der Lauf der Dinge im Kapitalismus. Kreative Destruktion oder destruktive Kreativität, wie auch immer man das sehen will.

Unser Rundgang neigt sich dem Ende zu. Doch die künstlerische Verwandlung dieser Mauern beginnt erst. Ab September werden die ersten Künstler aktiv. Für Besucher wird das Gelände nur sehr langsam geöffnet, doch die künstlerische Metamorphose des Kolosses kann stets über Internet mittels eines Blogs, Twitter oder Facebook verfolgt werden. Erst ganz am Schluss, in der letzten Oktoberwoche, wird das Areal unter Aufsicht öffentlich zugänglich.

Dann gibt es Führungen, Ausstellungen und Vorträge. «Man wird hier durchgehen wie durch ein Museum», sagt Feller. Eine museale Inszenierung in einer Fabrikbrache, wo einst Zellulose aus Baumstämmen gelöst wurde. Auf dass der Koloss seinen Schrecken verliert.