Leichter Schneeregen, in der Ferne die untergehende Sonne. Das Mühledorf bei Niedergösgen liegt zwischen zwei Armen der Aare. Steil und grau ragt hier unweit des kleinen Weilers der Kühlturm des KKW Gösgen in den frühabendlich gleissenden Himmel empor.

KKW und das Mühledorf sind nur gerade durch einen etwa 20 Meter breiten Fluss und meterhohen Stacheldraht getrennt. Ein kleines Brückchen ermöglicht die Überfahrt auf die Insel zwischen den Flussarmen der Aare.

Ein Schild als verlängerter Arm des Gesetzes zwingt die Autofahrer, sich mit fünf Stundenkilometer dem Weiler zu nähern.

Hans und Elsbeth Schütz steigen gerade aus ihrem Auto aus und öffnen knarrend das Tor zu ihrem Garten. Die kurze Störung meinerseits nehmen sie freundlich hin und geben bereitwillig Auskunft: Seit langer Zeit seien sie bereits im Besitz eines kleinen Gartens mit Blick auf das KKW.

Gab es denn nie Bedenken bezüglich der Sicherheit? «Nein, wir haben überhaupt keine Bedenken», beantwortet Hans Schütz die Frage gleich für seine Frau mit.

Elsbeth Schütz ergänzt: «Ich wäre froh, wenn dereinst die KKWs abgeschaltet werden und sie durch Alternativen ersetzt werden.» Doch pressieren müsse man nicht. Nicht wie etwa die Atomausstiegsinitiative, welche unter anderem die Abschaltung des KKW Gösgen bis 2024 fordert.

Im Mühledorf findet sich auf Anhieb kein Befürworter der Initiative. Man hat sich mit dem grossen grauen Nachbarn, welcher den Himmel mit Wasserdampf verschleiert, abgefunden. «Das ist eine Bude wie jede andere auch», sagt Bruno Meier mit einem Lachen.

Er steht vor seinem Bauernhof, wo er unter anderem frische Milch aus der eigenen Produktion anbietet. Seit bald 40 Jahren lebe er hier, sei hier in unmittelbarer Nähe zum KKW aufgewachsen. Ein Problem damit sah er nie.

So wird auch er bei der Abstimmung ein Nein in die Urne werfen. Und es somit dem Ehepaar Schütz gleichtun. Schliesslich profitiere die Gemeinde auch ein wenig vom KKW. Nicht gerade auf die gleiche Art und Weise wie die steuergünstige Nachbargemeinde Däniken. Aber immerhin, meint Meier lakonisch.

Ein monumentales Bauwerk

Etwas weg von Bruno Meiers Bauernhof, führt eine Strasse den Abhang zum anderen Arm der Aare hinunter. Hier knistert die Luft, die Kälte und Feuchtigkeit lassen die etlichen Starkstromkabel im Staccato erklingen.

Kreuz und quer laufen hier die Fäden der regionalen Stromproduktion zusammen. In kurzer Distanz auch noch ein Wasserkraftwerk, Koordinationsbedarf besteht hier allemal. Das ungeübte Auge sieht jedoch zuerst einmal Chaos.

Der Schneeregen hat mittlerweile abgenommen, die Sonne lässt den aus dem Kühlturm steigenden Wasserdampf orange-rötlich erstrahlen. Ausser dem ständigen Knistern ist es ruhig hier, ab und an ein gurgelndes Geräusch von der nahen Aare.

Es riecht verhalten nach Fisch, die Geruchsschwaden der Schokoladenproduktion in der Oltner Industrie begleiteten den Besucher nur gerade bis in die Nachbargemeinde.

Das KKW Gösgen ist ein monumentales Bauwerk, das wird hier etwas abseits der Siedlung ersichtlich. So lässt sich die anfängliche Faszination für KKWs in den 1950er-Jahren auf einer vorderhand unsachlichen Gefühlsebene durchaus begreifen. Doch das Monument gab immer wieder zu Protesten Anlass.

Etwa 1976, als in unmittelbarer Nähe des Mühledorf eine erste grosse Demonstration gegen das KKW Gösgen stattfand. Im Niederamt entstand in den frühen 1970er-Jahren erster zögerlicher Widerstand gegen das geplante Kraftwerk.

Die regionale Protestorganisation war im Grundsatz bürgerlicher Natur und vereinte völlig gegensätzliche Einwände gegen das Kraftwerk. Eine Petition und andere Aktionen der «Aktion Pro Niederamt» sollten jedoch zu Beginn keine Früchte tragen.

Mit dem Baubeginn in Gösgen im Herbst 1973 verschwand diese Bürgerinitiative wieder von der Bildfläche und der aufkeimende nationale Protest formierte sich zuerst in Kaiseraugst. War der Auslöser des Widerstandes gegen das geplante KKW in Kaiseraugst noch um bürokratische Details besorgt, formierte sich danach eine neue ökologische Bewegung.

In Gösgen ging es erst mit der Gründung der «überparteilichen Bewegung gegen Atomkraftwerke, Aargau und Solothurn» im Jahr 1975 so richtig los. Mit einer internationalen Informationskundgebung in Sichtweite des Mühledorf im Januar 1976 war Gösgen endgültig auf der nationalen Agenda der KKW-Gegner angekommen.

Heute liegt das Feld, auf dem der Anlass damals stattfand, brach, der Geist der damaligen Protestbewegung ist schon lange nicht mehr zu spüren. Nur 2010 flammte der Protest bei der Kundgebung unter dem Motto «MenschenStrom gegen Atom» an derselben Stelle kurz wieder auf.

Vertrauen durch täglichen Anblick?

Doch im Mühledorf auf der anderen Seite der Aare ist nichts davon zu spüren: «Eigentlich war das KKW nie ein Thema», sagt der 18-jährige Ramon Nünlist. Auch er ist hier aufgewachsen, in der schattigen Nachbarschaft des Kühlturms. «Man sieht den Wald, den Fluss und dann das Ding», ergänzt er jedoch.

Zumindest ästhetische Vorbehalte also. Verständlich, denn das Mühledorf liegt eigentlich idyllisch. Die naturnah gestaltete Aare lädt auf den ersten Blick sogar zum Baden ein. Nicht jetzt zwar, dafür ist es schlicht zu kalt.

Und offenbar ist hier das Baden auch nicht ganz ohne: «Es ist gefährlich, sich im Flussbett aufzuhalten», warnt ein Schild. Die Wasserkraftanlagen könnten ein plötzliches Hochwasser verursachen. Heute jedoch ist der Fluss ruhig.

Die Aare führt nur wenig Wasser und fliesst gemächlich in Richtung Niedergösgen und danach weiter nach Aarau.

Der tägliche Anblick des KKW scheint die Menschen, welche in seiner unmittelbaren Nähe wohnen, zu beruhigen. Was will auch passieren, schliesslich steht das Ding schon seit Jahren hier.

Und was, wenn doch etwas passieren sollte? Im letzten Jahr wurde entschieden, dass weit mehr Menschen in einem Störfall evakuiert werden. Vorher war die Devise: Ab in die Schutzräume, wer nicht in unmittelbarer Nähe, etwa im Mühledorf, wohnt.

Ab Ende 2016 sollen nun grössere Gebiete je nach Situation evakuiert werden. So etwa auch Trimbach, zwei Gemeinden weiter weg vom KKW und nicht mehr in der sogenannten Zone 1, welche sich auf ein Gebiet von drei bis fünf Kilometer rund um das Kraftwerk erstreckt.

Schon seit Jahrzehnten erhalten die Einwohner Trimbachs die Kartonschächtelchen, welche immer wieder an das KKW Gösgen und seine Gefahren erinnern.

Alle zehn Jahre werden die Jodtabletten aus den hintersten Winkeln von Schubladen oder Kästen hervorgekramt und durch neue ersetzt. Von Leibstadt über Gösgen bis Mühleberg wird so das halbe Mittelland mit einem KKW-Unfall konfrontiert.

Wer das weithin sichtbare Zeichen, den Kühlturm regelmässig zu Gesicht bekommt, lernt jedoch offenbar, damit zu leben. So auch ich. Der morgendliche Blick aus dem Zimmerfenster in Zone 2 lässt das Monument zur Gewohnheit werden. Und wenn es zur Gewohnheit wird, ists
gefühlt schon keine Gefahr mehr.