Mein Lieblingswerk

Martin Hug: «Ein eindrückliches und demütiges Mahnmal»

Niklaus Stoecklin: «Der Hartmannsweilerkopf», 1919, 51,5×60 cm; Öl auf Leinwand.

Niklaus Stoecklin: «Der Hartmannsweilerkopf», 1919, 51,5×60 cm; Öl auf Leinwand.

Martin Hug, Advokat und Notar, Meister EE Akademische Zunft, Basel, wählt Niklaus Stoecklins Bild «Der Hartmannsweilerkopf» von 1919.

«Ein Lieblingswerk im Kunstmuseum? Schwerlich; die Auswahl ist zu reich. Warum ich gerade über das ausgewählte Bild schreibe, hat aber seinen Grund. Am Ende meiner Kindheit, es war bei einem sonntäglichen Familienbesuch im Museum, habe ich das Bild Niklaus Stoecklins zum ersten Mal gesehen. Ohne noch zu begreifen warum, war ich schaudernd berührt. Stoecklin war mir mit Stadtansichten aus späteren Jahren in unserem Esszimmer vertraut. Wie anders war der «Hartmannsweilerkopf»!

Das Grauen des Krieges, wie es Stoecklin darstellt, erschloss sich mir erst später. Er malt keine blutigen Opfer, verzichtet fast gänzlich auf den Einsatz von Farbe und lässt so das Leblose umso stärker wirken. Umso irritierender ist, dass die einzige warme Farbe, nussbraun, der detonierten Granate im Trichter im Vordergrund und dem Blindgänger rechts vorbehalten ist. Kreuz, Baumleichen, Gasmaskenschlauch und selbst die Kleider des Mannes im Hintergrund sind Abstufungen von Grau.

Rätselhaft-beunruhigend ist jedes einzelne Motiv: Der Wanderer hinterlässt keine Spur im Schnee, der (unverschneite!) Blindgänger zielt auf ihn, die Äste der Bäume wirken abgesägt. Der die Landschaft bedeckende Schnee, sonst Inbild und Metapher für Reinheit und Unberührtheit, ist hier das Leichentuch für Tausende, ein notdürftiger letzter Schutz für die unfreiwilligen «Helden» der Schlachten des Ersten Weltkrieges.

Die Eindringlichkeit der Darstellung wird verstärkt durch die mittige Anordnung des Granattrichters und die ebenfalls mittig angeordnete, symmetrische Silhouette des Hartmannsweilerkopfs. Der Betrachter befindet sich erhöht und sieht doch nur das, was er lieber nicht sähe. Befindet sich unter der Nebeldecke im Hintergrund, in der Rheinebene, erträglich Alltägliches?

Vor kurzem, eher zufällig vorbeikommend, besuchte ich auf dem Vieil Armand, wie der Ort auf Französisch heisst, die dortige Gedenkstätte. Nach Kriegsende und fast gleichzeitig mit Stoecklins Bild von 1919 entstanden, soll die Gedenkstätte zu den meistbesuchten Touristenattraktionen (sic!) des Elsass gehören. In ihrer pompösen Wucht wirkt sie fast als eine Fortsetzung der Schlacht mit architektonischen Mitteln. Wie viel eindrücklicher und zugleich demütiger wirkt Stoecklins Mahnmal in seiner surrealistisch wirkenden Reduktion.»

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