Mein Lieblingswerk

Maja Oeri: «Da wirst Du schon selbst darauf kommen!»

Joseph Beuys’ «Schneefall» (1965) besteht aus 32 Filzdecken über drei Tannenstämmchen.

Joseph Beuys’ «Schneefall» (1965) besteht aus 32 Filzdecken über drei Tannenstämmchen.

Die Mäzenin Maja Oeri wählt «Schneefall» von Joseph Beuys als ihr Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum.

«Mein Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum? Die Frage ist unmöglich zu beantworten. Die Sammlung ist derart reich an Meisterwerken, durch acht Jahrhunderte hindurch folgt ein «Lieblingswerk» dem anderen.

Es gibt aber ein Werk, das besonders gut zu Weihnachten passt und das für mich eine bedeutende Rolle spielt, seit ich es als Teenager im Kunstmuseum zum ersten Mal gesehen habe: Joseph Beuys’ Skulptur «Schneefall».

Meine Grossmutter Maja Sacher war bereits 73, als sie durch Dieter Koepplin (der 1969 im Kunstmuseum eine erste Beuys-Ausstellung realisierte) mit dem Werk des deutschen Künstlers in Berührung kam. Sie war tief beeindruckt und erwarb für die Emanuel Hoffmann-Stiftung zunächst die «Plastischen Bilder» und ein Jahr später den «Schneefall».

Tannenstämme suchen Wärme

Über den «Schneefall» ist seither viel Kluges geschrieben worden – unter anderem hat Dieter Koepplin ihm den dritten Band seiner Buchreihe über die Basler Beuys-Werke gewidmet. Die Skulptur wirkt aber auch ganz direkt, ohne dass der Betrachter einen kunsthistorischen Rucksack tragen müsste.

Es heisst, dass die Fichtenstämmchen, die «nackt und bloss» auf dem Boden liegen, Überreste von Christbäumen der Familie Beuys seien. Zusammengehalten, beschützt und gewärmt werden sie von den 32 quadratisch zugeschnittenen Filzdecken, die lose aufeinandergeschichtet die unteren Stammenden bedecken. Was für ein wunderbar schlichtes, aber auch mystisch aufgeladenes Bild! Form und Material strahlen eine Ruhe aus, die der Titel noch unterstreicht: «Schneefall». Dass Joseph Beuys so oft Kontroversen auslöste, dass er von so vielen als Scharlatan abgetan wurde, war für mich schon als junge Frau unverständlich. Die Ernsthaftigkeit seiner künstlerischen Arbeit war offensichtlich, und als Mensch war Beuys charismatisch und zugänglich zugleich.

Ich lebe mit Beuys-Sammler

Immer wieder spielen Beuys und sein «Schneefall» in meinem Leben eine Rolle. In den frühen 1980er Jahren etwa arbeitete ich in Köln mit Kasper König zusammen, der die Skulptur als 22-Jähriger erworben hatte und von dem sie später über Umwege in die Sammlung der Emanuel Hoffmann-Stiftung gelangte. Für die Ausstellung «Westkunst» rekonstruierten wir Beuys’ erste Galerieausstellung «...irgend ein Strang...» – mit dem «Schneefall» als zentralem Werk.

Als Präsidentin der Emanuel-Hoffmann-Stiftung habe ich seit 20 Jahren auch die Aufgabe übernommen, Beuys’ fragile Werke neuen Besuchern zu vermitteln und für jüngere Generationen zu erhalten. So ist «Schneefall» denn ein Herzstück der Ausstellung Future Present, der Sammlungsübersicht, die zur Zeit im Schaulager zu sehen ist.

Heute lebe ich mit dem früheren Unternehmer Hans Ulrich Bodenmann zusammen, der als erster Sammler in der Schweiz Beuys-Werke erworben hat, mit dem Künstler befreundet war und von ihm als «Meisterschüler» bezeichnet wurde. Wenn er Beuys in dessen Düsseldorfer Atelier besuchte und ihn nach dem Sinn eines Werkes befragte, so antwortete der Künstler spitzbübisch: «Du musst es Dir eben anschauen! Da wirst Du schon selbst darauf kommen!»

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