Mein Lieblingswerk

Christian Fluri: «Ein grandioser theatralischer Akt vor dem Theater»

«Intersection» von Richard Serra vor dem Theater Basel.

«Intersection» von Richard Serra vor dem Theater Basel.

Christian Fluri, bis heute Kulturredaktor der bz Basel, wählt Richard Serras «Intersection» von 1992 als Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum.

«Ja, Richard Serras ‹Intersection›, die vier zur offenen Ellipse gebogenen, 3,7 Meter hohen und 80 Tonnen schweren und rostigen Stahlplatten, gehören dem Kunstmuseum Basel. Das wissen viele nicht. Die in der Öffentlichkeit umstrittene begehbare Monumentalskulptur wurde dem Kanton Basel-Stadt zuhanden des Kunstmuseums im Jahr 1994 von 272 Bürgern geschenkt. Seit 1992, seit der Ausstellung ‹transForm. BildObjektSkulptur im 20. Jahrhundert›, die das Kunstmuseum und die Kunsthalle inszenierten, thront die Skulptur als theatralischer Akt auf dem Terrassenplatz vor dem Theater Basel – genau am richtigen Ort. Serras Skulptur ist sperrig und formvollendet in einem, sie biedert sich nicht an. Sie fasziniert die, die ihren Geschichten und Tönen zuhören, und sie stösst jene ab, die nicht zuhören wollen. Unter all den Lieblingswerken, die ich im Kunstmuseum habe, wähle ich ‹Intersection›, weil die Skulptur mich seit 1992 bei jedem Gang ins Theater begleitet. Sie ist mir sinnträchtiger Prolog vor einer Aufführung und der Epilog danach.

Die vier Stahlplatten erheben sich, als wären sie aus der Hölle durch den Boden gestossen oder als wären sie vom Himmel gestürzt und hätten sich in den Betonboden verkeilt. Sie sind schwer und erscheinen zugleich luftig leicht, wie uns die eindrückliche Zeichnung aus dem Kupferstichkabinett verdeutlicht. Es ist diese Verbindung zwischen Hölle, Erde und Himmel, die ‹Intersection› (Verzweigung, Kreuzung) evoziert. Der Rost macht die Skulptur gegenwärtig und urtümlich in einem. ‹Intersection› nimmt uns als Passanten in sich auf, verwandelt uns und erinnert uns an die laufende Zeit, an die jahrhundertealte Geschichte, deren Produkt wir sind, und in der wir uns bewegen.

Die historische Dimension von ‹Intersection› erkannte der 2002 verstorbene Opernregisseur und Bühnenbildner Herbert Wernicke, dieser Magiker des Musiktheaters. Er hievte die Skulptur vom Platz vor dem Theater auf die Bühne, liess sie auf fahrbaren Gestellen nachbauen und verwendete sie als Bühnenbild für sein Stück ‹Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volkes war› nach sakralen Gesängen von Heinrich Schütz und Matthias Weckmann von 1999.

Schütz und Weckmann verarbeiteten in ihrer Musik das Leiden und Grauen des 30-jährigen Krieges. Wernicke spannte den Bogen zum Kriegselend im 20. Jahrhunderts. ‹Intersection› war ihm inhaltstragender Bühnenraum. Er ordnete die vier Platten zu immer neuen, stimmigen wie verblüffenden Raumkonstellationen. So verdeutlichte er einen tiefen Gehalt der Skulptur. Sie mahnt als verstörendes ruinenhaftes Gebilde, das sie neben vielem anderem auch ist, vor kriegerischen Schrecken und Vernichtung menschlicher Würde. Serra schuf ein Plädoyer für Humanität.»

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