Mein Lieblingswerk

Carena Schlewitt: «Mütter und Kinder bilden einen Gesamtkörper»

Käthe Kollwitz (1867–1945), «Die Mütter», Mitte Okt. 1921 – spätestens Anfang 1922, Holzschnitt auf Japanpapier, überarbeitet, Blatt 36,5 x 43,1 cm (grösste Masse), Bild 34 x 40 cm. Kupferstichkabinett.

Käthe Kollwitz (1867–1945), «Die Mütter», Mitte Okt. 1921 – spätestens Anfang 1922, Holzschnitt auf Japanpapier, überarbeitet, Blatt 36,5 x 43,1 cm (grösste Masse), Bild 34 x 40 cm. Kupferstichkabinett.

Carena Schlewitt, Intendantin der Kaserne Basel, wählt «Die Mütter» von Käthe Kollwitz als Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum Basel.

«Ein kleines Blatt mit grosser Wirkung: ‹Die Mütter› von Käthe Kollwitz aus der Serie ‹Krieg› nach dem Ersten Weltkrieg, ein Holzschnitt auf Japanpapier. Lange ist mir der Name Käthe Kollwitz nicht mehr begegnet – zuletzt in Berlin 1993. Damals wurde die Neue Wache Berlin mit ihrer vierfach vergrösserten Skulptur ‹Mutter mit totem Sohn› für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft – zunächst unter grossen Protesten – eingeweiht. Die Proteste entzündeten sich am Opferbegriff, der einige Gruppen, vor allem die Juden, Sinti und Roma und viele andere, auszuschliessen schien; schliesslich brachte man eine Metallplatte am Eingang an, auf der die einzelnen Opfergruppen genannt werden. Auf einer anderen Metallplatte kann man die Geschichte der Neuen Wache nachlesen.

Kürzlich stand ich abends in der Berliner Winterkälte der Skulptur gegenüber und empfand eine starke körperliche Präsenz, die von der Mutter mit Kind ausging. Die gleiche Wirkung spüre ich, wenn ich ‹Die Mütter› betrachte. Frappierend sind die Hände, feingliedrig und gross gezeichnet, sie liegen beschützend auf Köpfen und Schultern. Die Blicke markieren Sorge, Angst, Aufmerksamkeit, Abwehr. Auch wenn die Köpfe der Mütter und der Kinder, ihre Augen, ihre Hände klar erkennbar sind, so fällt doch vor allem eines auf – Mütter und Kinder bilden einen Gesamtkörper, den man sich schwer teilbar vorstellen kann. Dieser aus der Not geborene eine Körper, bestehend aus vielen, erzeugt trotz des Leids eine grosse Kraft auf den Betrachter. 1938, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, schuf Käthe Kollwitz den ‹Turm der Mütter›, einen Menschenturm, der Kinder schützt und zurückhält vor jeglichem Missbrauch im Dienste von Gewalt und Krieg.

Käthe Kollwitz, die Pazifistin, die Malerin und Bildhauerin, hat mit ihren Holzschnitten und Skulpturen den Elenden, den Hungernden und den Opfern eine auch heute noch universelle Gestalt gegeben. Sehr leicht könnten wir diese Zeichnungen, Bilder und Plastiken den Fernsehbildern heutiger Konflikte gegenüberstellen – und wir erschrecken ob der gleichen Dringlichkeit knapp 100 Jahre nach der Entstehung des Werks von Käthe Kollwitz. In diesem Sinne bietet das kleine Blatt ‹Die Mütter› immer noch Anlass, über die Geschichte, unsere Zeit und die Zukunft nachzudenken.

Eine aus der gegenwärtigen Theaterwelt verwandte Künstlerin könnte die polnische Regisseurin Marta Górnicka sein: Sie widmet sich mit ihren Frauenchören der Situation der Frau, Mutter, Tochter, Ehegattin, Gläubigen, Ungläubigen, Arbeiterin und so weiter. Auch hier steht uns ein Frauenkörper gegenüber, und die Gestalt der Hände und Blicke bei Kollwitz übernimmt hier die Stimme jeder einzelnen Protagonistin.

Zuletzt inszenierte Marta Górnicka ‹Mutter Courage und ihre Kinder› von Bertolt Brecht am Theater Braunschweig, ein Stück, in dem eine Mutter im Dreissigjährigen Krieg versucht, Geschäfte zu machen, und dabei alle ihre Söhne an den Krieg verliert.

Käthe Kollwitz ist in guter Gesellschaft mit Bertolt Brecht und unsere Zeit braucht beide Künstlerinnen – immer noch.»

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