Mein Lieblingswerk

Burkard von Roda: «Der einmalige Bestand des Amerbach-Kabinetts»

Zeichnung eines spätgotischen Deckelpokals mit Granatapfelmuster. Basler Goldschmiederiss, um 1510/1520. Federzeichnung (schwarz) – aquarelliert, 42,5 × 28,8 cm, Kupferstichkabinett – Amerbach-Kabinett.

Zeichnung eines spätgotischen Deckelpokals mit Granatapfelmuster. Basler Goldschmiederiss, um 1510/1520. Federzeichnung (schwarz) – aquarelliert, 42,5 × 28,8 cm, Kupferstichkabinett – Amerbach-Kabinett.

Burkard von Roda, der frühere Direktor des Historischen Museums Basel, wählt die Zeichnung eines spätgotischen Deckelpokals mit Granatapfelmuster, entstanden um 1510/20 als sein Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum.

«Die aquarellierte Federzeichnung präsentiert ein luxuriöses Trinkgefäss in Silber, Rot und Gold. Es ist anzunehmen, dass sie als Grundlage für einen Auftrag und als Musterblatt im Atelier eines Goldschmieds diente. Die Ausführung dazu kennen wir allerdings nicht. Der Zeichner unterscheidet die tragenden und als Fond in Silber belassenen Teile von der Zier der Granatäpfel, die ebenfalls in Silber getrieben, jedoch vergoldet und mit rotem Glasfluss emailliert sind. Diese sind als Zweige mit einem Ring unten an der Kuppa fixiert und wachsen mit ihrem Ast- und Blattwerk empor. Ein gewappneter Amorknabe, ein Hinweis auf die profane Widmung des kostbaren Geräts, bekrönt den Deckel und gibt dem spätgotisch-naturalistisch geprägten Design einen modischen Touch im Geschmack der Renaissance.

Die Zeichnung dieses Deckelpokals liegt im Kupferstichkabinett des Kunstmuseums Basel, sie wird dem in Augsburg gebürtigen und 1508 in Basel eingebürgerten Goldschmied Jörg Schweiger zugeschrieben. Die Auswahl habe ich getroffen, um die Aufmerksamkeit auf den überragenden Bestand der lichtempfindlichen Werke auf Papier zu lenken, die selten gezeigt werden. Auch setze ich mit diesem in der Zeit von Albrecht Dürer entstandenen Beispiel einen Kontrapunkt zu den meistenteils jüngeren Werken, die in dieser Serie vorgestellt werden. Schliesslich thematisiere ich damit auch das Kunsthandwerk der Goldschmiede, für das die Stadt Basel über Jahrhunderte ein bedeutendes Zentrum war, wie dies auch die aktuelle Ausstellung des Historischen Museums Basel zeigt.

Unser Beispiel steht zudem in jenem prominenten Zusammenhang, den die Geschichte des Amerbach-Kabinetts überliefert: Der Jurist Basilius Amerbach kaufte 1576/1578 ganze Werkstattnachlässe auf, die infolge der Pest herrenlos geworden waren, um sie seiner Sammlung einzuverleiben. Insgesamt 4103 Werkzeuge, Zeichnungen und anderes Arbeitsmaterial hat Amerbach aufgelistet. Als europäisch einmaliger Bestand hat sich ein grosser Teil davon – dank der späteren Erwerbung des Kabinetts durch die Stadt – erhalten, ebenso zahlreiche Goldschmiedemodelle aus Silber und Blei aus der Entstehungszeit der Zeichnung, wie sie im Untergeschoss der Barfüsserkirche ausgestellt sind.»

Ausstellung Silber & Gold Haus zum Kirschgarten, bis 3. April 2016.

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