Stadtpfarrer Niklas Raggenbass

«Die Fasnacht ist eine Stärkung für den Alltag danach»

Der Solothurner Stadtpfarrer Niklas Raggenbass in Narrenkluft an der Fasnacht 2015.

Der Solothurner Stadtpfarrer Niklas Raggenbass in Narrenkluft an der Fasnacht 2015.

Im offenen Gespräch mit dem Stadtpfarrer Niklas Raggenbass – über Gott, die Fasnacht und schlaflose Nächte.

Niklas Raggenbass gibt es zu. Unserem Interview ist eine ereignisreiche Nacht mit wenig Schlaf vorausgegangen. Am Abend bis Beizenschluss in der «Krone» gefeiert, dann 20 Guggenmusikanten der «Ambassadonner» ins Pfarrhaus eingeladen und dort weitergefeiert – bis frühmorgens die ersten Restaurants wieder ihre Türen öffneten, denn: «Es gehört dazu, dass Du durchmachst, Niklas.» Der Stadtpfarrer übernahm 2013 Paul Rutz’ Amt, und ist längst angekommen – in Solothurn und in «Honolulu». Ihn jetzt noch als Neo-Fasnächtler zu bezeichnen, würde seiner Narrenpassion nicht gerecht.

Niklas Raggenbass, wie wichtig ist der Schlaf für einen echten Solothurner Fasnächtler?

Niklas Raggenbass: Man lernt tatsächlich relativ rasch, dass Schlaf während der Fasnacht zum Fremdwort wird. Den kann man sich nämlich abschminken.

Lohnt sich denn dieses Opfer?

Die Fasnacht gibt den Menschen die Kraft, um manche Durststrecken des Alltags durchzustehen, Situationen, die grau und traurig sind. Ich hatte auch einige Todesfälle in diesen Tagen, unter anderem in einer Fasnächtlerfamilie. Da herrschte eine besondere Form von Traurigkeit vor. So wird einem bewusst: Das Leben umschliesst Trauer und Freude. Als Seelsorger komme ich nie so nahe an die Menschen heran wie an der Fasnacht. Ich lerne Leute kennen mit ihren Leidenschaften, ihrem Engagement, aber auch mit ihren täglichen Sorgen. Viele dieser Menschen kommen bei uns in der Kirche kaum vor. Es sind oft junge Erwachsene, die mit dem ersten Lohn und der ersten Steuererklärung aus der Kirche austreten, oft weil sie nicht sehen, wozu die Kirche Geld braucht, nämlich für Menschen, die sich in Not befinden, für solche, die zwischen Stuhl und Bank gefallen sind oder ganz einfach Pech im Leben hatten.


Niklas Raggenbass stammt aus Kreuzlingen am Bodensee – und ja, auch im Thurgauischen werde Fasnacht gefeiert, bestätigt er. Mit dem Narrenvirus sei er schon dort angesteckt worden. Der Einstieg ins närrische Solothurn fiel ihm alles andere als schwer, auch dank hiesigen «Botschaftern».

Machten Sie selbst die ersten Schritte auf «Honolulu» zu? Oder wurden Sie hineingesogen?

Ich wurde definitiv in die Stimmung hineingesogen. Es war Reto Stampfli, der mich bereits im letzten Jahr zur Chesslete einlud. Es war extrem: Bald darauf lernte ich viele Leute kennen. Und ich fragte mich: Was macht denn die Fasnacht so faszinierend?

Und?

Die Leute spielen sich selbst und lachen darüber. Und sie sind mit Herz dabei: Würde man Topschauspieler anheuern, um die Fasnacht zu inszenieren, so wäre sie wohl erzlangweilig. Ebenso wenn ich mich an meine Zeit als Pater in Engelberg erinnere: Es wäre trostlos, wenn die Mönchsgesänge dort von Opernstars interpretiert würden. Dass die Leute mit Herz dabei sind, ist das Salz in der Suppe.


Am Schmutzigen Donnerstag traf sich Niklas Raggenbass bereits um Punkt vier Uhr mit einer Gruppe von rund 20 Personen, die seit vielen Jahre oben im Turm der Kathedrale zusammenfindet. Diese hatten den Stadtpfarrer gebeten, ihr Chesslerlicht zu segnen, was er selbstverständlich gerne tat. Um 4.45 Uhr die Chesslete eingeläutet, zuerst mit einer, dann zwei und schliesslich vielen Glocken. Dann, am Sonntag folgte ein närrischer Gottesdienst – in dem auch Konfetti und Guggenmusik nicht fehlen durften.

Mit neuen Gestaltungsideen in der Liturgie machen Sie sich wohl nicht nur Freunde – vor allem nicht im Kreis konservativer Kirchgänger.

Es gibt tatsächlich Leute, die meine Ideen unmöglich fanden, weil die Fasnacht nicht in die Kirche gehöre. Einige unserer Plakate für den Fasnachtsgottesdienst wurden zerrissen oder verkritzelt. Auch wollten anscheinend einige Kirchgänger die Eingänge zur Kathedrale blockieren, um andere vom Messbesuch abzuhalten. Es gibt halt solche, die fühlten sich in ihrem Glauben verletzt, weil sie es daneben finden, was ich mache.

Und wie reagieren Sie darauf?

Ich versuche, in einem anderen Gottesdienst dann wieder einen eher konservativeren Tonfall, eine traditionellere Wortwahl zu verwenden. Grundsätzlich muss man immer aufpassen, dass es keine Spaltung in unseren Pfarreien gibt. Schliesslich ist man auch ein «Pontifex», ein Brückenbauer. Wie stelle ich es an, dass sich jemand im Gottesdienst nicht unwohl fühlt? Diese Frage musste ich mich auch schon bei den Gottesdiensten mit dem Circus GO stellen. Doch Solothurn hat im Gegensatz zu einem kleinen Dorf die Möglichkeit, dass die Leute sich den Gottesdienst auswählen und so eine etwas progressivere Liturgie umgehen können.

Doch wieso diese Ausgefallenheit?

Wenn junge Menschen einen Segen für ihr Chesslerlicht möchten, ist das was Verrücktes. Aber es erinnert sie vielleicht daran, dass sie bereits als Kind von ihrer Mutter das Kreuzchen auf die Stirn bekommen haben. Und dann hat es sich schon gelohnt. Überdies kann man sich auch als Narr vor Gott verneigen und sich dankbar zeigen. Im Grunde ist das Christentum selbst eine närrische Angelegenheit: So hält man verrückterweise die linke Backe hin, nachdem schon die rechte geschlagen wurde. Und in der persönlichen Erfahrung sehe ich oft, dass Gott Humor hat: Tragen doch oft Menschen Probleme an mich heran, mit denen ich selbst auch zu kämpfen habe.

So gesehen ist der fasnächtliche Humor auch ein wenig Psychohygiene?

Humor kommt ja von Humus. Und tatsächlich hat die Fasnacht was Geerdetes. Es geht darum, aus Lebensfreude Kraft zu schöpfen und darin wie ein Baum verwurzelt zu sein. Auch an der Fasnacht spielt man eine Rolle, mit der man selbst zu kämpfen hat, es aber noch nicht weiss. Eine zierliche Frau, die einen Hünen spielt, hat vielleicht Gewalt erfahren. Oder ein Mann verkleidet sich als Frau, weil ihn Beziehungssorgen beschäftigen. Der Satz aus der Bibel «Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst» wird oft missverstanden als «Liebe Deinen Nächsten anstatt Dich selbst». Dabei muss man sich selbst zuerst annehmen, sonst brennt man aus, vergisst sich selbst und rennt von allem davon. Man muss sich in seiner Schrulligkeit und mit seinen Schattenseiten annehmen können. Darin steckt eine göttliche Kraft. Wenn ich mich selbst annehme, komme ich erst an den anderen ran. Und so treten an der Fasnacht allerlei Fantasiefiguren auf. Man lebt die Seiten aus, die man an sich sonst eigentlich ablehnt.

... und man macht sich ebenso über andere lustig.

Geri Müller war ein beliebtes Ziel an der Fasnacht. Und scheinbar macht man sich lustig über Leute, die eine gewisse Grenze überschritten haben. Aber oft zielt der Humor auf die eigenen menschlichen Schwächen ab – manchmal auch auf die Stärken. Die Fasnacht will uns zeigen, wie es mit uns steht. Menschen, die die Fasnacht ablehnen, haben oft Problem, zu ihren Schattenseiten zu stehen. Ich denke oft an die fromme Haltung einiger Christen, vor einer makellosen Marienstatue niederkniend, die aber das Schwierige und Schlechte verdrängen und nicht verarbeiten. Die Visionen der Fasnacht, ebenso wie biblische Geschichten, wollen uns nicht sagen, was wir tun müssen, sondern nur, wo wir stehen. Beides sind Geschichten, die unser Leben prägen – umso mehr, je häufiger man sie hört. In der Fasnacht stecken viele bizarre Geschichten, Geschichten von der schönen guten Welt. Aber auch Geschichten darüber, was passiert, wenn man jemand über den Tisch zieht.

Was sagen Sie Fasnachtsmuffeln, die einwenden, dass in dieser Zeit jeweils König Alkohol herrscht und Narren eh nur an sieben Tagen im Jahr lustig sein können?

Man kann die Fasnacht nicht erklären, man muss dabei mitmachen. Wer sie bloss als Schunkeln und Saufen sieht, hat sie nicht erfasst. Und die Vorstellung, dass sie nur kurzzeitig wirkt, ist nicht die Haltung, die man vor der Fastenzeit, dem Gegenstück der Fasnacht, einnehmen sollte. Es ist nicht bloss ein Ventil. Wieso wenden Guggen, Wagenbauer, Kostümschneider Tausende Stunden Arbeit auf, dies bloss für ein paar Tage? Die Fasnacht ist eine Stärkung für den Alltag danach, man kann von den Erinnerungen zehren. Sie zeigt uns auf, dass das Leben danach weitergeht. Und: Die Fasnacht schafft Identität mit der Gemeinschaft. Auch das Christentum selbst wäre im Alleingang ein Widerspruch in sich – und das geht über die Gemeinschaft der «Erlauchten» hinaus. Denn auch die anderen gehören dazu.

Reden wir von den anderen: Konnten Sie denn über die Fasnacht auch schon Menschen zurück in den Schoss der Kirche holen?

Ich möchte niemanden zurückholen, sondern die Menschen besser verstehen. Mit einem Köderversuch würden mich die Leute gar nicht annehmen. Und ich will ja selbst auch ernstgenommen werden. Ich habe viele kennen gelernt, die bezeichnen sich als religionslos. Und auch mit Ausgetretenen möchte ich in Kontakt treten. Auch mit den «Ambassadonnern» haben wir über Gott und die Welt geredet – und über persönliche Sorgen. Und die Guggenmusik im Gottesdienst erhielt einen tosenden Applaus. Und dann kann es ganz einfach meine Aufgabe sein, dass ich ein Chesslerlicht segne. Toll fände ich auch, wenn ein lesbisches Paar an mich herantritt, um seine Verbindung zu segnen.

... was ja nicht gestattet ist.

Kirchenrechtlich ist es nicht erlaubt, nein. Andererseits gilt der Grundsatz, dass wir alles tun, was dem Heil der Seele dient. Mein theologischer Grundsatz ist jener der «offenen Tore». Doch was ist pastoral kluges Verhalten in einem Umfeld, das teilweise konservativ und teilweise progressiv geprägt ist? Letztlich bin ich eben Brückenbauer. Ich habe immer wieder Anfragen von lesbischen Paaren, von Wiederverheirateten oder von Paaren mit geistiger Behinderung. Ich verhalte mich natürlich loyal zum Bischof, und auch er muss das Kirchenrecht einhalten. Dennoch stelle ich kirchenrechtliche Grundlagen laut und deutlich infrage: Kann ich es mittragen, einem lesbischen Paar die Segnung ihrer Verbindung zu verweigern? Wäre es pastoral klug? Wie weit darf eine Norm für das Seelenheil ausser Kraft gesetzt werden? Und wie hätte Jesus reagiert? Die Frage stellt sich auch, wenn ich ein Meersäuli, ein Auto oder eine Seilbahn-Gondel segnen soll. Im Fall der Gondel habe ich mich mit der reformierten Pfarrerin Sabine Palm darauf geeinigt, dass ich nicht Gegenstände, sondern die Leute segne, die mit der Gondel fahren.

Sie haben Farbigkeit bekannt, Niklas Raggenbass. Jetzt bekennen Sie doch mal Farbe: Welcher Zunft treten Sie bei?

Ich habe daran bisher keinen Gedanken verschwendet. Es würde mir wohl schwerfallen, denn erstens habe ich noch gar nicht alle kennen gelernt, und zweitens sind diejenigen, die ich kennen gelernt habe, alle toll. Ausserdem wäre es wie ein Adelstitel, den man ja nicht einfach so bekommt. Und ob ich das «Einfasnachtungsverfahren» wirklich bestehen würde, ist unsicher. Als Gast fühle ich mich wohl, und es bringt in meinem Leben einiges «ungerobsi», was ja urchristlich ist! Gewohntes und Einengendes auf den Kopf zu stellen, um einem Leben zu dienen, das sich von Gott getragen weiss, gesegnet ist.

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