Ein Bauer liess 15 Rinder zugrunde gehen. Man fand auf dem Hof bereits verweste Tiere, sowohl erwachsene als auch jüngere. Einige waren also schon längere Zeit tot. 

Weshalb die Rinder auf dem Bauernhof in Boningen gestorben sind, wird abgeklärt. Mangelhaftes Futter steht als Ursache im Vordergrund. Die Tiere sollen etwa verschimmeltes Futter erhalten haben, erklärte die Kantonstierärztin Doris Bürgi. Das Tierdrama hat auch sie erschüttert. Wenn der Tod im Futtermischwagen lauert Futter und tote Tiere – da kommt einem unweigerlich auch der Fall von Ende April dieses Jahres im Kanton Thurgau in den Sinn: Auf einem Landwirtschaftsbetrieb in Gachnang starben über 60 von 130 Kühen, weil sie vergiftetes Futter gefressen hatten.

Ein Tierkadaver, aus dem sich das tödliche Leichengift Botulinumtoxin entwickelte, soll unbemerkt ins Futter geraten sein. Fälle mit Botulinumtoxin gibt es immer wieder, denn bei den grossen Erntemaschinen, hohen Geschwindigkeiten bei der Ernte und der Aufbereitung des Futters in Futtermischwagen können ohne weiteres Tierkadaver wie Wildtiere oder Katzen ins Futter gelangen, ohne dass dies erkannt wird.

Das ist ein Risiko, mit dem Bauern leben müssen. Dieses Problems hat sich jetzt die Firma Feinmotion im bernischen Busswil angenommen. Sie lanciert Drohnen mit Wärmebildkameras, die Felder absuchen und damit verhindern sollen, dass Tiere in den Mäher geraten. Das zeigt: Der Einsatz von Technik in der Landwirtschaft hat keine Grenzen.

Immer mehr Bauernbetriebe laufen am Limit

Hingegen stossen viele Bauernbetriebe immer mehr an Grenzen, weil sie in betrieblicher und finanzieller Hinsicht am Limit laufen. Deshalb kann in vielen Betrieben die Nachfolge nicht mehr geregelt werden, weil Bauernsöhne und -töchter das Einzelkämpfertum ihrer Eltern kennen und nicht mehr gewillt sind, unter grossem Verzicht einen solchen Knochenjob zu leisten. So kann es zu Überforderungen kommen, zum Beispiel wenn ein älterer Bauer die Nachfolge nicht regeln kann und mit seinen Kräften an Grenzen stösst.

Zu einer Überforderung kann es aber auch kommen, wenn ein Jungbauer ohne ausreichendes Rüstzeug einen hochgerüsteten Betrieb übernimmt, um die Familientradition fortzusetzen. Der Druck in der Landwirtschaft ist enorm und führt auf Bauernbetrieben nicht selten zu Generationen- und zu Beziehungsproblemen. Viele Bauern halten dem andauernden Druck nicht mehr Stand, werden krank, brennen aus. Die Diagnose Erschöpfungsdepression bzw. Burnout gibt es immer häufiger.

Im letzten Jahr mussten im Kanton Solothurn sogar drei Suizide von Bauern verzeichnet werden. Auch viele Bäuerinnen haben es nicht leicht. Aus finanziellen Gründen sind Bauernbetriebe zunehmend dazu gezwungen, Nebeneinkünfte zu erwirtschaften. Dadurch sind die Bäuerinnen einer immer stärkeren Mehrbelastung ausgesetzt, weil sie entweder ein Nebeneinkommen erwirtschaften oder, wenn der Bauer dies tut, im Stall mithelfen müssen. Der Kosten- bzw. Arbeitsdruck in der Landwirtschaft hat so zur Folge, dass die Freiräume für die Bauernfamilien immer kleiner werden.

So stellt auch der Bauernsekretär des Kantons Solothurn, Peter Brügger, mit Bedauern fest, dass Bauern und Bäuerinnen aus Zeitmangel immer weniger am sozialen Leben einer Gemeinde teilnehmen können. Diese Abstinenz vom gesellschaftlichen Leben drängt Bauern sogar in eine Aussenseiterrolle.

Auch gesunde Betriebe können krank werden

Natürlich gibt es auch viele gesunde Bauernbetriebe. Doch: Eine Zeit ist nicht alle Zeit. Durch einen Schicksalsschlag oder ein anderes einschneidendes Ereignis kann ein Vorzeigebetrieb rasch zu einem Sorgenbetrieb werden. Doch die Öffentlichkeit kennt praktisch nur Vorzeigebetriebe, weil in den Medien fast nur solche zur Darstellung gelangen.

Die Sorgen und Nöte, die viele Bauern drücken, sind wenig bekannt. Es gibt sogar Kritiker, welche problembelastete Landwirtschaftsbetriebe für ihre Situation selber verantwortlich machen, weil diese betriebswirtschaftlich nicht zeitgemäss funktionierten. In einigen Fällen mag das sogar zutreffen. Doch es gilt auch zu berücksichtigen, dass die Landwirtschaft standortgebunden ist und deshalb nicht überall nach rein betriebswirtschaftlichen Grundsätzen geführt werden kann.

Eine unentschuldbare Vernachlässigung

Zurück nach Boningen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Suche nach Erklärungen für den schlimmen Vorfall auf dem Bauernhof in Boningen ist kein Versuch, diesen zu entschuldigen. Selbst unter Annahme, dass der Bauer – aus welchen Gründen auch immer – überfordert war und den Futterkreislauf nicht mehr im Griff hatte, gibt es für den Landwirt hinsichtlich der sträflichen Vernachlässigung der Sorgepflicht gegenüber seinen Rindern, die 15 Tieren das Leben kostete, keine Entschuldigung. Und: Wir sind es den toten Tieren schuldig, ein wachsameres Auge auf Bauernbetriebe zu haben. In deren Interesse
müssen wir Sensoren entwickeln, die ein Signal geben, wenn Überforderung und Not bestehen.