Grüne und ruhige Oasen gibt es einige. Liegen sie in unmittelbarer Nähe zu Lärm und Verkehr, benötigt es architektonische Höchstleistungen, um dennoch Ruhe zu gewähren. So wie jene des Kalkbreite-Areals. Hier im Innenhof des 2000-Watt-Areals wechseln sich Kieswege und grüne Flächen mit Sitzgelegenheiten und Spielmöglichkeiten ab. Wenig wirkt künstlich, alles im Laufe der Zeit auf den vorteilhaftesten Platz für Bewohner und Natur verschoben. Ein idealer Ort, um darüber nachzudenken, wie energiebewusstes Leben gestaltet werden kann.

Konsum: Der Tauschhandel auf dem Vormarsch

Auffällig bunt und unterschiedlich spiegeln die Tische und Sitzgelegenheiten die Heterogenität der Bewohner wider. Denn auch das bedeutet es, im 2000-Watt-Areal zu wohnen: Offenheit für Vielfalt. Und die Vorteile von so viel Vielfalt werden schon im ersten Stock des Eingangsfoyers sichtbar: Auf der breiten Flurwand befindet sich die Tauschbörse der Einwohner. «DVDs» steht auf einem Kärtchen, «TV auf Rollschaft» auf einem anderen. Darunter die Namen der Bewohner. Ist es in der Kalkbreite das Prinzip der Kärtchen, sind es woanders kleine Sticker, die die Briefkästen erobern. Besonders die Pumpipumpe-Sticker haben mittlerweile einen hohen Wiedererkennungswert. Auf Quartier- oder Stadtebene sind es Onlineplattformen wie beispielsweise sharely.ch oder popnfix.ch, die das Teilen oder (Ver-)Mieten von Gebrauchsgegeständen ermöglichen. Ob im Kleinen oder im Grossen, die Idee ist immer die gleiche und findet immer mehr Anklang: Tauschen statt kaufen - die Gesellschaft im ökosozialen Wandel.

Ein Comeback des Tauschhandels also, wie es ihn vor unserer modernen Zeit schon gab? Waren wir nicht stolz auf die Errungenschaft, uns alles leisten zu können? «Gerade bei Einwohnerinnen und Einwohnern von Städten beobachten wir eine recht grosse Bereitschaft, Alltagsgegenstände oder das Auto mit anderen zu teilen», sagt Corinne Moser, die seit vier Jahren am Institut für Nachhaltige Entwicklung der ZHAW die energiebezogenen Gewohnheiten und Verhalten der Bürger im Spannungsfeld von Technologie und Gesellschaft erforscht. Doch geteilt wird nicht immer nur aus altruistischen Gründen. Oft geht es auch darum, zu sparen und das Geld anderweitig auszugeben. Wenn dann das - beispielsweise durch Carsharing - eingesparte Geld woanders, z. B. für eine Flugreise, ausgegeben wird und die Energieeinsparung damit kompensiert wird, spricht man von einem Rebound-Effekt.

Bei welchen Gewohnheiten ansetzen?

Die geringsten Einspareffekte bieten sicher die von vielen bereits in den Alltag integrierten Gewohnheiten wie Licht ausschalten. Dem gegenüber stehen gemäss einer Umfrage in drei Schweizer Städten die schwierigen Knacknüsse, bei denen auf viel Widerstand gestossen wird, wie beispielsweise die Bereitschaft, mit dem Zug statt mit dem Flugzeug zu verreisen oder auf Wohnfläche zu verzichten. Verhaltensänderungen, für die eine gewisse Akzeptanz und Bereitwilligkeit mitgebracht wird, sind beispielsweise die Reduktion des Fleischkonsums, des Waschens, Carsharing, regionales oder saisonales Einkaufen oder allgemein das Teilen von Gebrauchsgegenständen. Hier setzen viele Kampagnen und Initiativen an. 

Mobilität: Vorteile und Nutzen hervorheben

«Bei ihrer Kommunikation sollten Kampagnen ganz klaren individuellen Nutzen - wie beispielsweise die Gesundheit - in den Vordergrund stellen», so Corinne Moser, «zum Beispiel Velo fahren hält fit im Alltag und macht Spass.» Daneben sollte es Möglichkeiten zum Ausprobieren geben. Bei dem Projekt Bike4Car konnten Autobesitzer beispielsweise kostenlos ein E-Bike testen, wenn sie ihr Auto stehen liessen. Langfristig führen Projekte wie Bike4Car tatsächlich zu einem Umdenken. Eine Umfrage der ZHAW, ETH Zürich und Uni St. Gallen zeigt, dass ein Jahr nach dem Ausprobieren eines E-Bikes die Teilnehmenden ihr Auto in verschiedenen Alltagssituationen deutlich seltener benutzen. Verstärkt werden solche Verhaltensänderungen, wenn sie zu einer Norm werden oder die Gruppenzugehörigkeit eine Rolle spielt. «Wenn im Sportverein beschlossen wird, mit dem Velo zum Sport zu kommen oder einen Ausflug mit dem Zug zu machen, wird kaum jemand Nein sagen», bestätigt Corinne Moser. «Die Gruppendynamik kann viel verändern. Daher sind Vereine spannende Multiplikatoren.»

Das Projekt GoEco nutzt diesen Wunsch nach sozialer Zugehörigkeit und Austausch zur Verbesserung des nachhaltigen Mobilitätsverhaltens. Mittels einer App erfährt der Nutzer mehr über das persönliche Fortbewegungsmuster, kann persönliche  Nachhaltigkeitsziele definieren, Vorschläge von anderen erhalten und seine Erfahrungen teilen.

Haushalt: Die Bedeutung des Energieverbrauchs verändern

Neben der Mobilität und dem Konsum gilt auch der Haushalt als wichtige Quelle des alltäglichen Energieverbrauchs. Das Stromsparpotenzial wird in diesem Bereich auf bis zu 30 Prozent geschätzt. Hier geht es besonders darum, die Bedeutung des eher abstrakten Energieverbrauchs im Bewusstsein der Menschen zu steigern, indem man ihn zu alltäglichen Verhaltensweisen in Bezug setzt. Dabei lassen sich Energieeinsparungen zu einem grossen Teil durch soziale Normen, beispielsweise mit einem Nachbarschaftsvergleich und Informationen über den eigenen Energieverbrauch, erzielen. Ein gutes Beispiel ist das Feedbacktool Amphiro, auf dessen Display Temperatur, Wasser- und Energieverbrauch beim Duschen angezeigt wird - und ein Eisbär, auf dessen schmelzender Eisscholle es zunehmend ungemütlich wird, je länger man duscht. Solch konkrete Beispiele machen den Energieverbrauch nicht nur für Kinder anschaulich und erfahrbar.