Am Donnerstag wird sie an den Solothurner Filmtagen als Ehrengast begrüsst. Gestern Abend stand sie noch auf den Brettern der Berliner Schaubühne. Ursina Lardi spielt dort in der Uraufführung von Milo Raus neustem Stück «Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs». Der Schweizer Autor und Regisseur stellt einmal mehr unbequeme Fragen. Nachdem er in «The Civil Wars» und «The Dark Ages» Europa einer theatralisch-politischen Psychoanalyse unterzogen und in «Das Kongo Tribunal» den internationalen Minenfirmen den Volksprozess gemacht hat, geht es nun um einen anderen Brennpunkt, die Flüchtlingspolitik.

Rau, Lardi und die Dramaturgin Myriam Knapp sind in den Osten des Kongos, ins Bürgerkriegsgebiet gefahren und haben dort Interviews mit NGO-Mitarbeitern und Geistlichen geführt. «Zwei Wochen lang führten wir von morgens bis abends Gespräche», berichtet Lardi. Im Herbst haben sie aus aktuellem Grund die Balkanroute bereist. Aus dem gesammelten Material hat Milo Rau das Stück geschrieben. «Für mich war das eine neue Erfahrung, an der Entstehung des Stücks so eng beteiligt zu sein», erzählt die Schauspielerin.

DAS FILMFESTIVAL SOLOTHURN hat Ursina Lardi als Ehrengast geladen (siehe Kasten). Seit 1992, seit es das Format gibt, ist sie nach Marte Keller die einzige Schauspielerin, der diese Ehre zuteilwird. Lardi hat sich diese Anerkennung hart erarbeitet. Die 45-Jährige steht seit 15 Jahren für Kino- und Fernsehproduktionen vor der Kamera. 2009 spielte sie an der Seite von Ulrich Tukur die Baronin Marie-Louise in Michael Hanekes «Das weisse Band». 

Der Spielfilm gewann damals, neben vielen weiteren Preisen die Goldene Palme in Cannes. Seither haben die Engagements zugenommen. «Der Verdingbub», «Lore», «Akte Grüninger» oder «Die Lügen der Sieger» sind nur eine Auswahl der seither gedrehten Kinofilme. Im deutschen Fernsehen steht Lardi seit 2011 regelmässig bei «Tatort»- oder «Polizeiruf 110»-Produktionen vor der Kamera.

Vor zwei Jahren erhielt sie in Solothurn für ihre Rolle in «Traumland» den Schweizer Filmpreis als beste Darstellerin. Ein Jahr später war sie für den Preis nochmals nominiert, für ihre Rolle im Coming-out-Drama «Unter der Haut». Vergangenen November ehrte ihr Heimatkanton Graubünden sie mit einem Anerkennungspreis. Und nun die Einladung als Ehrengast. «Ich freue mich sehr darüber», sagt Lardi. Ihr bedeute die Anerkennung in der Schweiz viel, auch wenn der praktische Nutzen gegen null tendiere. Es sei keinesfalls so, dass Schauspielerpreise mit vermehrten Engagements gleichgesetzt werden können. «Seit dem Filmpreis habe ich nicht mehr in der Schweiz gedreht», erzählt die Wahl-Berlinerin. Erst kommenden März wird sie hier wieder vor der Kamera stehen, in Kathalin Gödrös’ Fernsehfilm «Charlotte». «Eine Rolle, wie ich sie liebe: widersprüchlich, überraschend, ungemütlich und auch humorvoll. Man wird nicht so schnell mit ihr fertig. Ich freue mich darauf», schwärmt Lardi. 2010 stand sie für Gödrös bereits vor der Kamera. Im Familiendrama «Songs Of Love And Hate», an der Seite des 2012 überraschend verstorbenen holländischen Starschauspielers Jeroen Willems.

MUTTER UND EHEFRAU, eine Paarung, die oft vorkommt in den Rollen der 45-Jährigen. Das liegt wohl in der Natur der Sache, sprich am Alter Lardis. Die an Lebensjahren, Geschlecht und am Frauentyp orientierte Besetzung von Filmrollen ist für die Vollblutschauspielerin auch ein Korsett, ein zu enges. «Das Theater bietet mir grössere Freiheiten. Auf der Bühne kann ich auch ein 14-jähriges Mädchen oder König Ödipus spielen», sagt sie und ergänzt: «Einige Jahre lang war meine Arbeit zu filmlastig.»

Deshalb nahm Lardi 2012, nach Jahren als freie Schauspielerin an Bühnen in Hamburg, Berlin, Hannover oder Stuttgart, das Angebot als festes Mitglied im Ensemble der Berliner Schaubühne an. Sie habe sich jedoch spezielle Konditionen ausbedungen und spiele nur ein bis zwei Rollen pro Jahr. So bleibe Zeit für den Film. Kamera und Theaterpublikum, Lardi braucht und will beides. «Das Drehen gibt mir Dinge, die das Theater nicht kann – und umgekehrt», erklärt sie und fügt an: «Ich habe jahrelang hart dafür gearbeitet, dass Theater- und Filmarbeit in der Balance stehen.» Im Moment sei die Situation perfekt.

1970 IN SAMEDAN GEBOREN, in Poschiavo und Chur aufgewachsen, kam Lardi Anfang der Neunzigerjahre nach Berlin an die Ernst-Busch-Schule. Seither hat sie Kino- und Fernsehfilmkarriere gemacht, arbeitete mit Bühnenberserkern wie Einar Schleef, mit Regisseuren wie Tom Kühnel oder Thomas Langhoff. Sie ist eine der prägenden Schauspielerinnen in den starbesetzten Ensembles des Regie-Solitärs Thorsten Lensing. Unlängst waren sie mit seiner gefeierten «Karamasow»-Inszenierung am Schauspielhaus Zürich zu Gast. Seit drei Jahren ist sie Mitglied an einer der renommiertesten Bühnen Deutschlands – und Mutter eines zwölfjährigen Sohnes: Wie meistert sie dies alles? «Ich arbeite viel, das stimmt. Aber Termine, die nicht unbedingt nötig sind, vermeide ich. Die freie Zeit verbringe ich lieber mit der Familie.» Ansonsten sei alles eine Frage der Organisation. «Man muss sehr schnell ab- und umschalten können und das, was man macht, mit voller Kraft machen.»

«Sehr schlank, voller Energie, streng zu sich selbst»: So charakterisierte die Berliner «Tageszeitung» die Schauspielerin. Andere beschreiben sie als «quecksilbrig», unnahbar. Ihr Geheimnis besteht vielleicht darin, dass sie kein Geheimnis aus ihrer Kunst macht. In einem Interview in der «Südostschweiz» zu ihrem gefeierten Bühnensolo «Die Kleider der Frauen» beschrieb sie den Vorgang der Schauspielerei so: «Ich wechsle das Kleid, und dann geht es los.» So einfach ist das – wenn man es kann.