Mano Khalil, Ihr Spielfilm «Die Schwalbe» eröffnet dieses Jahr die Solothurner Filmtage. Für Sie ist das mehr als eine Ehre: Die Filmtage haben für Sie eine ganz besondere Bedeutung.

Mano Khalil: Ich habe grossen Respekt vor den Filmtagen. Als ich zum ersten Mal in die Schweiz kam, lebte ich drei Jahre lang im Tessin in einem Flüchtlingsheim. Ich wollte einen Film über meine Erlebnisse dort drehen, doch der Mann vom Tessiner Fernsehen wies mich rüde ab. Für mich brach eine Welt zusammen. Mit einer geliehenen Kamera drehte ich den Film dennoch und reichte ihn dann in Solothurn ein. Der Film gewann an den Filmtagen einen Anerkennungspreis und wurde darüber hinaus für den Schweizer Filmpreis nominiert. Solothurn gab mir die Hoffnung zurück, wieder Filme drehen zu können. Jetzt die Filmtage zu eröffnen, empfinde ich als eine sehr grosse Ehre nicht nur für mich, sondern auch für all die lieben Menschen, die mir zur Seite gestanden sind.

2013 gewannen Sie in Solothurn mit dem «Imker» den Hauptpreis, den Prix de Soleure. Wie dieser Film erzählt «Die Schwalbe» von der Sehnsucht nach der eigenen Herkunft. Sie sind Berner mit syrisch-kurdischen Wurzeln. Was bedeutet Heimat für Sie?

Ein alter Indianer sagte einmal: Heimat ist dort, wo ich in Ruhe einschlafen kann. Die Schweiz ist ein wahnsinnig schönes Land, ich habe hier viele Freunde. Aber weil ich mein Heimatland nicht freiwillig verlassen habe, sondern fliehen musste, ist in mir eine Sehnsucht nach meinen Wurzeln geblieben. Das widerspiegelt sich in meinen Filmen. Aber das ist auch etwas Universelles: Der Mensch ist immer am Suchen – woher komme ich, wohin gehöre ich?

In «Die Schwalbe» reist die Bernerin Mira nach Kurdistan, um ihren verschollenen Vater zu suchen. Der zentrale Satz des Films lautet: «Jede Schwalbe kehrt in ihr Nest zurück.» Heisst das: Erst wenn wir wissen, wo wir herkommen, wissen wir auch, wer wir sind?

Definitiv. Bei mir hat das auch eine politische Bedeutung. Ich stehe für kurdische Rechte ein. Das kurdische Volk umfasst 40 Millionen Menschen, wird aber nicht offiziell als Staat anerkannt. Deshalb können die Menschen dort nicht in Freiheit und Würde leben. Als ich als Kind in Syrien zur Schule ging, bestraften mich meine Lehrer, wenn ich statt Arabisch meine Heimatsprache sprach. Kurdisch war verboten.

Trailer «Die Schwalbe» - ein Film von Mano Khalil

Trailer zum Film «Die Schwalbe»

Mira erlebt im Film zunächst einen Kulturschock, als sie in Kurdistan ankommt.

Das fängt schon beim Taxifahrer an, der sie am Flughafen abholt. Sie will den Fahrpreis nach unten handeln, worauf er erbost wegfährt. Doch im Filmverlauf merkt sie: Geld macht nicht glücklich. Dazu fällt mir eine Geschichte ein: Ich war vor einem Jahr in einem Teehaus in Indien, wo mich ein junger Mann bediente. Ich fragte ihn, wie viel er mit seiner Arbeit verdiene. Es war sehr, sehr wenig. Doch der Mann strahlte nur und sagte: «Small money, but happy!» Meine Freunde in der Schweiz fragte ich dann als Witz: «Big money, but why not happy?» (lacht)

Mit der 27-jährigen Bernerin Manon Pfrunder haben Sie eine Newcomerin für die Hauptrolle gecastet. Warum war sie die Richtige?

Für mich als Regisseur ist der erste Eindruck wichtig. Wir luden dreizehn junge Frauen zum Casting ein. Viele von ihnen hatten sich richtig herausgeputzt. Ich dachte mir: Okay, Respekt vor deiner Schönheit. Manon aber hatte die Rolle verinnerlicht. Sie brachte Sachen mit, als ob sie bereits in Kurdistan wäre, kleidete sich légère, bastelte sogar einen Brief, der zur Szene passte, die wir proben wollten. Ich merkte, dass sie sich die Rolle wirklich zu Herzen nahm. Ich bin überzeugt: Mit ihr ist ein zukünftiger Star geboren. 

Mira findet im irakischen Kurdistan ein zerrüttetes Land vor, das gezeichnet ist von Krieg und Terrorismus. Wie wichtig war es Ihnen, den Film wirklich vor Ort zu drehen?

Das war entscheidend. Eine Produzentin schlug mir vor, den Film in Spanien oder Zypern zu drehen. Ich sagte: Auf keinen Fall! Ich wollte für den Film zu den echten Menschen in Kurdistan gehen. Gefährlich wurde es dort nie. Die Regierung und der ganze Sicherheitsapparat waren über unseren Dreh informiert. Sie haben uns stets unterstützt.

Flossen so auch dokumentarische Elemente in den Film ein?

Ja. Als wir eine Szene in einem heruntergekommenen Haus drehten, fanden wir dort zufällig das Hinterteil einer Kalaschnikow. Die Schauspieler improvisierten damit. Ich finde, die fertige Szene passt sehr gut in den Film rein. Die Spuren vom Krieg sind überall. Du läufst durch die Berge von Kurdistan und siehst Splitter von Granaten oder Patronen. Einmal war ich in einem Tal, dessen Grund komplett mit Patronen überdeckt war. Es war, als wäre der Boden asphaltiert. Du konntest darüberlaufen, ohne deine Füsse dreckig zu machen. Und diese Patronen waren sicher nicht dort, weil jemand damit Hasen gejagt hat ... 

Mira glaubt, ihr Vater habe die Schweiz verlassen, um heldenhaft gegen Saddam Hussein in den Krieg zu ziehen. Die Wahrheit stellt sich als viel komplexer heraus ...

Ich habe einen Kollegen in Deutschland, dessen Vater vor ein paar Jahren gestorben ist. Er entdeckte anhand alter Briefe, dass sein Vater ein Nazi gewesen war und wohl viele Menschen getötet hatte. «Die Schwalbe» geht der Frage nach, wie Kinder damit umgehen, wenn sie erfahren, dass ihr Vater nicht der Held war, für den sie ihn immer gehalten haben.

Auf ihrer Suche wird Mira vom Kurden Ramo begleitet. Seine wahren Beweggründe verschweigt er ihr. In seiner Figur spiegelt sich, wie tief das Land zerspalten ist.

Das war eine bewusste Kritik von mir. Die Kurden sind sich untereinander nicht einig. Mein Film zeigt jene Kurden, die damals von Saddam Hussein bezahlt wurden, um andere Kurden zu töten. Diese Menschen wohnen heute in Villen. Die Kurden können sich nur befreien, wenn sie eine Einheit sind.

Im Film sagt eine kurdische Figur: «Wir bauen hier eine kurdische Schweiz». Die multikulturelle Schweiz als Vorbild für den krisengeplagten Nahen Osten: geht das?

Die Schweiz ist ein Beweis dafür, dass verschiedene Kulturen und Sprachen friedlich zusammenleben können. Davon handelte auch mein Dokumentarfilm «Unser Garten Eden», in dem ich einen Schrebergarten als Mikrokosmos der Schweiz porträtierte. Als ich den Film im Libanon zeigte – ein Land, das man früher die «Schweiz des Nahen Ostens» nannte – waren sie erstaunt über den gegenseitigen Respekt der Figuren, die alle aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommen. In der Schweiz leben Menschen zusammen, die Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch sprechen. Dieses Zusammenleben würde ich mir auch zwischen den Kurden und den Türken wünschen.