Es steht viel auf dem Spiel für die Schweizer Parkour-Szene. Das ist umgehend klar, nachdem diese Zeitung publik gemacht hat, dass der Schweizerische Turnverband (STV) die Sportart in ihr offizielles Programm aufnehmen will. Man hat gewusst, dass die Turner derartige Pläne hegen. Zeichen dafür gab es zahlreiche und schon länger.

2016 gab es an der Jugend-Olympiade in Lillehammer erste Workshops, 2017 das Exekutiv-Komitee des Internationalen Turnverbands (FIG) grünes Licht, Parkour zu einem Sport zu entwickeln. Mit allem, was dazugehört: Wettkämpfen, Ranglisten, Siegern und Verlierern.

2018 gab es erste Testwettkämpfe, Ende des Jahres dann der Entscheid, Parkour als achte Disziplin der FIG aufzunehmen. Zugleich ging die Empfehlung an die nationalen Verbände raus, die Sportart ebenfalls in ihr Programm aufzunehmen. Der STV will das bis 2020 schaffen und hat deswegen mit Nicolas Fischer einen Projektleiter aus der Schweizer Szene angeheuert.

Von Frankreich in die Schweiz

Alles wunderbar? Mitnichten. Einigen Traceuren, so nennen sich die Parkour-Praktizierenden, stösst diese Entwicklung auf. Sie sehen die Einmischung der Turnverbände auf nationalem und internationalem Niveau als eine Art feindliche Übernahme. Die trägen Verbände wollten sich eine Verjüngungskur verpassen und begännen deshalb, etwas zu reglementieren, von dem sie keine Ahnung hätten.

Parkour ist zwar eine neue Sportart, aber die Anfänge der Bewegung gehen zurück in die späten 80er-Jahre in die Vororte von Paris. Erstmals öffentlich wahrgenommen wurde Parkour 1997. Am Tag der offenen Tür der Pariser Feuerwehr hatten die Yamakasi, wie sich die Gruppe unterdessen nannte, ihren ersten grossen Auftritt.

Durch einen 5-sekündigen Arte-Einspieler wurde Roger Widmer aus Münsingen im Jahr 2000 auf dieses neue Phänomen namens Parkour aufmerksam. Gemeinsam mit seinen Freunden Felix Stöckli und Ramon Siegenthalter reiste er nach Paris, lernte die Gründerväter des Parkour kennen.

Sie befassten sich mit Philosophie und Werten der Bewegung, begannen, Parkour zu vermitteln, gründeten 2006 eine der ersten Schulen weltweit. Die Münsinger waren Parkour-Pioniere, nicht nur in der Schweiz, sondern international. Dank ihnen liess der Sport die Grenzen Frankreichs hinter sich. Sie gründeten Parkourone, eine Schule, die heute rund 1500 Schüler in Deutschland und der Schweiz zählt.

Wird Parkour 2024 olympisch?

Die Gespaltenheit der Szene zeigte sich schon beim Gründervater. Einerseits propagierte David Belle die Konkurrenzfreiheit, andererseits äusserte er schon früh den Traum, dass Parkour irgendwann olympisch sein könnte. Bald könnte es so weit sein.

«2024 wird Parkour olympisch», ist Felix Stöckli, Geschäftsführer von Parkourone, überzeugt. «Das wird das FIG durchsetzen. Deshalb gibt es jetzt schon Weltcup-Wettkämpfe.» Was hält er von der Einmischung der Turner? «Wir wollen fördern, nicht gegen etwas ankämpfen, das sich nicht aufhalten lässt», sagt er.

Kritischer ist Raphael Bicker, Vorstandsmitglied der Swiss Parkour Association. «Nach unserem Empfinden wird eine bestehende internationale Community übergangen. Wir haben die Sportart etabliert, mit viel Herzblut und Schweiss aufgebaut. Trotzdem hat unsere Community keinen Einfluss auf die aktuellen Entwicklungen.» Er sieht Parallelen zum Snowboard, für ihn beängstigende Parallelen.

Das Snowboarden etablierte sich vermutlich noch schneller als Parkour, es bildeten sich erste Strukturen, und als klar war, dass Snowboarden mehr als ein Trend ist, kam der Internationale Skiverband FIS und krallte sich, was die Jugend begehrte. Der bestehende Snowboard-Weltverband, der ISF wurde weggedrängt und schliesslich 2002 wieder aufgelöst.

Die Einmischung der Turner in die Parkour-Szene sieht Bicker kritisch: «Ich hätte uns mehr Zeit gewünscht, um Parkour eigenständig weiterentwickeln zu können. Wir haben uns schon in nationalen und internationalen Verbänden selbstständig organisiert. Die aktuelle Entwicklung ist völlig überstürzt, und sie schadet dem Sport.» Aber auch er hat Freunde bei den Turnern, auch er hat anerkannt, das gewisse Entwicklungen nicht zu stoppen sind.

Sein pragmatischer Ansatz: Der internationale Turnverband kriegt Parkour für Olympia, der nationale die Wettkämpfe und sie, die ursprüngliche Szene, den Breitensport. Da, wo die Werte weitergegeben werden, die Bewegung im Zentrum steht, nicht Sieger und Verlierer.

Was der Star der Szene sagt

Erste Schritte in diese Richtung wurden vom Parkourverband bereits unternommen. Nachdem von 2009 bis letztes Jahr keine weiteren Sportarten ins J+S-Programm, das Förderprogramm des Bundes, aufgenommen werden durften, endete das Moratorium 2018. «Also haben wir einen Antrag gestellt, dass wir aufgenommen werden», erklärt Bicker. In der Hoffnung, die Hauptverantwortung für Parkour bei der Szene zu behalten. Wie zu vernehmen ist, soll der STV ebenfalls einen Antrag vorbereiten. Eine Entwicklung, die Bicker mit Besorgnis verfolgt.

«Ich finde die Entwicklung ziemlich cool», sagt dagegen Christian Harmat. Der Basler führt derzeit den Parkour-Weltcup in der Speed-Disziplin an. Im Gegensatz zum Style-Contest, der von einer Jury bewertet wird, geht es dort einzig darum, einen bestimmten Parcours möglichst schnell zu absolvieren. «Natürlich kann man noch Dinge verbessern. Zum Beispiel finden wir Trampolinrichter in einer Parkour-Jury ziemlich unpassend. Aber das waren schon coole Events, an denen ich teilnahm.»

Harmat sieht das Interesse des STV als Aufwertung seiner Sportart, sagt: «Die Zahl der Parkour-Begeisterten wird wachsen, der Sport populärer. Ich fände es einfach wichtig, dass die Turner dann auch Trainer einstellen, die aus der Parkourszene kommen und nicht einfach einen eintägigen Kurs absolviert haben. Das wäre nicht ideal.»

So anders er sich positioniert, diesbezüglich ist er mit Bicker einig: Parkour weitergeben kann nur, wer sich über Jahre damit beschäftigt. Er selbst ist längst daran, sich international zu etablieren. Und auch er ist fest davon überzeugt, dass Parkour in fünf Jahren olympisch ist – und er freut sich drauf.