BALLY-PARK SERIE: TEIL III

Das «grosse Grundwuhr» durch die Aare

Von 1888 bis 1917 leitete ein Stauwehr Flusswasser in den Kanal – übrig blieb die Aareschwelle beim Park.

Nach der Eröffnung des Fabrikkanals im März 1869 beschäftigten Kanal und Aare die Ballys ständig. Mit grossem Aufwand musste der Flusslauf immer wieder gelenkt und gedrängt werden, damit er seinem neuen Zweck – der Speisung des Kanals und dadurch der Energieversorgung der Fabrik – dienlich blieb.

Diese Arbeiten veränderten den natürlichen Lauf der Aare und führten zur teilweisen Vernichtung der alten Schönenwerder Insel. Ihre obere linke Seite wurde weggeschwemmt, der Rest wurde durch Verlandung des rechten Aarearms Teil des rechten Ufers. Diese Veränderung formte die Gestalt des Bally-Parks, wie wir ihn kennen: Der ehemalige rechte Aarearm bildet heute den Pfahlbauweiher; auf dem Überrest der alten Insel befinden sich das Arboretum und der chinesische Pavillon.

Carl Franz Bally schildert in seinen Memoiren, wie der Uferunterhalt die Strömung veränderte, was 1888 den ersten Bau einer Aareschwelle nötig machte: «Am 15. Jänner [1877] begannen die Wuhrarbeiten [Dammbauten im rechten Aarearm] unterhalb des Kanaleinlaufs, wodurch die rechts der damaligen Insel bestandene Strömung abgeschlossen wurde. Diese Korrektion hatte zur Folge, dass das Strombett vertieft und dem Kanal das nötige Wasser entzogen wurde, infolgedessen im Jahr [1888] das grosse Grundwuhr durch die Aare erstellt werden musste.» Mit dem «grossen Grundwuhr durch die Aare» ist die Aareschwelle gemeint.

Sohn Eduard Bally beschrieb später (um 1920) den schwierigen Bau der Schwelle durch den ganzen Fluss so: «Es wurden drei Reihen Pfähle starken Kalibers in das Flussbett querüber eingerammt, wovon 2 in ungefähr 1 m Entfernung voneinander, die oberste Reihe aber ca. 3 m Distanz und die Pfähle durch Querbalken verbunden, sowohl wie durch Längsbalken die 3 Reihen zusammengehalten und schliesslich das Ganze durch hineingeworfene Bruchsteine ausgefüllt.»

Die Aareschwelle hatte die Funktion eines Stauwehrs: Sie hob den Wasserspiegel der Aare und sicherte so den genügenden Zufluss von Aarewasser in den Kanal. Das war auch deshalb nötig, weil die stark gewachsenen Bally-Fabriken nun viel mehr Energie brauchten als noch in der Zeit des ersten Kanalbaus 1869. 1888 liess Bally deshalb den Fabrikkanal auf der ganzen Länge verbreitern und vertiefen. Eine leistungsfähigere Turbine wurde eingesetzt, die nebst der Transmission neu auch einen Generator zur Herstellung von elektrischer Energie, primär für die Fabrik in Niedergösgen, betrieb. Der Einsatz von Elektrizität war 1888 eine Pioniertat.

Heutiges Betonwehr von 1906

Das «grosse Grundwuhr» erforderte nach dem Bau ständig Unterhalt. Die Aare nagte unentwegt daran. Eduard Bally: «Das vom Flusse mitgeschwemmte Kies sollte mit der Zeit die Lücken füllen und tat es auch leidlich; freilich musste fast alle Jahre die Auskolkung der Flussohle unterhalb des Dammes mit grossen Bruchsteinen wieder ausgefüllt werden.»

Wohl deshalb entschied man sich, das Wehr in dauerhafterer Form zu erneuern. In den Jahren 1905 bis 1907 entstand das heute noch bestehende betonierte Wehr, die Schwelli. Eduard Bally berichtet: «Im Herbst des Jahres 1906 wurde der Wasserstand so niedrig, dass man die Gelegenheit benutzen musste, das längst in Aussicht genommene Stauwehr-Projekt auszuführen. Man hatte sich auf die Erstellung eines Walzenwehres geeinigt und schon im Jahre vorher das Querwehr über die Aare erstellt bis zu dem Durchlass am Gösgerufer.» Zu den Bauarbeiten ist im Ballyana-Archiv eine eindrückliche Serie von Fotos erhalten. Fertiggestellt wurde das neue Wehr im Jahr 1907.

Die Kosten dieser Aareschwelle liefen völlig aus dem Ruder. Eduard Bally klagte: «Keine Bauvorschläge sind so unsicher wie diejenigen der Wasserbauten. Die Firma erfuhr dies auch bei dieser Anlage, indem dieselbe ungefähr 21-mal mehr kostete, als im sorgfältig ausgearbeiteten Voranschlag vorausgesehen war.» Wohl deshalb wurde im Zug des Baus gespart und die geplante hebbare Walze beim Gösger Ufer nicht aus Eisen, sondern aus Holz ausgeführt: «Schliesslich wollte man auf der Gösgerseite durch eine zu hebende Stauvorrichtung noch mehr Sicherheit schaffen. Die Steinbauten wurden erstellt, wie hier angegeben, die kostbare Eisenkonstruktion einer Senkungswalze [hingegen] durch Holzstaue ersetzt.»

Kraftwerkbau veränderte alles

«Die Abtretung der Wasserkonzession an den Olten-Gösger-Kanal hat alles unnötig gemacht», notiert Eduard Bally gleich darauf trocken. Tatsächlich wurde das Betonwehr schon 1917 durch das neue Wasserkraftwerk Niedergösgen überflüssig.

Die Energiegewinnung aus Wasserkraft machte zwischen 1890 und 1920 riesige Fortschritte. 1896 wurde das Elektrizitätswerk Ruppoldingen oberhalb von Aarburg in Betrieb genommen. Für die Verteilung der von dort bezogenen Energie gründeten die Schönenwerder Unternehmer (nicht nur Bally) eine Genossenschaft, die Elektrizitätsgesellschaft Schönenwerd (EGS). Um 1910 begann die Elektrizitätswerk Olten-Aarburg AG (EWOA, aus der später Atel und Alpiq entstanden) mit der Planung eines neuen Werks, mit einem Kanal von Winznau bis Niedergösgen.

Für die Realisierung dieses Grossvorhabens musste Bally die Konzession von 1868 für die Nutzung des Gefälles der Aare aufgeben. Angesichts des ewigen Ärgers und der hohen Kosten des Kanals dürfte dieser Abschied nicht allzu schwer gefallen sein. Obendrein liess man ihn sich mit der Zusicherung von kostenfreier Stromlieferung während 90 Jahren versüssen. Man kann davon ausgehen, dass Bally zwischen 1918 und 2007 jährlich zwischen 3 und 4 Millionen kWh elektrische Energie kostenfrei beziehen konnte.

Interessant ist der Vergleich der Kanalbaukosten. War Ballys 1,2 km langer Fabrikkanal von 1868/69 noch für 60 000 Franken zu haben, kostete der Bau des 6 km langen Kraftwerkkanals von Winznau bis Niedergösgen von 1916 bis 1917 30 Millionen Franken.

Wehmut nach der brodelnden Flut

Die Inbetriebnahme des Gösger Kraftwerks bedeutet für den Bally-Park in doppelter Weise eine Zäsur. Der Kanal, der bislang stets in Bewegung war und dem Park eine dynamische Anmutung gegeben haben dürfte, wurde zum stillen Weiher. Auf der anderen Parkseite verlor die Aare ihre uralte Mächtigkeit. Nur noch das Restwasser des Kraftwerks Niedergösgen floss hinunter, in trockenen Zeiten wirkt ihr Bett heute wie ein See.

Diese Veränderung löste schon 1923 beim Schönenwerder Bezirkslehrer und Historiker Alexander Furrer Wehmut aus. In seinen «Dorfbildern aus dem alten und neuen Schönenwerd» schrieb er: «Auch das Stauwehr am oberen Ende des Parks, an dem man so gerne verweilte und träumend hineinblickte in die brodelnde, gischtende, brausende Wellenflut, kann seit der Errichtung des grossen Kanalwerks nur noch zeitweise, bei Hochwasser, sich in alter Schönheit zeigen.»

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