Verkehrserziehung
Brachiale Schockbilder als Verkehrserziehung von der britischen Polizei

SMS-Schreiben am Steuer kann tödlich enden - doch viele Autofahrer ignorieren die Gefahr. Die britische Polizei warnt deshalb mit einem drastischen Unfallvideo vorm Handytippen. Der Schock-Clip wird millionenfach im Web angeklickt.

Drucken
Teilen
Schockbilder

Schockbilder

a-z.ch News

"COW", zu deutsch Kuh, heißt der 30-Minuten-Film, den die walisische Polizei der englischen Grafschaft Gwent in Kooperation mit professionellen TV-Machern und örtlichen Schulen produzieren liess und bald auf die Reise schicken will: Dann soll das Verkehrserziehungswerk in Schulen die Runde machen. Klingt nach "Siebter Sinn", verdunkeltem Klassenraum, gepflegter Langeweile und abnehmender Aufmerksamkeitskurve, doch das täuscht. Weit wahrscheinlicher ist, dass die Kids schon jetzt gespannt auf den Film warten, ihm regelrecht entgegenzittern. Denn mehrere Millionen haben sich den Trailer zum Schulfilm in den vergangenen Tagen schon freiwillig angetan.

Nichts für zarte Gemüter
So kann man das in diesem Fall nennen, denn COW ist nichts für zarte Gemüter. Der Vier-Minuten-Trailer, der gegenwärtig zu den beliebtesten Videos bei YouTube zählt, hat cineastische Qualitäten, ist gut gespielt, verfügt über erstklassige Effekte - und beschreibt aus schmerzhafter Nähe, wie eine Alltagssituation im Strassenverkehr abkippt zu einer Katastrophe, die vier Menschen das Leben kostet. Schuld daran ist die Titelfigur COW - die Kuh, die dumm genug ist, am Steuer zu sitzen und SMS zu tippen: Cassie COWan heisst das nette Mädchen im Film, das fahrlässig zur Täterin wird und dessen Name hier symbolträchtig und plakativ zum Stigma für SMS-Tipper am Steuer verkürzt wird.

Solche aberwitzigen Unfälle wie in dem COW-Film sind gar nicht selten. In der angelsächsischen Welt läuft seit Monaten eine Kampagne gegen die Text-Tipperei am Steuer. Hierzulande mag das skurril erscheinen, aber Aufklärung der Öffentlichkeit scheint noch immer nötig: In den USA ist die Diskussion darüber, ob SMS-Schreiben am Steuer verboten werden soll oder nicht, längst noch nicht gelaufen. Nur 17 Bundesstaaten haben die SMS am Steuer bisher verboten, in zehn weiteren sind teils noch immer umstrittene Gesetze auf dem Weg, im Rest der USA ist der Handy-Einsatz beim Autofahren noch gar kein Thema.

Die Durchsetzung fällt schwer

Wo es noch nicht verboten ist, gibt es tatsächlich Stimmen, die sich die Einmischung in die potentiell tödliche Kommunikationsfreiheit verbieten. Wo, wie auch in Grossbritannien, Verbote bestehen, sind diese zum Teil schwer durchzusetzen. Eine von der Versicherungsfirma Nationwide Insurance in Auftrag gegebene US-Studie aus diesem Jahr ergab, dass 37 Prozent der Fahrer bis 27 Jahre auch während der Fahrt "simsen". Je jünger die Fahrer sind, desto höher fällt diese Quote aus: Bei den Fahranfängern in den ersten zwei Praxisjahren sollen es 46 Prozent sein.

Und das, obwohl SMS-Unfälle - auch aufgrund gestiegener Aufmerksamkeit für das Thema - immer häufiger Schlagzeilen machen. Der krasseste Fall, den die USA in diesem Jahr erlebten: Ein Zugunglück am 8. Mai 2009, bei dem 62 Personen verletzt wurden. Der Lokführer war in dem Augenblick, als sein Zug auf einen stehenden Wagon auffuhr, gerade damit beschäftigt, seiner Freundin eine Nachricht zu simsen.

(Frank Patalong/ Der Spiegel/cls)

Aktuelle Nachrichten