Mit der Maus ins Biedermeier-Städtchen

Der virtuelle Stadtspaziergang um und durch das Solothurn von 1830 erhält weitere Konturen: Nächsten Dienstag wird das stark verbesserte, digitale Stadtmodell im Museum Blumenstein präsentiert. Die Arbeiten daran werden jedoch fortgesetzt und ermöglichen im Endzustand einen tiefen Einblick in die Einwohnerstruktur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

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Mit der Maus ins Biedermeier-Städtchen

Mit der Maus ins Biedermeier-Städtchen

Solothurner Zeitung

Wolfgang Wagmann

Auch mit der speziellen Grafikkarte und dem schnellen Gamer-Computer von Blumenstein-Konservator Erich Weber dauert es etwas, bis aus weissen Gebäudeflächen strukturierte Fassaden werden. Doch Stück für Stück taucht das alte Solothurn auf dem Bildschirm auf: Tiefe Gräben, dahinter mächtige Schanzenmauern, gekrönt von damals noch drei Muttitürmen. «Verbessert wurde das Geländemodell, die Bastionsmauern erhielten eine Textur, und die Konstruktion der Brücken und der Schützengräben auf dem Glacis ist jetzt dargestellt», zählt Weber die Hauptbestandteile der neuen Version auf. «Sogar durch die damalige Innenstadt mit Hausfassaden ohne Schaufenster kann man navigieren», beweist er mit sanfter Maus-Fahrt.

«Bis jetzt war alles gratis»

Aufgepeppt hat das digitale Stadtmodell, basierend auf dem bekannten Kartonmodell von 1920, Jonas Schmid im Rahmen seines Masters am Geografischen Institut der Uni Bern. Er wird am Dienstag ebenso im Museum Blumenstein auftreten wie seine beiden Betreuer Michael Baumgartner von der MFB Geo Consulting Messen und Stephan Nebiker, Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz. «Bis jetzt war alles gratis, da das Ganze als Ausbildungsprojekt gilt», freut sich Erich Weber. Weitere Ausbauschritte könnten aber Geld kosten.

Wer wo gewohnt hat

Begonnen wurde bereits mit dem wohl interessantesten Vorhaben: dem Unterlegen von ersten historischen Daten, basierend auf der Volkszählung von 1850, die der Solothurner Kantonsschullehrer Christoph Eckert im Rahmen seiner Lizenziatsarbeit digitalisiert hatte. So lässt sich erfahren, wer wo wohnte und welche Funktion die Häuser hatten. Damals zählte die Stadt Solothurn 5370 Einwohnerinnen und Einwohner, gut einen Drittel von heute. Darunter sind fein säuberlich auch die 33 Kettensträflinge im «Prison» erfasst, genau so wie die sonstigen Strafgefangenen, darunter auch Frauen, die im Arbeitshaus schuften mussten. Alte Berufe wie der Perückenmacher finden sich da, «und deshalb möchten wir eine Benutzeroberfläche entwickeln, die über die Abfrage heutiger, moderner Berufsgruppen eine gezielte Suche erlauben», erklärt Erich Weber.

Daten der Volkszählung von 1837 und des Grundbuchs von 1828 sollen in der dritten Phase des Projekts ebenfalls einfliessen, «Letzteres ist spannend, weil darin auch die seinerzeitigen Liegenschaftswerte enthalten sind». Die Daten seien für den Historiker aber auch interessant, weil «sie zeitlich sehr nahe am Modell des Stadtbilds um 1830 sind», betont Weber, der bei der Datenerfassung aufs Staatsarchiv und die Hilfe von Historikern, die Zivildienst leisten, zurückgreifen will.

Zu viel für den «Globus»

Ein wichtiges Ziel aber bleibt – und da sind wieder Stephan Nebiker und die Fachhochschule gefragt – die Erstellung einer benutzerfreundlichen Programmumgebung, mit der das Stadtmodell aufgerufen und die hinterlegten Daten abgefragt werden kann. Nötig ist dies auch, weil die aufgepeppte Version von «Solothurn 1830» sich im Moment nur schwer auf den Bildschirm zaubern lässt – «die Datenmenge ist einfach zu riesig für die Weltkugel von Google Earth», seufzt Erich Weber angesichts weisser Schanzenmauern, die erst nach und nach Mauerritzen erhalten.

25. Mai, 19.30 Uhr, Museum Blumenstein. www.museumblumenstein.ch (downloads)

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