Vom ersten Montagmorgen bis zum Abfahrtstag am Samstag eröffnete Pfarrer Wilhelm jeweils mit einem virtuos gespielten Klavierstück von Josef Haydn den Tag. Danach begleitete er die Gruppe zu einem Lied. In kurzen Textabschnitten und mit zum Teil humorvollen und tiefsinnigen Erläuterungen machte er die Teilnehmer mit der Geschichte aus dem Alten Testament vom Propheten Jona bekannt. Einige wenige Leute wissen, dass er in einem Walfischbauch gesessen und irgendwie überlebt hatte. Aber abgesehen davon ist die Geschichte ziemlich unbekannt. Ihre Aussage aber gibt sehr zu denken.
Barmherzigkeit steht über Gerechtigkeit
Es wird erzählt, dass Jona von Gott den Auftrag erhielt, die Bewohner der grossen assyrischen Stadt Ninive, die grössten Feinde der Israeliten, darauf hinzuweisen, dass sie in 40 Tagen von Ihm vernichtet werden würden und noch die Gelegenheit benützen sollten, Busse zu tun, um ihre Seelen zu retten. Aber Jona floh vor dieser unangenehmen und gefährlichen Aufgabe und begab sich auf ein Handelsschiff, um vor seinem Gott weit weg nach Tarsis zu fliehen. Da sandte Gott einen fürchterlichen Sturm, vor dem es keine andere Rettung gab, als dass die Matrosen Jona ins Meer warfen. Er ertrank nicht, sondern wurde vom berühmten Fisch geschluckt, in dessen Bauch Jona reuig wurde und 3 Tage lang betete. Er bekam nochmals eine Chance, seinen Auftrag zu erfüllen und wurde vom Fisch am Strand von Ninive ans Land gespuckt.
Einsam zog er durch die grosse Stadt und verkündete brav die Botschaft. Die meisten Leute und sogar der König nahmen sie ernst und taten reuig Busse. Nach erledigter Pflicht begab sich Jona ausserhalb der Stadt auf einen Hügel, um dem Schauspiel des Unterganges der verhassten Feinde zuzusehen. Gott musste Humor haben. Weil er Jonas kleinliche Gesinnung durchschaute, liess er über Jona zunächst einen Schattenbaum wachsen, der aber, als sich Jona darüber freute, gleich wieder verdorrte. Da auch das Schauspiel der, seiner Meinung nach, gerechten Vernichtung der Stadt ausblieb, zürnte Jona mit Gott. Dieser aber hatte Erbarmen mit der schönen Stadt und den Menschen, „die ja nicht wissen, was rechts und links ist" und den vielen unschuldigen Tieren gehabt. Was aus dem wütenden Jona geworden ist, lässt die Geschichte offen. Nur so viel: Leben
nicht auch unter uns derart „brave" Jonasse und kann Barmherzigkeit nicht grösser als unsere menschliche Vorstellung von Gerechtigkeit sein?
Exkursionen in unbekannte Gebiete
Der Seniorengruppe, die verschiedene körperliche Mobilitätsmöglichkeiten aufwies, stand an den Nachmittagen ein eigener, versierter Postautochauffeur mit Fahrzeug zur Verfügung, der sie über schmalste Bergsträsslein, vorbei an schwindelerregenden Abgründen an die schönsten Orte des Surselvagebietesbrachte. Wer in der Lage war, konnte in luftigen Höhen kleine Rundwanderungen machen, die anderen liessen es sich in der Bergwirtschaft wohl sein.
Auch kulinarisch gab es beim Nachtessen immer wieder Neues zu entdecken, wie z B. die diversen BündnerspezialitätenMaluns, Capuns und Pizzocels und noch vieles mehr.
Zum geistigen Höhepunkt des Tages machte uns Pfarrer Wilhelm mit dem deutschen Dichter Johann Peter Hebel bekannt, den heutzutage leider kaum mehr jemand kennt. Seine Geschichten haben auf oft sehr humorvolle Art einen tiefen Sinn, der auch heute noch Bedeutung hat. Sogar Goethe bezeichnete Hebel als den besten Geschichtenschreiber seiner Zeit. So wurde jeder Abend zum eigentlichen Literaturabend, der schliesslich mit einem gemeinsam gesungenen Lied mit Pfarrer Wilhelms virtuoser Klavierbegleitung ausklang.
Am Samstagmorgen hatte die Gesellschaft noch Gelegenheit, sich nach dem reichhaltigen Frühstücksbuffet mit frischen Bündner Backspezialitäten für die Daheimgebliebenen einzudecken. Mit dem Car ging es dann vorbei am Walensee, Zugersee, Ägerisee, wo es Mittagessen gab, Hallwilersee, heimwärts an die verschiedenen Einsteigorte. Die beiden Organisatoren Pfarrer Wilhelm und Irma Menzi haben den allseits ausgesprochenen herzlichen Dank für die unvergessliche Ferienwoche verdient. (shä)