Erlinsbach SO

Lesung in der Galerie am Bach Erlinsbach

megaphoneaus Erlinsbach SOErlinsbach SO

Die Ärztin, Malerin und Dichterin Harriet Keller-Wossidlo, geboren in Hamburg, lebt und arbeitet seit 1984 in Aarau und las im Rahmen der Weihnachtsausstellung in der Galerie am Bach an einer Matinée mit Brunch aus ihrem neuen Bildband vor.

Die Galerie am Bach sprang fast aus allen Fugen, so zahlreich drängte sich das interessierte Publikum zur Lesung in die gemütlichen Räume zu Kaffee und Gipfeli.
An runden Tischen sitzend, genoss man die Lesung von der Malerin und Dichterin Harriet Keller- Wossidlo, die am 1. Juli 2008 ihren Artzberuf an den Nagel hing und nach langen Jahren intensiver Arbeit in Pension ging, um sich ganz ihrer Malerei und ihrer Dichtkunst zu widmen. Sie begann mit dem Text „ Das Zirkuspferdchen" in der Ichform. Dieser Text ist für sie zugleich der Schlüssel zu ihrer ganz persönlichen Biografie. In bewegenden Wortbildern schilderte sie die Befindlichkeit eines Zirkuspferdchens, das wohl nach dem Zucker dürstet, den es hie und da erhält, sich aber in der Arena umgeben von vielen Menschen auch oft sehr einsam und verlassen vorkommt. Sein eigentliches Leben beginnt erst: „Wenn die bunten Lichter ausgehen / Fühle ich mich im Dämmerlicht sehr wohl/ Bis dann wieder die Peitsche knallt /Das erschreckt mich immer so sehr/ Aber alle finden das so lustig/ Beifall gibt es aber nur /Wenn ich mir fast den Hals breche," usw.
Hintergründig ist diese Aussage, wenn man sie mit dem Leben der Dichterin verknüpft, mit dem Leben auch allgemein, denn „Die Schau muss ja weitergehen"!
In einem weiteren Text mit dem Titel „ Im Verborgenen" erzählt sie von den zarten, kleinen Dingen, die man kaum beachtet, die man vernichtet, wenn man ihnen in der Natur begegnet, weil man nicht erkennt, dass auch die unscheinbaren Dinge ein Recht auf Leben haben.
Eindrucksvoll war der Text „Die Knebelung der Ameisen" oder das Chaos der Rosenblätter. Rätselhaft , die Parallele, die Harriet Keller-Wossidlo zwischen der geknebelten Ameise und den Rosenblättern zog. Viellleicht müsste man bedenken, dass Verknebelung nicht nur im körperlichen Sinne vor sich geht, sondern auch im geistigen. Wie viele Meinungen und Denkweisen werden doch schlichtweg geknebelt, mundtot gemacht, Beispiele gäbe es genug. Und doch bleibt ein Stück Schönheit stehen, und ist es auch nur die Schönheit der Rosen, der Rosenblätter. Man könnte diesen Worten weiter nachsinnen, und fände doch keine Antwort, oder vielleicht auch mehrere!

Viel Poesie entdeckte man im Text „Schmetterlinge", geprägt von Wortbildern, die in die unterschiedlichsten Farbtöne eintauchten Die Schönheit des Schmetterlings, auf Vergänglichkeit, auf den Tod ausgerichtet, und doch von faszinierender Kraft. Berührend auch das „Möven Märchen", das die Geschichte einer wunderschönen weissen Möve erzählt, die der Mensch nicht berühren durfte, der man aber trotzdem das Junge wegnahm und deren Schreie man nicht verstand, weil der Mensch zum Schmuck die Federn haben wollte.
Die Möve rächte sich, raubte dem Menschen sein Neugeborenes, doch sie verstand die schreienden Laute des Kindes, und brachte es wieder zur Mutter zurück. Die Moral der Geschichte" Hörst du den Ruf einer Möve: Vergiss das Menschenunrecht nicht!"
Eindrücklich, in zum Teil expressiv wirkender Sprache, eigentlich so wie die Malerin auch malt, der Text „Ein totes Tier", das im Maisfeld liegt, entstand aufgrund eines eigen Erlebnisses. Aber interessant waren auch die Texte am Schluss der Lesung, die mit den Menschen zu tun haben. „Am Fluss", in dem erzählt wird, wie eine junge Frau sich im Wasser das Leben nahm. Das Wasser fliessend, lockend und doch dunkel verhangen. Leben wird lautlos verschlungen: „Weiter fliesst dieser Fluss voller ruhiger Stromschnellen/ Voller wirbelnder Stromschnellen-mit dem Wissen von jenem Tag."

Interessant und wohltuend ist, dass die Inhalte nicht ausformuliert werden, dass die Dichterin vieles offen lässt, von einem Bild in das andere wechselt, mit Farben spielt, mit Licht und Dunkel, so dass trotz Traurigkeit Hoffnung besteht. Zarte Bilder wechseln über in expressivere. Es haftet den Texten nichts Süssliches an, sondern es geht um selbst erlebte, tief empfundene Ereignisse, die sich angesammelt haben und nach aussen drängen, vielleicht auch in der Absicht, aufzuzeigen, dass solche Gedanken nicht nur mit dem Leben der Dichterin zu tun haben, sondern auch mit unserem, und dass das Leben nicht alle Geheimnisse preisgeben muss, damit es sich auch lohnt, immer wieder neu darüber nachzudenken. Es war dies eine bereichernde Lesung, die das Publikum sehr genoss.
Der Bildband ist im Hermann AG Verlag erschienen 3550 Langnau i.E.


Madeleine Schüpfer

Meistgesehen

Artboard 1