Solothurn

Gospelklänge hinter Gefängnismauern

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Es dunkelt bereits ein und es liegt ein dicker Nebel auf den Gebäuden der Justizvollzugsanstalt Solothurn. 20 Musikerinnen und Musiker versammeln sich vor dem grossen Haupttor und warten, dass ihnen geöffnet wird. Unter ihnen sind die beiden Ausnahmetalente RAII & Whitney aus New York, Sängerinnen und Sänger sowie Musiker und Techniker des Gospel Experience Chors. Sie alle werden die Insassen der JVA heute Abend mit einem Gospelkonzert beschenken. Ein Mitarbeiter Sicherheit erscheint und das erste Tor wird geöffnet. RAII legt liebevoll seinen Arm um seine Frau und gemeinsam begeben sich alle zur Anmeldung. Nachdem alle Wertsachen, Schlüssel und Natel deponiert haben, öffnet sich ein zweites und drittes Tor und die Gruppe befindet sich im Hof der Gefängnisanlage. Johanna Hooijsma und ihr Team der ökumenischen Gefängnis Seelsorge stossen zur Gruppe dazu und gemeinsam gehen sie in die Turnhalle. Die Musiker beginnen sofort mit dem Aufbau der Instrumente, die Licht- und Tonanlage wird installiert und der Soundcheck beginnt. Kaum angefangen stossen auch schon die ersten Insassen dazu. Pünktlich kann das erste Konzert für die Insassen des Massnahmenvollzugs beginnen. Sie alle verbüssen eine Strafe auf unbestimmte Zeit. Ihr Strafmass ist nicht im Vornherein festgelegt sondern wird immer wieder neu beurteilt und überprüft. So verbringt manch einer nur wenige Jahre hinter Gitter, andere bleiben ihr Leben lang. Einige haben jeglichen Kontakt nach Aussen verloren und sehnen sich nach Beziehungen und Freundschaften, insbesondere in der Adventszeit.

Das Konzert beginnt mit dem Song „lean on me, when you are not strong...“. „Passend“, findet Johanna Hooijsma in ihrer Begrüssungsrede, „wir alle brauchen jemanden, der zu uns hält. Denn die Adventszeit bedeutet nicht nur dass alles hell und schön ist, Advent bedeutet auch warten, dass etwas passiert, was Bedeutung hat.“ Das Publikum lacht etwas verlegen, sie alle wissen bestens, was es heisst, zu warten. Die Gefängnis-Seelsorgerin fährt weiter und erklärt, dass dieses Konzert auf Wunsch eines Insassen zustande gekommen ist. Er sprach mit ihr darüber, dass es in der Region einen Chor gibt, der die Menschen beschenken möchte. Und dass dieser Chor bereit wäre, auch die Menschen der JVA zu beschenken. Und so wurde das Unmöglich möglich. Denn eigentlich dürfen nicht so viele Besucher auf einmal rein. Charles Jakober, Direktor der JVA erzählt, dass es wohl immer mal wieder kleinere Konzerte gäbe, er aber von der Professionalität des heutigen Abends beindruckt sei. Das Konzert geht weiter und insbesondere RAII & Whitney beeindrucken mit ihrem Gesangstalent aber auch mit ihrer bescheidenen Persönlichkeit. Sie hätten allen Grund, Starallüren zu haben, denn sie haben schon mit grossen Stars die Bühnen geteilt wie Emeli Sandé, Estelle, Wiz Khalifa und vielen weiteren. Wenn sie nicht in eigener Sache unterwegs sind, touren sie aktuell als Backgroundsänger von Alicia Keys um die Welt. In der Hälfte des Konzerts betritt Phil Sternbauer, Pastor der Freikirche ICF Mittelland, die Bühne und erklärt den Anwesenden, dass es bei ihren Konzerten immer um ein Thema ginge. Und passenderweise handelt es sich dieses Jahr um „Freiheit“. Die Gospellieder wurden in der Zeit der Sklaverei von der afroamerikanischen Bevölkerung in Amerika geschrieben. Sie sind ein Schrei zum Himmel um Freiheit. Und so manch ein Lied enthält auch versteckte Botschaften: „Down to the river to pray“ beispielsweise bedeutete in der damaligen Zeit, dass man zum Fluss runter laufen solle, um zu fliehen, denn dort verloren die Spürhunde ihre Fährte. Die Insassen im Publikum amüsieren sich und hören mit grossem Interesse zu, was Phil Sternbauer über Freiheit erzählt und dass es sich dabei nicht nur um eine physische Freiheit handle sondern man auch in seinem Herzen frei werden könne. „Ein solcher Abend tut den Insassen sehr gut“, erzählt mir Daniel Eberhard, Vollzugsleiter Systemführung. Und auch Charles Jakober bekräftigt „sie alle wünschen sich eigentlich ein bürgerliches Leben. Wenn ich die Insassen nach ihren Träumen frage, heisst es meistens ‚ein Job, ein Haus, eine Frau und Kinder. Ein Konzert besuchen zu können, ist ein Stück Normalität“. Das Konzert geht weiter mit bekannten und weniger bekannten Songs. Spätestens „Oh happy day“ kennen alle und singen kräftig mit. Gefängnisseelsorger Jürg Kägi macht den Abschluss und fragt rhetorisch, „wenn dieser 7-köpfige Chor schon so gut tönt, wie muss wohl der 150-köpfige Chor der eigentlichen Gospel Experience Konzerte tönen?“. Nach einer Stunde ist das Konzert zu Ende, die Männer bedanken sich herzlich und verschwinden in ihren Zellen.

Nach einer kurzen Pause erscheinen bereits die Insassen des Strafvollzugs in der improvisierten Konzerthalle. Das Gesetz schreibt vor, dass man den Massnahmen- und den Strafvollzug nicht zusammenbringen darf und so wird es heute Abend zwei Konzerte geben. Und auch dieses Konzert begeistert. Insgesamt kommen rund 60 der 96 Insassen zu den Konzerten.

Die Konzerte in der Justizvollzugsanstalt Solothurn waren der Auftakt der Gospel Experience, welche diesen Freitagabend in der Mehrzweckhalle Zofingen startet und bis am Sonntagnachmittag die Menschen aus dem Mittelland mit Gospelklängen beschenken wird. Tickets für die Konzerte gibt es unter Ticketino.ch und an allen Poststellen mit Ticketverkauf.

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