Fastnacht hat in Solothurn nachweislich schon seit dem 15. Jahrhundert Tradition. In der fünften Jahreszeit taufen die Solothurner ihre Kantonshauptstadt närrisch „Honolulu“. Ab dem 13. Jänner – mit dem „Hilari“-Tag beginnend – gilt bis zum Aschermittwoch am 14. Februar ein heiterer Ausnahmezustand. Die Suche nach dem passenden Kostüm ist schon lange beendet. Sind Outfit, Maske oder Perücke besorgt sowie passendes Schuhwerk für die kalten Tage erst einmal angezogen, kann es endlich losgehen. Das Motto der diesjährigen Fastnacht lautet „Rund um“ – ein Motto, das zu Narrenglück und Weltoffenheit einlädt und dabei weniger gesellschaftskritische Töne von sich gibt wie beispielsweise noch die Parole „ungerobsi“ im Jahr 2015. Ein Leitspruch, der damals symbolhaft für das Gefühl vieler Eidgenossen stand, die Welt stünde auf dem Kopf. Der Name des Mottos sollte damals kritisch an das allgemeine Weltgeschehen erinnern. Es war wie, als wenn im Rahmen der Chesslete alle Hörner, Kuhglocken und Rätschen nicht nur den Winter sondern auch alles Übel der Welt ausgeläutet hätten. Dieses Jahr ist es wohl anders. Und das „Sorgenbarometer“ der Credit Suisse pflichtet bei: Innerhalb der letzten 3 Jahre, seit den Fastnachtstagen in 2015, haben die gängigen Sorgen der Schweizer an ihrer einstigen Intensität verloren. Doch was besorgt eigentlich die typischen Schweizer?

Typische Sorgen der Eidgenossen: Was beschäftigt Sie eigentlich am meisten? Die Bedrohung durch Arbeitslosigkeit oder die Frage nach einer nachhaltigen Altersvorsorge? Falls Sie beides bejahen, dann liegen Sie laut „Sorgenbarometer“ der schweizerischen Grossbank Credit Suisse damit total im Trend. Im Vergleich zu den Umfragen vergangener Jahre wird deutlich: Auf den ersten Plätzen tummeln sich stets, seit der ersten jährlichen Bevölkerungsbefragung im Jahr 1976, dieselben Problembereiche (Grafik zur Entwicklung schweizerischer Sorgenthemen): Der ökonomische Wohlstand der Gesellschaft im Zuge der Euro-Krise, das Bedürfnis nach nachhaltiger finanzieller Sicherheit und die Frage nach dem richtigen Verhalten in der Europa- bzw. Migrationspolitik. Einte früher viele Schweizer noch diese Hauptsorgen, so sind diese heutzutage jedoch viel breiter gestreut. Obwohl das Thema „Ausländer und Flüchtlinge“ vor dem Hintergrund einer Angst vor zunehmender Überfremdung in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren hat, bleibt doch eine Ausgangsfrage ungeklärt: Was macht eigentlich die schweizerische Identität aus?

Das schweizerische Lebensgefühl: An sich müssten schweizerische Eidgenossen doch Grund zum Feiern haben. Schließlich hat die Schweiz eine Arbeitslosenquote, welche fast jedes andere europäische Land in den Schatten stellt. Außerdem wird die Alpenrepublik von ausländischen Beobachtern als sauber, sicher und vorbildlich strukturiert beschrieben. Des Weiteren zählen die Eidgenossen laut OECD-Statistik zu den weltweit zufriedensten Bevölkerungen. Doch woher kommen dann die vielerorts zu vernehmenden Ressentiments gegenüber der Zukunft und insbesondere gegenüber wie auch immer gearteten fremdartigen Einflüssen? Im Jahre 2009 stimmten etwa 57 Prozent der Schweizer mit „Ja“ zum Minarettverbot. So demokratisch legitim diese Entscheidung auch war, sie basiert auf einem Lebensgefühl, das als schweizerische Lust zur Isolation – und nicht zur Neutralität – bezeichnet werden kann und anderen Ländern zu denken gibt. Die Kehrseite der Medaille ist: In der Schweiz gelingt die Integration und es gibt keine Banlieues wie beispielsweise in europäischen Großstädten. Haben die Schweizer einfach Angst, ihr typisch schweizerisches Lebensgefühl zu verlieren?

Sprache und Traditionen als Bindeglied: Was macht einen „guten“ Schweizer aus? Ist es ihre Gelassenheit in vielen Situationen des Alltags, ihr unforsches Auftreten oder ihre Vorliebe fürs Wandern? In der Umfrage „Point de Suisse“ wird ein „Stimmungsbarometer“ von den Schweizern erstellt. Die Befragten gaben dabei an, dass man durchaus ein „guter“ Schweizer sein könne, auch wenn man beispielsweise nicht gerne wandern geht oder kein Frühaufsteher ist. Allerdings sieht mit 81 Prozent die überwältigende Mehrheit der Eidgenossen die Beherrschung der Landessprachen als Grundvoraussetzung jedes „guten“ Schweizers. Für die deutschsprachigen Schweizer heißt das: Erst die völlige Beherrschung des „Schwyzerdütschen“ schafft echte Integration. Das liegt daran, dass eine gemeinsame Sprache maßgeblich für die Identitätsbildung jeder Nation relevant ist. Daher lässt sich auch leicht erklären, warum viele deutschsprachige Schweizer hochdeutsch sprechenden Besuchern tendenziell ablehnend begegnen. Wenngleich sich an dieser Wichtigkeit von Sprache nichts ändern lässt, so haben doch schweizerische Bräuche und Traditionen ein ähnlich integratives Potential für fremdartige Einflüsse im Sinne einer einheitlichen Kollektividentität. Und wo lassen sich beispielsweise Migranten besser integrieren als inmitten des bunten Reigens der Solothurner Fastnachtsfreunde?

Die Identität eines jeden Landes wird maßgeblich durch dessen Sprache und dessen Traditionen konstituiert. Die Förderung der Volkskultur ist somit ein wichtiger Schritt, um den schweizerischen Zusammenhalt und die Integration von Ausländern zu stärken. So steht auch die Solothurner Fastnacht symbolhaft für ein spezifisches schweizerisches Selbstbild. Kommen Sie zu dieser närrischen Feierzeit doch einfach einmal mit 11 Fremden ins Gespräch! Das wäre ein guter Anfang. Es bleibt spannend, welche originellen Inszenierungen und Sujets uns am Fastnachtssonntag erwarten werden – und welche dominanten gesellschaftlichen Themen diesmal aufs Korn genommen werden. Doch spätestens am Aschermittwoch hat der närrische Spuk schließlich ein Ende im Sinne von: „Bedenke Mensch, dass Du Staub bist“. Nun ist Zeit für Kontemplation und Reflexion. Keine Sorge: Die Planungen für die Solothurner Fastnacht in 2019 stehen schon in den Startlöchern.