Das World Economic Forum erklärt die Schweiz regelmässig für das wettbewerbsfähigste Land der Welt. Die OECD bestätigt ihr kaufkraftbereinigt ein hohes Lohnniveau, auch bei den tiefsten Einkommen. Die gleiche Organisation attestiert der Schweiz auch eine überdurchschnittlich niedrige Einkommensungleichheit. Das Verhältnis zwischen den obersten und den untersten 10 Prozent der Lohnempfänger ist im Vergleich mit den europäischen Staaten normal. Heute ist sie ungefähr so gross wie in den zwanziger, den sechziger oder zu Beginn der neunziger Jahre. Allzu schlecht scheint also die bestehende Wirtschaftsordnung samt Sozialstaat nicht zu funktionieren.

Löhne sind in einer Marktwirtschaft weder fair noch gerecht, schon gar nicht leistungsgerecht. Wer Zweifel hat, findet bei Marx ebenso wie bei Friedrich August von Hayek oder im 1:12-Buch der Initianten eine Bestätigung. Auch die Alltagserfahrung lehrt: Überall und in allen Lohnklassen gibt es Personen, die weniger leisten und trotzdem mehr verdienen als andere, Fussball- und Eishockeyspieler, Sportfunktionäre der FIFA, UEFA und des IOC inklusive. Natürlich ist ein Missverhältnis zwischen Leistung und Lohn bei siebenstelligen Monatssalären stossender als bei vierstelligen. Aber das Grundproblem bleibt: Ein Lohndeckel schafft keine Gerechtigkeit, sondern befriedigt allenfalls Neidgefühle. Vor allem aber schafft er Probleme. Dazu gehören eine verherende Schwächung des Wirtschaftsstandorts, noch mehr Bürokratie, Rekrutierungsprobleme, Motivationsprobleme, Auslagerungen von Arbeitsplätzen, Abwertung der Sozialpartnerschaft, Mindereinnahmen für den Fiskus und die Sozialversicherungen, Anpassung ganzer Lohnsysteme nach unten. Lassen wir uns von den Initianten nicht Sand in die Augen streuen. Die 1:12 Initiative gleicht einem gezielten Schuss in den Fuss!

Als hätte die Schweiz nicht schon genug Probleme mit dem schwachen Franken, mit dem EWS, dem Bankgeheimnis, mit der Pauschal- und Holdingsteuer, mit dem Tourismus und mit den Sorgen der Maschinenindustrie, leben die Erfinder von 1:12 entweder in einer Biosphäre oder sie blenden perfiderweise völlig aus, dass sich die Schweiz in einer globalisierten Welt in einem knallharten internationalen Wettbewerb befindet und dieses Umfeld keinen Spielraum für solche linken Ideologien erlaubt.

Es ist einzig und allein Sache der Eigentümer oder der Aktionäre eines Unternehmens, die Gehälter und Bezüge des Managements festzulegen. Denn es ist nicht das Geld des Staates, welches da verteilt wird!

Die Schweiz benötigt keine staatliche Umverteilungspolitik. Denn alle, die es wagen, durch besondere Leistungen, Originalität oder ein attraktives Sozialleben aufzufallen, kriegen eh sofort eins ausgewischt von der ur - schweizerischen Mentalität, deren Motto «Der-muss-gar-nicht-meinen» lautet. Dies sorgt dafür, dass diejenigen, die zu hoch hinaus wollen, schnell wieder auf ein eidgenössisches Mittelmass zurechtgestutzt werden. So herrscht hierzulande eine sehr effiziente Form des Egalitarismus. In vielen Schweizern schlummert irgendwie ein neidischer Sozialist, der sich aber meist hinter einer liberalen Maske verbirgt. Die Schweizer sind kein Volk ohne Neid, sondern ein Volk des diskreten Neids. Empörungsbewirtschaftung könnte man dieses Phänomen auch nennen.

 Ulrich Soltermann, Däniken