Strafgericht

Wer ist schuld? Bauarbeiter stürzte wegen fehlender Bodenbretter sechs Meter in die Tiefe

Die Hochschule Luzern und die SUVA testet mit Dummies, was passiert, wenn Bauarbeiter von gerüsten fallen.

Unfall Baustelle Gerüst

Die Hochschule Luzern und die SUVA testet mit Dummies, was passiert, wenn Bauarbeiter von gerüsten fallen.

Der schwere Unfall auf einer Baustelle in Aesch von 2014 hat ein Nachspiel im Strafgericht.

Der Unfall geschah vor fast sechs Jahren: Im August 2014 fiel auf einer Baustelle eines Bürogebäudes am Butthollenring in Aesch ein Temporärarbeiter fast sechs Meter in die Tiefe und verletzte sich dabei, insbesondere am Rücken, schwer. Er leidet noch heute an den Folgen der Wirbelkörperfrakturen und ist vollständig arbeitsunfähig.

Die Unfallursache war rasch klar: Es fehlten in der fünften Gerüstetage zwei Bodenkonsolen, der Mann fiel bis zur zweiten Gerüstetage durch und schlug dort auf die Bretter auf. Zwischen der zweiten und fünften Etage waren in der Woche zuvor die beiden je 30 Zentimeter breiten Bretter entfernt worden, um mit dem Kran die Fenster in die passende Position für den Einbau zu bringen. Eine Woche danach lagen die entfernten Bretter noch immer neben den Gerüsten.

Die Baselbieter Staatsanwaltschaft stellte im November 2016 ihre Untersuchungen ein: Der Verunfallte hätte auch als Laie die fehlenden Bretter sehen müssen und trage daher selbst die Verantwortung für den Unfall. Wohl auch aus Angst vor einer Rentenkürzung wollte sich der Verletzte das aber nicht bieten lassen und führte Beschwerde, anfangs 2017 gab ihm das Baselbieter Kantonsgericht recht und rüffelte die Staatsanwaltschaft: Bei einem Vorfall mit derart gravierenden Verletzungen hätten sie die Umstände genauer untersuchen und auch die Verantwortung der Vorgesetzten im Detail abklären müssen. Die Kantonsrichter kritisierten auch, dass man der Polizei die Ermittlungen überlassen habe, bei solchen Fällen müsste der Staatsanwalt selber die Untersuchung leiten.

Hätte der Vorgesetzte besser hinschauen sollen?

Inzwischen hat man einiges nachgeholt. Anfang 2019 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage und diese Woche müssen sich nun drei Männer im Strafgericht in Muttenz wegen fahrlässiger Körperverletzung sowie Gefährdung durch Verletzung der Regeln der Baukunde verantworten: der 38-jährige Vorgesetzte des Verunfallten bei der Metallbaufirma, der 57-jährige Chef der Fensterbaufirma und der 43-jährige Architekt und Bauleiter.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Vorgesetzten nun vor, seinen Mitarbeiter nicht genau genug instruiert zu haben, auch hätte er nachschauen müssen, dass das Gerüst sicher ist. Der Fensterbauer wiederum soll ohne Einwilligung des Bauleiters den Auftrag gegeben haben, die Konsolen zu entfernen, und es danach unterlassen haben, die Konsolen wieder anzubringen. Der Bauleiter hingegen hätte die Pflicht gehabt, das Gerüst täglich zu kontrollieren. Auch habe er kein taugliches Sicherheitskonzept erstellt, sodass alle Beteiligten über die Veränderungen am Gerüst informiert gewesen wären. Die Vorschriften stammen hauptsächlich aus der Verordnung über die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer bei Bauarbeiten sowie aus der Verordnung über die Verhütung von Unfällen, beide regeln zumindest in der Theorie die Sicherheitsbestimmungen auf Baustellen im Detail. Alle drei Angeklagten erschienen im Gericht mit ihren eigenen Verteidigern und waren in der Befragung sichtlich bemüht, die Schuld von sich zu weisen, ohne sich negativ über den Verletzten oder einen anderen Arbeitskollegen zu äussern. «Wer ist Ihrer Meinung nach verantwortlich für den Unfall?», fragte Gerichtspräsident Beat Schmidli die Männer. «Das kann ich nicht sagen. Aber mir wäre das nicht passiert», meinte der 57-Jährige. «Also ist er selber verantwortlich?», hakte Schmidli nach. «Das sage ich nicht. Ich sage nur, mir wäre das nicht passiert.»

Das Urteil folgt

Nach all den Jahren lässt sich offenbar kaum mehr klären, von wem der Auftrag kam, einzelne Bodenkonsolen zu entfernen. Auch der entsprechende Gerüstbauer liess sich nicht mehr auffinden. Klar ist aber, dass in der Woche zuvor nebst den geplanten Eckfenstern offenbar kurzfristig entschieden worden ist, auch gleich die Fenster über dem Haupteingang einzusetzen.
Den Angeklagten drohen bedingte Geldstrafen. Das Urteil fällt am Freitagnachmittag.

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