«Feuer und Flamme» 6

Tilmann Zahn und sein mit Reisstechnik entstandenes Bild

In seiner aktuellen Kreation namens «Ortung» hat Tilmann Zahn seine Gedanken während dem Lockdown verarbeitet.

In seiner aktuellen Kreation namens «Ortung» hat Tilmann Zahn seine Gedanken während dem Lockdown verarbeitet.

Der Oboist des Sinfonieorchester Basel hat in «Ortung» den Lockdown und die Coronakrise verarbeitet. Als Künstler faszinieren ihn skelettierte, halbskulpturale Formen.

«Manchmal wundert es die Leute, dass ich als Orchestermusiker nebenher einer weiteren künstlerischen Tätigkeit nachgehe. Sie fragen dann, wie ich zwei so ähnliche Felder unter einen Hut bekomme. Ich bin dann ehrlich und sage, dass ich mich als Orchestermusiker zu 80 Prozent als Handwerker und nur zu 20 Prozent als Künstler verstehe.

Ich will damit nicht die Leistung der Musiker schmälern, das ist zuweilen Spitzensport. Aber wir spielen im Orchester Vorlagen und kreieren nichts selber. Natürlich spielt unsere Persönlichkeit eine grosse Rolle, aber es ist etwas vollkommen anderes, als Künstler auf eigenen Beinen zu stehen.

Im Atelier habe ich genau das: Ich bin jeden Tag damit konfrontiert, ob es mir gelingt, das herauszubringen, was in mir drin ist. Eine meiner Haupttechniken besteht darin, dass ich Papier in sehr filigrane Strukturen reisse. So bleibt eine skelettierte, halbskulpturale Form übrig, die ich dann in einem speziellen Verfahren einfärbe.

Das ist eine arbeitsaufwendige Technik, die Arbeit ist sehr meditativ, man darf nicht ungeduldig sein. Aber genauso wie um das Endprodukt geht es mir um den Schaffungsprozess selbst – wenn ich im Atelier stehe, dann bin ich wirklich ganz bei mir.

Fünf bis sechs Monate Arbeit an einem Werk

Meine letzte Kreation namens «Ortung» hat 2,20 Meter Höhe und 4,30 Meter Breite. Ich kann nicht sagen, wie viele Stunden ich daran gearbeitet habe. Normalerweise würde ich an einem Werk dieser Grösse fünf bis sechs Monate arbeiten, nun hat es – Lockdown sei Dank - einen Monat gedauert.

Es ist dieses Bild, das ich aus meinem brennenden Haus retten würde. Aber nicht, weil es das wertvollste ist, sondern weil es die neueste Arbeit ist. Die meisten anderen Werke von mir sind sowieso nicht zuhause. Dieses ist nur nicht im Lager oder in einer Galerie, weil es noch am Trocknen ist.

Mein Interesse für Malerei im Allgemeinen und für die Stofflichkeit künstlerischer Arbeiten im Besonderen geht weit zurück. Schon als Zehnjähriger habe ich meine Eltern an Ausstellungen begleitet. Ich bin in den Siebzigerjahren in Düsseldorf aufgewachsen, wo Joseph Beuys aktiv war.

In seiner Kunst ist die Materialität ein starker Bedeutungsträger. Das hat mich sehr beeindruckt, auch wenn ich die geistigen Zusammenhänge seiner Kunst damals nicht verstanden habe. Auch bei Günther Ueckers Werken hat mich diese unmittelbare Aussage der Dinge, die Ausstrahlung eines Artefakts im Raum, regelrecht verzaubert.

Ich habe in meinem Zimmer stundenlang Bilder gemacht, immer so gross wie es der Abstand von Bett zu Schrank zuliess. Das war in jeder Hinsicht eine extrem reichhaltige Zeit, ich weiss rückblickend gar nicht, wie ich das alles neben der Schule geschafft habe. Wir hatten keinen Fernseher, und das spart schon unheimlich viel Zeit.­­

Tilmann Zahn

Seit dem Kindesalter beschäftigt er sich neben der Musik auch mit bildender Kunst.

Seit dem Kindesalter beschäftigt er sich neben der Musik auch mit bildender Kunst.

Bereits mit vier Jahren war ich zur Musik gekommen. Wie meine drei älteren Schwestern wurde ich in die musikalische Früherziehung geschickt, später hatte ich Klavier- und Blockflötenstunden, bis die Lehrerin merkte, dass ich ein Talent für Blasinstrumente habe.

Mit zwölf Jahren wechselte ich zur Oboe, nach dem Abitur kam ich für fünf Jahre zu Heinz Holliger nach Freiburg. Von da ging ich direkt zum Sinfonie­orchester Basel (SOB), wo ich bis heute spiele. Ich geniesse diesen Beruf, auch wegen der ständigen Herausforderung, weil das Niveau unseres Orchesters stetig steigt. Es sind viele grossartige junge Kollegen dazugestossen, mit denen man natürlich mithalten will.

Von der Arbeit vollkommen in Beschlag genommen

Wenn ich gefragt werde, ob ich mich in erster Linie als Oboist im SOB oder als Maler sehe, dann verstehe ich die Frage nicht. Das Leben ist so reichhaltig, warum soll man sich über diese Schubladen klein machen? Seit ich denken kann, mache ich Musik und Kunst, beides hat mich bis heute nicht losgelassen. Loslassen ist übrigens ein interessanter Aspekt im Entstehungsprozess meiner Kunstwerke: Ich würde «Ortung» zwar aus meinem brennenden Haus retten, aber wenn es verkauft wird, habe ich keine Mühe, mich davon zu trennen.

Eine Arbeit nimmt mich während ihrer Entstehung vollkommen in Beschlag, ich verarbeite darin meine Gefühlslage. So ist «Ortung» eine abstrahierte Parabolantenne, ein Symbol dafür, dass wir überall hinhorchen wollen: Weit ins All hinaus und gleichzeitig in den letzten Winkel jeder Privatsphäre. Das sind Themen, die mich besonders auch im Lockdown beschäftigt haben.

Doch im Moment, wo ein Werk fertig ist, fällt die Spannung rapide ab. Meine Bilder sind immer auch Erinnerungsprozesse, die eine Metamorphose erfahren. Aber ich lebe sehr stark im Moment und habe ansonsten für die Vergangenheit nicht viel Verwendung. Wenn wir an ihr festhalten, wird sie zu Nostalgie und Ballast.

Deshalb ist die jeweils neuste Arbeit die für mich wichtigste. Ich habe auch jetzt schon wieder so viele neue Ideen, dass ich gar nicht weiss, wann ich sie alle umsetzen soll. So war der Lockdown eine tolle Zeit für mich. Ich traue mich fast nicht, das zu sagen, aber aus künstlerischer Sicht wäre ich parat für die zweite Welle.»

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