CD-Taufe

«The Night Is Still Young»: Ertrinken auf offenem Meer

Marco Naef

Marco Naef

Marco Naefs neues Album kommt sehr stimmig daher und bietet gewohnt grossartige Gitarrenarbeit.

Die Gitarre jault wie ein Wolf, dann setzt ein ganzes Rudel ein. Die Hallspiralen scheppern, die schleppenden Trommeln verkünden Unheil, jemand pfeift eine einsame Melodie. Es ist schwer, bei diesem Soundtrack nicht an einen Spaghetti-Western zu denken. Doch wo bei Leone/Morricone nach solchen Klängen der Showdown einsetzt, geht es bei Marco Naef zumindest vordergründig ohne Knalleffekte weiter.

Der 34-jährige Aargauer, der anfangs Woche mit «She Wants Us To Leave» das dritte Werk seines Soloprojekts «The Night Is Still Young» vorgelegt hat, setzt auf melancholischen Pop mit New-Wave-Einschlag. Hatte Naef auf den ersten zwei Alben noch gerne zu epischen Breitwandkompositionen gegriffen, hält er sich nun strikt ans verdichtete Format. «Die Challenge habe ich mir selbst auferlegt», erklärt er den Richtungswechsel. Das Ziel seien Songs gewesen, die es «gegebenenfalls ins Radio schaffen können, aber einen kritischen Text beinhalten».

So überrascht es nicht, dass vier der elf Lieder bereits im vergangenen Jahr als Single erschienen sind. Textlich sticht das Titelstück heraus, in dem Naef die Menschheit als Geschwür bezeichnet, das der Erde zu schaffen macht. Es sei die Zeit gekommen, in der sie sich erholen könne, während die Menschheit zu weit aufs offene Meer gepaddelt sei und dort ertrinke. «Pack your plastic bags together/We are gonna leave soon» singt Naef kurz vor Schluss. Und allein schon, weil die zu packenden Taschen ausgerechnet aus Plastik sind, ist es eine Zeile, die trotz ihres kleinen Englisch-Stolperers (den Ausdruck «pack together» gibt es nicht) lange nachhallt.

Der angedrohte Showdown bleibt aus

Dass nach einem Hördurchgang von «She Wants Us To Leave» eher Sounds und Textfragmente hängenbleiben als Refrains und Hooks, kann man durchaus positiv bewerten. Denn das Album, bei dem Naef jeden Ton selber gesungen und gespielt hat, kommt sehr stimmig daher. Die vier Instrumentals fungieren als Bindeglieder zwischen den Songs und sorgen für klangliche Abwechslung. Gewohnt grossartig ist die Gitarrenarbeit von «The Night Is Still Young»: Ob mit bröckeligen Fuzz-Melodien oder in sphärische Echo-Effekte getränkt, dominiert das Instrument das Klangbild, ohne dass sich Naef je zu virtuosen Spielereien hinreissen liesse.

Auf dem gelungenen Album von «The Night Is Still Young» mag der angedrohte Showdown ausbleiben. Gut möglich aber, dass dieser heute Abend bei der CD-Taufe in der Kaserne oder in einem knappen Monat im Smuk über die Bühne geht.

«The Night Is Still Young»: «She Wants Us To Leave», Radicalis.

Live: Kaserne, Basel, Fr, 28. 2.; Smuk, Basel, Do, 26. 3.

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