Strafgericht
Neun Jahre Altersunterschied: Jugendgruppenleiter vergreift sich an 14-Jähriger

Ein heute 36-Jähriger musste sich wegen des Vorwurfs mehrfacher sexueller Handlungen mit einem Kind vor dem Basler Strafgericht verantworten. Seine Verteidigung plädierte auf Freispruch, die Staatsanwaltschaft sah die Schuld durch Tagebucheinträge bewiesen.

Silvana Schreier
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Das Basler Strafgericht verurteilt den Beschuldigten zu einer bedingten Geldstrafe.

Das Basler Strafgericht verurteilt den Beschuldigten zu einer bedingten Geldstrafe.

Kenneth Nars

«Has mega schön gfunde mit dir, au wenn illegal.» Diese SMS hat Laura Z. als 14-Jährige in ihr Tagebuch abgeschrieben. Absender war Tobias F., ein 23-jähriger Jugendgruppenleiter. Die beiden lernten sich im gemeinsamen Verein kennen. Im Frühsommer 2008 soll es zu mehreren sexuellen Kontakten gekommen sein, beschreibt Laura Z.

So sei sie an einem Tag mit Tobias F. zuerst in einem Freibad gewesen und anschliessend zu ihm gegangen. Er setzte sich aufs Bett, sie nahm auf seinem Schoss Platz. Nach mehreren Küssen fasste Tobias F. ihr in die Unterhose und schob zwei Finger in ihre Vagina. Laura Z. dachte, das gehöre dazu, sie liess es geschehen.

Vorfälle mit Tagebuch rekonstruiert

Nun, fast 13 Jahre später, trafen die beiden vor dem Basler Strafgericht aufeinander. Laura Z. stellte vergangenes Jahr Anzeige gegen Tobias F., der noch immer als Ausbilder in der Jugendgruppe tätig ist. Dem heute 36-Jährigen werden mehrfache sexuelle Handlungen mit Kindern vorgeworfen. Er bestreitet die Taten. «Ich bin mir keiner Schuld bewusst», sagt er vor Gericht.

Die Vorfälle haben sich gemäss Anklageschrift im Juni und Juli 2008 zugetragen. Aus Tagebucheinträgen von Laura Z. wird klar: Die 14-Jährige schwärmte für den Leiter ihrer Jugendgruppe und dieser erwiderte die Gefühle. Das ungleiche Paar traf sich mehrmals zu zweit, schaute Filme in der kleinen Wohnung des Beschuldigten. Dort soll es auch zu den sexuellen Handlungen gekommen sein.

«Die Grenzen waren eigentlich klar»

Tobias F. jedoch versichert dem Gericht, die Liebesbeziehung habe erst begonnen, als Laura Z. das 16. Lebensjahr erreicht hatte. So sei ihr 16. Geburtstag für sie eine Art Stichtag gewesen, an dem ihre Beziehung offiziell und öffentlich wurde. Er war eingeladen zum Gartenfest und übernachtete schliesslich bei Laura Z. «Dann hatten wir den ersten sexuellen Kontakt, wir hatten Sex», so der Angeklagte vor Gericht. Zuvor hätten sich die beiden höchstens mal umarmt oder sich zum Abschied kurz geküsst. «Die Grenzen waren eigentlich klar», sagt Tobias F., zu Zungenküssen etwa sei es vor ihrem 16. Geburtstag nie gekommen. Denn ihm sei klar gewesen, dass sich Laura Z. noch im Schutzalter befinde.

Die beiden führten schliesslich bis im Sommer 2012 eine Beziehung. «Wir waren glücklich», sagt Tobias F., während Laura Z. aussagt: «Es war immer ein sehr ungleiches Machtverhältnis.» Nachdem Tobias F. sich von ihr getrennt hatte, gab es nur noch spärlich Kontakt aufgrund der Jugendgruppe. Die Vorfälle gerieten in den Hintergrund.

Anzeige folgte erst zwölf Jahre später

Erst Ende 2018 kamen bei Laura Z. wieder Erinnerungen hoch. Diese besprach sie im Rahmen einer bereits laufenden Psychotherapie, bevor sie sich Anfang 2020 dazu entschloss, Tobias F. anzuzeigen. «Ich wollte sein Leben nicht zerstören, aber ich realisierte, dass ich sonst den Täter schütze», sagt Laura Z. heute.

Für Tobias F. hätte eine Verurteilung weitreichende Folgen: einerseits aufgrund seines Berufs im Gesundheitswesen, andererseits für seine Tätigkeit als Ausbilder von Jugendgruppenleiter. Ausserdem ist er gemäss eigenen Angaben mit seiner Ehefrau aufgrund der Vorwürfe in psychologischer und seelsorgerischer Behandlung.

Gericht urteilte nach vier Stunden Verhandlung

Die Staatsanwaltschaft fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von 16 Monaten mit zwei Jahren Bewährung. Die Verteidigung plädiert auf Freispruch.

Das Strafgericht fällte nach vier Stunden Verhandlung am späteren Nachmittag das Urteil. Es befand Tobias F. für schuldig und verurteilte ihn zu einer bedingten Geldstrafe von 210 Tagessätzen mit einer zweijährigen Probezeit. Die Vorsitzende sagt: «Die Verantwortung, dass keine sexuelle Handlungen passieren, lag bei Ihnen.» Diese habe er aber nicht wahrgenommen.