Strafgericht Basel-Stadt
Polizisten und Zeugin widersprechen sich: Wollte der Mann die Beamten töten?

Ein 30-Jähriger muss sich wegen mehrfacher versuchter vorsätzlicher Tötung vor dem Basler Strafgericht verantworten. Sein Verteidiger sieht den Vorwurf jedoch nicht gegeben: Ein Angriff auf die Polizisten habe nicht stattgefunden.

Silvana Schreier
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In jeder Hand ein Messer: Der Beschuldigte soll Ende Oktober 2020 beim Claraplatz auf zwei Polizisten losgestürmt sein.

In jeder Hand ein Messer: Der Beschuldigte soll Ende Oktober 2020 beim Claraplatz auf zwei Polizisten losgestürmt sein.

Symbolbild: Fotolia

Der 30-jährige Arlind C.* sitzt am Montagmorgen vor dem Strafgericht Basel-Stadt. Seine Hände verschwinden in der Bauchtasche des grauen Kapuzenpullovers. Er hat sich die Kapuze ins Gesicht gezogen. Zu den Vorwürfen will er keine Aussage machen und auch in der restlichen Befragung durch den vorsitzenden Richter gibt er sich wortkarg.

Ihm werden mehrfache versuchte vorsätzliche Tötung, Gewalt und Drohung gegen Beamte, mehrfache Beschimpfung und Widerhandlung gegen das Ausländergesetz vorgeworfen. Der erste Tatbestand wird eventuell als mehrfach versuchte schwere Körperverletzung gewertet.

«Er machte einen komischen, verstörten Eindruck»

Seit dem 27. Oktober 2020 befindet sich Arlind C. in Untersuchungshaft. An diesem Morgen begegnete er einer Augenzeugin vor dem Haupteingang der Migros Clara. «Er machte einen komischen, verstörten Eindruck. Ich schaute ihm nach und sah, dass er zwei Messer in der Hand hielt», berichtet sie vor Gericht. Zwei Polizisten seien von der anderen Strassenseite her zügig auf ihn zugelaufen und hätten ihn mehrfach aufgefordert, die Messer fallen zu lassen. Erst als der eine Polizist seine Waffe und der andere den Taser zückten, habe Arlind C. nachgegeben.

Als die beiden Beamten den verstörten Mann festnehmen wollten, wehrte sich dieser vehement. Die Augenzeugin beschreibt, der Beschuldigte habe wild um sich geschlagen. Es sei ein Gerangel gewesen. Zu ihrem eigenen Schutz habe sie sich schliesslich in das Gebäude der Migros begeben. Durch das Fenster habe sie lediglich noch gesehen, wie der Angeklagte auf dem Bauch auf dem Boden lag und mit Handschellen gefesselt war.

Zwei Mal musste der Beamte den Taser einsetzen

Die betroffenen Polizisten schildern den Vorfall anders: Arlind C. habe sich ihnen «raschen Schrittes» genähert. «In der Absicht, die beiden Polizisten mittels eines Überraschungsangriffs zu töten, stürmte dieser laut schreiend, in jeder Hand ein Küchenmesser haltend, auf die Beamten zu und machte, in einem Abstand von maximal zwei Metern zu ihnen, mindestens zwei waagrechte Stichbewegungen auf Bauchhöhe der Polizisten», heisst es in der Anklageschrift. Als der eine Beamte seinen Taser entsicherte, habe der Beschuldigte die Messer fallen gelassen.

Während der versuchten Festnahme soll Arlind C. mehrfach «Ich bringe euch um» geschrien haben. Schliesslich löste der Polizist seinen Taser aus. Erst beim zweiten Einsatz des sogenannten Destabilisierungsgeräts fiel der Beschuldigte zu Boden.

Beschuldigter braucht Hilfe im Alltag

Der gebürtige Serbe kam im Alter von 14 Jahren mit seiner Familie aus dem Kosovo in die Schweiz. Er lebt in einem Mehrfamilienhaus in Basel, seine Eltern wohnen in der Wohnung über ihm. Seinen Alltag kann Arlind C. kaum alleine bewältigen. Der Vater des Beschuldigten schildert vor Gericht, dass sein Sohn jeweils bei der Mutter Essen hole und diese auch für Ordnung in dessen Wohnung sorge.

Bei Arlind C. wurde vor einigen Jahren eine Schizophrenie diagnostiziert. Da er jedoch kein Bewusstsein für die Krankheit habe, so sein Verteidiger, müsse er sich die Medikamente jeweils in den Universitären Psychiatrischen Unikliniken Basel-Stadt (UPK) verabreichen lassen. Nicht selten vergesse er die Termine und die Polizei suche ihn auf.

Fünfeinhalb Jahre Haft gefordert

Für die Staatsanwältin ist klar:

«Der Angeklagte stürmte mit den Waffen auf die Polizisten zu. Wer so agiert, muss damit rechnen und nimmt in Kauf, sein Gegenüber zu töten.»

Zusätzlich habe Arlind C. bereits drei Vorstrafen, eine davon falle zwar noch unter das Jugendstrafrecht, doch auch dort habe er sich der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig gemacht. Eine leichte Intelligenzminderung und die schwere Verhaltensstörung würden sich strafmildernd auswirken. Die Staatsanwältin fordert dennoch eine Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren sowie den Landesverweis.

Der Verteidiger von Arlind C. hingegen plädiert im Hauptvorwurf der mehrfachen versuchten vorsätzlichen Tötung auf Freispruch. Die beiden befragten Augenzeugen hätten keine Stichbewegungen gegenüber den Beamten beobachtet, vielmehr seien die Polizisten auf den Beschuldigten zugelaufen. Ausserdem habe immer genügend Abstand zwischen den Beteiligten bestanden, weshalb der Versuch zur Tötung nicht erkennbar sei. Dennoch sagt auch er:

«Der Beschuldigte hat den Kampf gesucht, allerdings erst nachdem er die Messer fallen gelassen hatte.»

Darum sei er der Gewalt und Drohung gegen Beamte schuldig zu sprechen und zu einer Haftstrafe von sechs Monaten zu verurteilen.

Ein Landesverweis sei in diesem Fall jedoch nicht möglich, so der Verteidiger vor Gericht. Arlind C. benötige eine enge Betreuung durch die Familie, den Beistand sowie die UPK. Ansonsten riskiere man eine Verwahrlosung, da sein Mandant die nötigen Medikamente nicht einnehmen würde. Weiter sei das Verhältnis zu den im Kosovo lebenden Bekannten zu schlecht, um eine Betreuung zu garantieren.

Das Strafgericht wird das Urteil am Dienstagvormittag verkünden.

* Name von der Redaktion geändert.

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