Musik-Akademie Basel

Seit 100 Tagen leitet Thomas Waldner die Musikschulen der Musik-Akademie Basel – «Wir betreiben Breitenförderung»

«Jeder Mensch hat das Potenzial, Musik zu spielen»: Thomas Waldner.

«Jeder Mensch hat das Potenzial, Musik zu spielen»: Thomas Waldner.

Der studierte Schlagzeuger Thomas Waldner spricht über den Beruf des Musikers, «Begabung» und die in der Schweiz beliebtesten Instrumente.

Zur Begrüssung in seinem Büro an der Leonhardsstrasse führt uns Thomas Waldner den Javanischen Gong neben seinem Pult vor. «Dieser Klang ist ein Erlebnis», schwärmt der 55-Jährige über das Instrument, das ihn seit Jahren begleitet. Zuletzt stand es in der Musikschule Arlesheim, die er von 2009 bis 2019 leitete. Jetzt erklingt es an der Musik-Akademie, wo der Basler einst sein Schlagzeugstudium absolviert hat, und wo er seit Herbst als Leiter der Musikschulen amtet.

Sie sind nun 100 Tage im Amt. Was haben Sie gelernt?

Thomas Waldner: Die Grösse dieser Schulen mit rund 180 Lehrern und rund 3000 Schülern ist eine Herausforderung. Ich verbringe viel Zeit an Veranstaltungen, wo ich mit den Schülern und Eltern in Austausch trete. Man kann auch als Musiklehrer immer etwas dazulernen. Gerade im Bereich Schlagzeug habe ich viel Spannendes gehört, etwa bei der Kombination von neuen Sounds.

Ich nehme an, das Schlagzeug steht hoch im Kurs?

Gesamtschweizerisch steht immer noch Klavier an erster Stelle, gefolgt von Streichinstrumenten, Gitarre und dann Schlagzeug. Bei den beliebtesten Instrumenten haben wir leider Wartelisten: Wer Klavier lernen will, muss aktuell rund eineinhalb Jahre warten. Bei einigen anderen Instrumenten muss man nicht warten.

Kann man für Musik zu jung sein?

Prinzipiell nicht. Ich glaube, Musik spricht den Menschen von Geburt weg an und frühe Musikförderung ist sehr wichtig für die allgemeine Entwicklung. Die Frage, wann man mit Einzelunterricht beginnen soll, ist schwerer zu beantworten. Denn das eigenständige Üben zwischen erfordert ein hohes Mass an Selbstständigkeit.

Spüren Sie, wenn Kinder von den Eltern zum Musizieren gedrängt werden?

Ja, das merkt man. Aber das sind Einzelfälle. Eine gute Lehrerin schafft es, den Schüler abzuholen. Musik zu spielen, hat nach wie vor etwas sehr Faszinierendes. Das sehe ich jeweils an unserem Tag der offenen Tür.

Dabei gäbe es heute mehr Ablenkung denn je.

Gerade als Gegenpol zu der digitalen Welt haben Instrumente eine grosse Bedeutung und ihren eigenen Reiz. Es gibt nur wenige Tätigkeiten, die so anspruchsvoll sind wie ein Instrument zu spielen oder zu singen – und gleichzeitig so bereichernd.

Oft hört man «Mir fehlt das Talent». Ist jeder Mensch musikalisch?

Absolut. Von ganz wenigen biologisch bedingten Ausnahmen abgesehen, hat jeder Mensch das Potenzial, Musik zu spielen. Es ist mir ganz wichtig, dass wir an den Musikschulen alle Kinder fördern. Wir betreiben eine Breitenförderung. Und dann gibt es ein knappes Prozent, bei dem man merkt, dass sie ein grösseres Potenzial haben und sich schneller entwickeln.

Also doch Talent?

Ich rede lieber von Potenzial, die Begriffe «Talent» und «Begabung» setze ich nur sehr vorsichtig ein. Weil musikalische Entwicklung ein längerer Prozess ist, kann es sein, dass man das Potenzial eines Schülers erst nach ein paar Jahren bemerkt.

Warum soll man heute noch Musiker werden?

Das ist eine schwierige Frage. Der Markt für professionelle Musiker ist vielfältig, aber auch umkämpft. Wer von Beruf Musikerin werden will, muss das zu 150 Prozent wollen. Das Verlangen muss fast schon existenziell sein.

Was bedeutet das für die Ausbildung?

Ich sehe, dass sich viele Studierende bewusst breiter aufstellen: sich nicht nur zum Orchester- oder Solomusiker ausbilden lassen, sondern sich Zusatzkompetenzen aneignen als Dirigent, Komponistin oder Arrangeur oder in den digitalen Medien.

Viele Musiker werden Lehrer – ein Schneeballsystem?

So habe ich das noch nie gesehen. Der Vergleich ist auch irreführend, denn musizieren und Musik lehren gehören seit jeher zusammen. Auch in den Ausbildungen ist die musikpädagogische Arbeit eng mit der künstlerischen verbunden. Ausserdem konnten viele Musikschulen in den letzten Jahren entsprechend einer steigenden Nachfrage wachsen. Das ist nun vorbei. Mittlerweile befinden wir uns gesamtschweizerisch in einer Konsolidierungsphase.

Die Wartelisten lassen aber auf wachsende Nachfrage schliessen.

Ja, das ist aber vor allem eine Frage der Finanzierung. Die Musik-Akademie Basel beispielsweise ist eine privatrechtliche Stiftung und erhält von der Stadt einen festen Staatsbeitrag für jeweils vier Jahre. Dieses Globalbudget beschränkt logischerweise die Anzahl der Lektionen, die wir erteilen können.

Auch arbeitende Musiker beklagen aktuell fehlende Mittel.

Basel besitzt in der Kultur ein breites und hervorragendes Angebot. Aber die Diskussion, wer wie unterstützt werden muss, sollte man immer wieder neu führen. Ich begrüsse es sehr, wenn sich Player wie etwa die neu formierte IG Musik BS einbringen.

Ein Argument der IG ist, Musik aller Genres habe einen gesellschaftlichen Wert.

Ja. Es ist tief in uns allen verknüpft, dass wir Emotionen durch Musik ausdrücken wollen. Gleichzeitig ist die Frage nach Qualität und Nachhaltigkeit zentral.

Musik ist also mehr als eine angenehme Ablenkung?

Materiell überlebensnotwendig ist sie nicht. Aber das gilt für die Kultur insgesamt. Ich glaube jedoch, es gibt eine Wechselwirkung zwischen Musik und Zeitgeschichte: Die Beatles oder Mozart sind vielleicht nicht die Auslöser von gesellschaftlichen Umkrempelungen, aber sie sind untrennbar damit verbunden. Ich würde nicht behaupten, dass sich Musik dazu eignet, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Aber ich bin überzeugt, dass sie eine viel zentralere Rolle spielt, als vielen bewusst ist und die Welt ganz bestimmt nicht zu einem schlechteren Ort macht.

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